Nomos aus Glashütte

„Rache gegen die Sowjets“: Wie ein Ort in Sachsen mit seinen Uhren weltberühmt wurde

Uhren aus Glashütte gehören zu den besten der Welt. Doch auch dort ist die AfD die stärkste Kraft. Wie kann das sein? Ein Werksbesuch zum Tag der Deutschen Einheit.

10 Min
Eine Uhrmacherin von Nomos Glashütte korrigiert Uhrwerke, die zu schnell oder zu langsam laufen.

Eine Uhrmacherin von Nomos Glashütte korrigiert Uhrwerke, die zu schnell oder zu langsam laufen.

© Niklas Liebetrau/Berliner Zeitung

Der Uhrmacher lässt sich nicht aus der Ruhe bringen von den Influencern um ihn herum, den Kameras, den Smartphones, den hektischen Bewegungen. Sein Blick ist versunken in einem Mikroskop. Mit einer Pinzette tippt er immer wieder vorsichtig gegen eine winzig kleine blaue Spirale und schaut, wie sie schwingt. Sie ist kaum größer als eine Fruchtfliege. Er verbiegt sie leicht, mal nach oben, mal zur Seite. Aber nein, noch schwingt sie nicht ganz perfekt. Noch ist das Herz der Uhr nicht völlig austariert. „Meraviglioso!“, flüstert ein Italiener, der seine Handykamera auf den Mann gerichtet hat. Wundervoll!

Den ganzen Tag macht dieser junge Uhrmacher im weißen Kittel nichts anderes, als Spiralen wie diese anzutippen und zurechtzubiegen. Sie sind Teil eines technischen Meisterwerks, des sogenannten Swing-Systems, auch Assortiment, Reglage oder Hemmung genannt. Einer jeden mechanischen Uhr verleiht es ihren Takt. Man könnte auch sagen: ihre Zeit. Bei Nomos, der sächsischen Uhrenfirma, für die dieser junge Mann arbeitet, begründet es ein seltenes ostdeutsches Selbstbewusstsein.

Es gibt nicht viele Wirtschaftszweige, in denen Unternehmen aus Ostdeutschland zur Weltspitze gehören. Auch heute noch, 33 Jahre nach der Wiedervereinigung, ist das eher eine Seltenheit. In Glashütte aber, dem kleinen Städtchen im Osterzgebirge zwischen Dresden und der tschechischen Grenze, werden Uhren von Weltrang gefertigt. Die elf Manufakturen, die hier sitzen, vor allem die Firmen A. Lange und Söhne, Glashütte Original und Nomos, gehören zu den besten ihrer Zunft.

Die ostdeutsche Identität der Firmen, ihre sächsische Herkunft, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Eine Uhr mit dem Herkunftssiegel „Glashütte“ genießt international in etwa dieselbe Anerkennung wie Champagner aus der Champagne. Und wie der Schaumwein darf auch eine Uhr sich nur mit dem Siegel schmücken, wenn sie mindestens zur Hälfte hier vor Ort produziert wurde. Nomos fertigt sogar 95 Prozent seiner Uhren in der eigenen Manufaktur.

Blick auf Glashütte im Osterzgebirge, Sachsen

Blick auf Glashütte im Osterzgebirge, Sachsen

© Niklas Liebetrau/Berliner Zeitung

An diesem warmen Tag Ende September präsentiert sich das Unternehmen einem internationalen Fachpublikum. Rund 50 Instagramer, YouTuber, Uhrenjournalisten und Fachhändler aus Spanien, den Vereinigten Staaten und anderen Ecken der Welt sind in die kleine Stadt gekommen, um sich anzusehen, wie ein ostdeutsches Luxusprodukt von Hand gefertigt wird. Manche von ihnen tragen Rolex oder Omega am Arm, nicht wenige sogar zwei. Die meisten haben eine Nomos am Handgelenk. Und beim Swing-System, dem Herzen der Uhr, zücken besonders viele ihre Kamera.

