Ralf Schenk über ein Dadaisten in Bitterfeld und russische Einwanderer in Jerusalem

Fallbeil statt Beifall

Ralf Schenk
3 Min

Zwei merkwürdige Leute geben ein merkwürdiges Konzert. Der eine groß und schlaksig, mit hervortretenden Augen und glatt rasiertem Schädel. Der andere klein und quirlig, sein Sprechgesang ist ein Balanceakt am Rande der Verzweiflung. "Ich bin ich, und du bist du", schreit er ins Mikrofon, bis sich die Stimme zu überschlagen droht. Später wird man über die beiden schreiben, sie seien so etwas wie "Don Quichotte und Sancho Pansa als erschöpft-melancholisches Dadaisten-Paar" gewesen.Der Dürre, Matthias Baader Holst, ist lange tot. Er starb 28-jährig am 30. Juni 1990, dem Vortag der deutschen Währungsunion, nachdem er unter mysteriösen Umständen von einer Straßenbahn erfasst worden war. Der Kleine, Peter Wawerzinek, wurde gerade mit höchsten literarischen Ehren bedacht: Er erhielt den Bachmann-Preis in Klagenfurt, sein Roman "Rabenliebe" erzählt von einer Kindheit im Heim in der DDR. Für "Briefe an die Jugend des Jahres 2017" (1990-92), einen ruppigen Undergroundfilm aus der Endzeit der DDR, standen die Freunde einst gemeinsam vor der Kamera.Der Titel geht auf ein Denkmal in Bitterfeld zurück, das wir am Ende des Films auch sehen. Ein Deutschlehrer hatte seinen Schülern aufgetragen, stolze Briefe zu verfassen, um sie in einer Kassette in der Betonmauer zu hinterlegen. 2017, zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution, sollte die Schatulle geöffnet werden. - Holst und Wawerzinek hatten mit so viel Pathos rein gar nichts im Sinn; sie unterliefen es mit absurd-expressionistischen Versen und Bildern einer verfallenden Zivilisation. Ein Kohlebahnhof, Chemieabfälle im Fluss, ausgestopfte Tiere hinter Glas, eine graue Berliner Straßenflucht. Gedichte, rezitiert unter einem Güterzug oder auf dem Rücksitz eines Mopeds, gewagte Haltungen und gefährliche Wortspiele, die mit dem Vokabular des DDR-Systems, aber auch mit tabuisierten Themen und Begriffen jonglierten: "Ich wünsche mir Fallbeil statt Beifall." In jedem filmischen Moment: die "Sucht nach Provokation" (Wawerzinek), das Beharren auf künstlerische Formen jenseits vorgeschriebener Bahnen, auch jenseits der Norm des als subversiv etablierten Prenzlauer-Berg-Literatentums. "Ich bin ich und du bist du."Im zweiten Film des Wawerzinek-Kinoabends, "Die Knittrich" (1994), griff der Autor auf seinen "Nix"-Roman zurück: Carmen-Maja Antoni, Joachim Tomaschewsky und Jürgen Kuttner spielen Hauptrollen in einer absurden Revue, in der Politik und Medien lustvoll zur Schlachtbank getragen werden. Am Schluss heißt es verschwörerisch: "Ein Gang zum Schuttberg ist die allerbeste Verfassung der Welt. Meine Verfassung. Ein neues Stück erfinden nenne ich Demokratie. Meine." Der Dichter, der fremde Welt-Bilder negiert, um seine radikale Subjektivität ausleben zu können. So was ist in Berlin nur in der Brotfabrik zu sehen, mit ihrem Faible fürs Hintergründige, Schräge, jedem System Unangepasste: Besten Dank!Lohnend ist auch das erste israelische Filmfestival in Berlin, "Cinemaviv", das ab Sonntag in der Kurbel stattfindet, unter anderem mit zwei starken Dokumentarfilmen: "Diplomat" (2009) von Dana Goren skizziert den Alltag in einem ehemaligen Jerusalemer Luxus-Hotel, das seit 20 Jahren als Herberge für jüdische Übersiedler aus der ehemaligen Sowjetunion dient. Die Kamera beobachtet vor allem alte Menschen, darunter viele Künstler, die sich hier eine Art russischer Enklave aufgebaut haben. - "Pickles" (2005) von Dalid Kimor folgt den Bemühungen muslimischer Witwen, einen eigenen Handel mit eingelegtem Gemüse aufzubauen. Ein Versuch, sich innerhalb einer strikt patriarchalischen Welt zu emanzipieren, ein Film voller komischer und trauriger Wendungen. Das Geschäft scheitert schließlich an falschen Versprechen windiger Großhändler und an mutlosen Investoren. Und doch möchte keine der beteiligten Frauen diese zwei Jahre missen: "Pickles" als Hoffnungszeichen.-----------------------Peter Wawerzinek Kino in der Brotfabrik, Do-Mi 19.45 Uhr,Di im Beisein des AutorsCinemaviv Die Kurbel, ab So 18 Uhr------------------------------Foto: Zu DDR-Zeiten bereicherte er mal den Underground: Peter Wawerzinek.

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