Rauchen vor 300 Jahren

Wie Tonpfeifen tiefe Löcher ins Gebiss schliffen

Manche nahmen große Schmerzen in Kauf, nur um weiter zu qualmen.

Maritta Tkalec
2 Min
Schädel mit Pfeifenlöchern aus einer Friedhofsgrabung in Spandau.

Schädel mit Pfeifenlöchern aus einer Friedhofsgrabung in Spandau.

© Dr. Bettina Jungklaus

Tonpfeifen, gefunden im Bereich Festungsanlage um Inselstraße und Niederwallstraße

Tonpfeifen, gefunden im Bereich Festungsanlage um Inselstraße und Niederwallstraße

© Stadtmuseum Berlin/Michael Setzpfandt

Wie die Pfeifenstiele Löcher ins Gebiss rieben, beschreibt eindrücklich der Hofzahnarzt Friedrichs des Großen, Philipp Pfaff, zitiert im Katalog der Ausstellung: „Es giebt Liebhaber des edlen Tobackskrauts, welche ihre Pfeife so beständig ca-ressieren, dass sie selbige gar nicht, auch bey der Arbeit nicht einmal, missen können. Diese pflegen das Pfeifchen mit den Zähnen, und zwar beständig an einem Orte des Mundes, ungemein festhalten. Die Pfeife ist nun öfters aus Thone bereitet, und ein fester Körper, welcher sich an den Zähnen reibet, diese nach und nach, bis an die kleine Höhle, wo der Nerv endigt, abschleifet, da denn oftmals unerträgliche Zahnschmerzen zu erfolgen pflegen, ein Uebel, welches in anderen Fällen und unter anderen Umständen das heilsame Tobackskraut vertreiben soll.“

Erinnerung an die einfachen Leute

In der Regel sind vier Zähne im Frontzahnbereich betroffen, der Abschliff bildet eine fast kreisrunde Lücke. Vor allem in den Gebissen von Soldaten finden sich solche Schleifkanäle; in Massengräbern aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieg kommen sie häufig vor.

Auf dem 1999 ausgegrabenen Friedhofsgelände liegen sämtliche in den Jahren zwischen etwa 1688 bis 1796 verstorbenen Spandauer Bürger, ein Querschnitt der Gesellschaft. Wahrscheinlich war der Anteil von Soldaten hoch, Spandau war zu jener Zeit Garnisonsstadt.

Der skurrile Schädel wie auch die Pfeifen gelangten aus einem triftigen Grund in die Schloss.Stadt.Berlin.-Ausstellung. „Wir wollten den einfachen Leuten, den Berlinern, Präsenz verschaffen“, sagt Kurator Peter Schwirkmann und weist auf ein generelles Überlieferungsproblem hin. Die Oberschicht sei mit Bildern, Kleidern, allen möglichen Gegenständen meist gut vertreten, von der Unterschicht habe man meist nichts. Grabungsfunde aus historischen Müllhalden wie sie auch aus der Zeit des Baus der Berliner Festungen 1650 bis 1683 vorliegen, helfen weiter: Da gibt es einfache Irdenware, Austernschalen als Reste von Schlemmermahlen und eben Massen von Tonpfeifen.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 23. April 2017. Jeden ersten Mittwoch im Monat ist der Eintritt frei. Siehe auch Veranstaltungshinweis in Was Wann Wo auf dieser Seite.

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