Es war ein Paukenschlag, als Nomos das System 2014 bei einer Schweizer Uhrenmesse präsentierte. Eine Sensation. Sieben Jahre lang hatten die Sachsen geforscht, hatten elf Millionen Euro investiert, nun waren sie eines von nur einer Handvoll Uhrenunternehmen auf der Welt, die in der Lage sind, ein solches Teil zu fertigen. Von einer „Mondlandung“ sprach damals Uwe Ahrendt, einer der drei Inhaber, selbst ein Glashütter, von einer „Unabhängigkeitserklärung“. Es klang, als habe man in Sachsen zum zweiten Mal die Demokratie erkämpft. Die allermeisten in der Branche beziehen das System von einem einzigen Produzenten in der Schweiz. Nicht so Nomos in Glashütte. Breite Brust made Ostdeutschland.

Bei Nomos in Glashütte werden die Uhren von Hand gefertigt.

Bei Nomos in Glashütte werden die Uhren von Hand gefertigt.

© Niklas Liebetrau

Dabei tritt man bei Nomos an diesem Septembertag eher mit schweizerischem Understatement und einer Prise Zukunftsgewandtheit auf. Die Gäste werden in der firmeneigenen Tesla-Flotte von Dresden zur Fertigungshalle chauffiert, in der von der Platine bis zum Sekundenzeiger alles selbst gefertigt und streng auf Nachhaltigkeit gesetzt wird. Anschließend geht es in ein kleines weißes Häuschen mit einem schönen Blick über den Ort: die Chronometrie.

Hier sitzen die Uhrmacher. Von Hand setzen sie die einzelnen Teile zusammen, je nach Uhr können das bis zu 200 Stück sein, teilweise mikroskopisch klein. Höchst konzentriert sitzen die Männer und Frauen an ihren Tischen, meist in absoluter Stille, in weißen Kitteln und mit ruhiger Hand, die Lupe unter die Augenbraue geklemmt.

Man möchte nun, wenn man mal schon die Gelegenheit hat, natürlich gerne fragen: Wie blickt ein ostdeutscher Uhrmacher auf die gegenwärtige Zeit? Auf die Ost-West-Debatte, die pünktlich zum 3. Oktober wieder hochkocht? Das ganze Land diskutiert gerade über das Erstarken der AfD. Und fast wie mit einem Automatismus wird dabei auch über Ostdeutschland geredet, wo die Partei besser abschneidet als anderswo.

In der Chronometrie sitzen die Uhrmacher von Nomos. 

In der Chronometrie sitzen die Uhrmacher von Nomos. 

© Niklas Liebetrau/Berliner Zeitung

Auch in Glashütte wählen viele AfD. Einst holte hier Frauke Petry das erste Direktmandat der Partei im Bundestag. Und auch bei der letzten Bundestagswahl wurde die AfD mit 34 Prozent wieder stärkste Kraft im Ort. Ausgerechnet hier, in diesem international bekannten Städtchen mit langer Uhrmachertradition, rund 2000 Arbeitsplätzen „in der Uhr“, wie man das hier nennt, bei gerade einmal 1600 Einwohnern. Es gibt ein Uhrenmuseum in Glashütte, aber nicht ein einziges Restaurant. Man fragt sich, wie das alles miteinander zusammenhängt.

„Idioten gibt es leider einige hier“, murmelt darauf angesprochen ein Uhrmacher, der an seinem Tisch die Modelle auf Fehler überprüft. Es werde nicht über den Tellerrand geschaut, sagt er, nicht an die Konsequenzen gedacht, wenn man AfD wähle. Mehr aber sagt er nicht, und die Gruppe uhrenbegeisterter Fachleute aus aller Welt wird auch schon weitergeschoben, es ist ein enger Zeitplan.

Nomos hat nicht nur als ostdeutsches Luxusunternehmen ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Es ist eines der ganz wenigen Industrieunternehmen im Land, das sich regelmäßig nicht nur gegen rechts, sondern explizit gegen die AfD positioniert. Als Angela Merkel 2015 sagte, „wir schaffen das“, als Pegida zu Montagsmärschen gegen Migration aufrief und auch in Glashütte die Rechten mobilisierten, da hängte Nomos ein Transparent an sein Firmengebäude: „Wir ticken international“.

