Verkraftet ein Körper das rauschhafte Trinken zum Karneval?
Die meisten Körper verkraften es einigermaßen. Aber man kann sich natürlich durch hohe Alkoholmengen in große Gefahr – bis hin zur Alkoholvergiftung mit Koma – bringen. Wenn man tagelang zuviel trinkt, bedeutet das für den Körper enormen Stress. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist das Risiko besonders hoch, weil ihre Organe sensibler auf Alkohol reagieren. Auch die Gefahr, durch regelmäßiges Trinken in eine Alkoholabhängigkeit zu rutschen, ist groß.
Womit hängt das zusammen?
Damit, dass die Organe von Jugendlichen sich noch entwickeln. Vor allem das Hirn befindet sich in der Pubertät und danach in einer grundlegenden Umbauphase. Neue Vernetzungen und Verschaltungen werden gebildet. Das dauert etwa bis zum 21. Lebensjahr. In dieser Zeit ist der Einfluss von psychoaktiven Substanzen, auch von Alkohol, aufs Hirn besonders groß und kann massive Folgen haben, bis zur Abhängigkeit.
Sehen Sie bei Jugendlichen besondere Trends, was Alkohol betrifft?
Es gibt auf der einen Seite einen Rückgang im regelmäßigen Konsum bei den 12- bis 17-Jährigen. Regelmäßig bedeutet: mindestens einmal pro Woche. In dieser Hinsicht wird das Verhalten verantwortungsvoller. Wir sind auch erfreut über Entwicklungen bei den noch Jüngeren, den 12- bis 15-Jährigen. Für sie ist Alkoholkonsum vom Jugendschutz her ja nicht gestattet. Trotzdem haben im Jahre 2001 noch rund 80 Prozent auf die Frage ,Hast du jemals in deinem Leben Alkohol getrunken?' mit Ja geantwortet. Der Anteil ging bis 2011 auf etwa 60 Prozent zurück. Auf der anderen Seite
sehen wir aber auch Probleme.
Welche sind das?
Dazu gehört vor allem das Rauschtrinken – der Konsum von mindestens fünf alkoholischen Getränken bei einer Trinkgelegenheit. 45 Prozent der männlichen 16- und 17-Jährigen gaben 2011 in Umfragen an, dass sie sich im letzten Monat mindestens einmal in einen Rausch getrunken haben. Bei weiblichen Befragten sind es 22 Prozent.
Kann man vom einmaligen Rauschtrinken schon abhängig werden?
Das nicht, aber das Risiko einer Alkoholvergiftung ist gegeben. Eine einzige Alkoholvergiftung mit Koma in der Folge kann unter unglücklichen Umständen zum Tod führen. Das muss man einfach wissen. Eine
Alkoholabhängigkeit wiederum entwickelt sich meist in einem schleichenden Prozess, der bei Jugendlichen etwas schneller gehen kann als bei Erwachsenen. Aber das Muster ähnelt sich: täglicher Alkohol-Konsum, Mengensteigerung, Alkohol als Scheinlösung für vielerlei Probleme – und dann wird Alkohol ganz allmählich einfach unverzichtbar. An diesem Punkt wird aus Missbrauch Sucht, wenn man nicht ganz schnell die Reißleine zieht. Und eine Sucht ist wirklich schwer zu überwinden.
Kann sich aus dem regelmäßigen Viertel Wein eine Sucht entwickeln?
Sicher. Vor allem, wenn man den Viertelliter Wein jeden Tag trinkt. Irgendwann wird sich die Menge vielleicht erhöhen. Eines Tages glaubt man, nicht mehr ohne den Suchtstoff auskommen zu können. Eine psychische Abhängigkeit entsteht. Zwar hat nicht jeder Mensch die Disposition, eine Sucht zu entwickeln. Aber das Risiko ist bei langjährigem, regelmäßigen Konsum natürlich da. Deshalb sollte man sich an die empfohlenen Grenzwerte halten und auch immer wieder eine Alkoholpause einlegen.
Das Interview führte Torsten Harmsen
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