Zum 50. Todestag von Henny Porten (1890 -1960) veranstaltet das Zeughaus-Kino eine Hommage an die Diva, die ihre größten Triumphe in den Jahren des Stummfilms feierte. Später wurde es ruhiger um sie. In der NS-Zeit hielt sie ihrem jüdischen Ehemann die Treue; dank einer "Sondergenehmigung" durfte sie zwar die eine oder andere Rolle übernehmen, aber das Damoklesschwert des Arbeitsverbots schwebte über ihr. "Henny Porten", so hatte ein Nazi-Blatt gegeifert, "mimt in ihren Filmen mit Vorlieben die deutsche Frau. Jene deutsche Frau, die sie in Wirklichkeit nicht ist. Wer mit einem Juden das Ehebett teilt, hat sich selbst aus der Gemeinschaft deutscher Frauen ausgeschlossen." Über eine Emigration hatte die Porten nachgedacht, das kam aus familiären Gründen schließlich doch nicht in Frage.Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Henny Porten im holsteinischen Ratzeburg, ihr Mann praktizierte dort als Arzt. Das westdeutsche Kino bot ihr nur eine einzige, undankbare Rolle an. Erst die ostdeutsche Defa ermöglichte ihr ein spätes Comeback. Um ein vereinbartes Vorgespräch zu "Carola Lamberti - Eine vom Zirkus" (1954) führen zu können, nahm die alte Dame all ihren Mut zusammen und wanderte im Juni 1953, während der Arbeiterunruhen, von West nach Ost durchs Brandenburger Tor. Zu Fuß, denn der West-Berliner Taxifahrer hatte sich geweigert, sie über die Sektorengrenze zu kutschieren. Der Drehbuchautor Joachim Barckhausen, der mit ihr am Defa-Film "Das Fräulein von Scuderi" (1955) arbeitete, schilderte ihre damalige Verfassung so: "Stets trug sie einen kleinen Koffer mit sich herum, der mit vergilbten Kritiken und alten Fotos gefüllt war - den Stationen ihres Ruhms. Tränen des Glücks konnten ihr in die Augen steigen, wenn wir auf Spaziergängen einem alten Bauern begegneten, der plötzlich wie angewurzelt stehen blieb und ausrief: ,Das ist doch die Porten?'" In solchen Momenten fühlte er sich an Gloria Swanson in "Boulevard der Dämmerung" erinnert: "Sie verkörperte auf erschütternde Weise die Tragik ihres eigenen Lebens: die des gealterten, längst vergessenen Filmstars, süchtig nach dem Ruhm, den man ihr entzogen hatte wie eine Droge ..."Die Zeughaus-Retrospektive blickt auf jene Zeiten zurück, in denen im deutschen Kino fast nichts ohne die Porten ging und der Publizist Kurt Pinthus über die Darstellerin jubelte: "Man mache sie zum Reichspräsidenten! Hier ist eine Gestalt, die in Deutschland volkstümlicher ist als der alte Fritz, als der olympische Goethe es je waren und sein konnten. Hier ist eine schöne Frau, die als Vereinigung von Gretchen und Germania von diesem Volke selbst als Idealbild eben dieses Volkes aufgerichtet wurde." Zur selben Zeit gelang der Porten etwas nahezu Unmögliches: Weil ihr die tradierten Rollen nicht mehr genügten, löste sie sich von den schicksalsumwehten Figuren heroischer deutscher Mütter und emanzipierte sich zur Komödiantin ersten Grades.Das Zeughaus zeigt neben einer Reihe kurzer Arbeiten vor allem weniger bekannte, weil lange verschollene oder als unwichtig erachtete Porten-Produktionen: Carl Froelichs "Der Schirm mit dem Schwan" (1916), eine Komödie um die Verwirrspiele einer lebenslustigen amerikanischen Witwe; Rudolf Biebrachs "Die Heimkehr des Odysseus" (1918), ein Schwank aus den bayerischen Bergen; Hans Steinhoffs "Inge Larsen" (1923) über eine Fischertochter und ihren adeligen Geliebten; oder Froelichs "Mutter und Kind" (1924) nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Hebbel über das Herzeleid der Leihmutterschaft. Ausgegraben wurde auch "Henny Porten. Leben und Laufbahn einer Filmkünstlerin. Ein Querschnittsfilm" (1928) von Oskar Kalbus, der erste abendfüllende Porträtfilm über einen Filmstar, der je in Deutschland entstand: Dank dieser Kompilation ist es heute möglich, wenigstens ein paar Szenen aus solchen Arbeiten zu sehen, die in ihrer kompletten Schönheit inzwischen leider als verloren gelten müssen.-----------------------Gretchen und Germania - Hommage an Henny Porten Zeughauskino ab Freitag 19 Uhr.------------------------------Foto: Verkörperte erschütternd die Tragik ihres eigenen Lebens: Henny Porten (1890- 1960).
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de