Eine Uhrmacherin setzt einer Uhr ihre Zeiger ein.

Eine Uhrmacherin setzt einer Uhr ihre Zeiger ein.

© Niklas Liebetrau/Berliner Zeitung

Ohne offene Grenzen, ohne die Wiedervereinigung, ohne die Demokratie hätte es Nomos nie gegeben, sagte damals die Markenchefin und Mitinhaberin Judith Borowski, sie sagt es auch heute noch. Sie verweist auf die Firmengeschichte, die erst mit der Wende begann, und sagt, man wolle „dieses braune Gedankengut“ nicht im eigenen Unternehmen haben.

Damals war es auch eine Botschaft an die internationalen Kunden, die sich mit den Jahren immer besorgter bei Nomos meldeten. Viele hätten wissen wollen, „ob ein Nazi an ihrer Uhr gearbeitet hat“, sagte Borowski damals dem Spiegel. Eine Uhr am Handgelenk, das sei wie ein Ausweis, der für etwas stehe. Seit einigen Jahren nun bietet Nomos Demokratie-Workshops für seine Mitarbeiter an. In den achtwöchigen Kursen gibt es die Möglichkeit, offen über Sorgen und Fragen zu sprechen, etwa in Bezug auf Migration. Es wird erklärt, wie Verschwörungserzählungen oder auch die Bilder-Rückwärtssuche funktionieren, mit der man sehen kann, aus welchem Kontext ein Foto stammt. Die Geschäftsleitung nimmt nicht teil, die Mitarbeiter sollen frei sprechen können.

Rund 200 Mitarbeiter arbeiten für Nomos Glashütte.

Rund 200 Mitarbeiter arbeiten für Nomos Glashütte.

© Niklas Liebetrau

Im Rest der Glashütter Uhrenwelt ist man bei politischen Äußerungen deutlich zurückhaltender. Überwiegend hält man es hier eher schweizerisch-neutral, was wohl vor allem daran liegt, dass die anderen Manufakturen großen internationalen Konzernen gehören. Das war nicht immer so.

Bereits seit mehr als 175 Jahren gibt es Uhren aus Glashütte. Ferdinand Adolph Lange, quasi der Uhr-Vater der Stadt, begann im Jahr 1845, nach einem Aufruf der königlich-sächsischen Regierung, Uhrmacher im Ort auszubilden. Wenige Jahrzehnte später war die Uhrenindustrie das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt.

Zu DDR-Zeiten dann wurden die Uhrmacher enteignet. Ihre Firmen gingen im Volkseigenen Betrieb Glashütter Uhrenbetriebe auf. Walter Lange, der Urenkel von Ferdinand Adolph, ebenfalls ein Uhrmacher, der zur Arbeit in ein ostdeutsches Uranbergwerk geschickt werden sollte, floh in den Westen und führte die Uhrengeschäfte der Familie in Pforzheim fort.

Unmittelbar nach der Wende, mit 66 Jahren, kehrte er nach Glashütte zurück und gründete A. Lange und Söhne. Heute gehört die Manufaktur zur Schweizer Luxusgütergruppe Richemont und fertigt Uhren teils im Wert von Penthouse-Wohnungen. Ihre teuerste Uhr, die Grand Complication in 18 Karat Rotgold, ist 1,92 Millionen Euro wert.

Hier liegen die Stunden, Minuten und Sekunden – zumindest die Zeiger dafür.

Hier liegen die Stunden, Minuten und Sekunden – zumindest die Zeiger dafür.

© Niklas Liebetrau/Berliner Zeitung

Bei Nomos, ebenfalls kurz nach der Wende gegründet, ist man einen anderen Weg gegangen. Die Uhren hier sind eher schlicht und zurückhaltend im Bauhaus-Stil gehalten. Sie bewegen sich, je nach Materialien und Größe, zwischen 1300 und 15.800 Euro. Auch sie sind Liebhaberstücke.

Gegründet 1991 vom Düsseldorfer Roland Schwertner, stieg bei Nomos zehn Jahre später Uwe Ahrendt ein, der dem Unternehmen noch ein bisschen mehr ostdeutsche Identität verlieh. Bereits in vierter Generation ist Ahrendt Uhrmacher aus Glashütte. Noch heute lebt er mit seiner Familie hier im Ort, sitzt für die Grünen im Kreistag, war kurzzeitig sogar mal Bürgermeister.

An diesem Septembertag sitzt Ahrendt zusammen mit Judith Borowski auf einer Bank im Garten hinter dem Nomos-Forum, einer umgebauten katholischen Kirche. Es ist die letzte Station für die internationalen Gäste. Hier möchte die Manufaktur dem geneigten Publikum ihre neuesten Modelle vorstellen, die sich optisch an den Farben New Yorks orientieren: am Silber der Hochhausfassaden, dem Rot der Backsteine von Greenwich Village, dem Salbeigrün der Freiheitsstatue.

Uhrenenthusiasten fotografieren die neuesten Modelle aus Glashütte.

Uhrenenthusiasten fotografieren die neuesten Modelle aus Glashütte.

© Niklas Liebetrau

Es gibt Häppchen vom Sternekoch, an der Bar kellnert Ahrendts Tochter, seine Frau und sein Sohn zeigen den Gästen die neuen Uhren. Zeit, mit den Inhabern persönlich über die Lage des Landes zu sprechen.

Frage an Uwe Ahrendt: Wie reagieren bei so viel politischer Haltung des Unternehmens eigentlich die Nachbarn, von denen manch einer sicher die AfD wählt? „Am Anfang haben einige schon die Straßenseite gewechselt, wenn sie mich gesehen haben“, sagt Ahrendt. Inzwischen habe sich das gelegt. Mit manchen habe man eben nichts mehr zu tun. Mit anderen diskutiere man beim Essen. „War das eigentlich schon immer eine konservative Gegend hier?“, möchte nun Judith Borowski, selbst am Bodensee aufgewachsen, von ihrem Geschäftspartner wissen. Sie hätten nie darüber gesprochen. „Schon immer“, sagt Ahrendt.

Interessant wird es dann zu sehen, wie unterschiedlich die beiden auf den Zustand des wiedervereinigten Deutschlands blicken. Er, der Ossi, und sie, die Westlerin. Es entspinnt sich ein Ost-West-Austausch, pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit.

Sie: „Ich habe den Eindruck, die Gräben werden tiefer. Was die Wiedervereinigung betrifft, machen wir eher eine Rolle rückwärts.“ Er: „Es braucht noch eine Generation, bis wir zusammenwachsen. Für meine Kinder spielen diese Themen keine so große Rolle mehr.“ Sie: „Viele Ostdeutsche fühlen sich gegenüber den Westdeutschen benachteiligt.“ Er: „Ja, aber ich kann das nicht von mir behaupten, es hängt auch immer von einem selbst ab.“

Die Inhaber von Nomos Glashütte: Uwe Ahrendt und Judith Borowski

Die Inhaber von Nomos Glashütte: Uwe Ahrendt und Judith Borowski

© Niklas Liebetrau/Berliner Zeitung

Einig aber sind die beiden Unternehmer sich in einem Punkt: Eine starke AfD, vielleicht sogar irgendwann in Regierungsverantwortung, wäre schlecht fürs Geschäft. Dann aber soll es genug sein mit den politischen Fragen, es geht ja vor allem um die neuen Uhren und um die Gäste aus nah und fern. Zum Abschluss der Veranstaltung liest Gary Shteyngart, amerikanischer Autor mit russischen Wurzeln, aus einem Artikel, den er 2016 für den New Yorker geschrieben hat. Darin beschreibt er seine Leidenschaft für Uhren, speziell für die von Nomos und A. Lange und Söhne.

In dem Text geht es auch um einen Besuch in Glashütte. Der Erfolg dieses Ortes, schreibt Shteyngart, der Erfolg der Unternehmen hier, er könne auch immer als eine Form von Rache gesehen werden. „Rache gegen das totalitäre System der Sowjets.“ Und vielleicht ist dies das Aussagekräftigste, was man über diesen kleinen Ort im Osterzgebirge sagen kann: Hier werden Uhren von Weltruhm gefertigt, allen Ost-West-Debatten zum Trotz.

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