Es klingt nach Science-Fiction: Augäpfel, die zehn Stunden nach dem Tod noch auf Licht reagieren. Genau das ist einem Forschungsteam in Barcelona jetzt gelungen – mit einer 3D-gedruckten Box.
Die Kiste heißt „Eye-in-a-Care-Box“, kurz ECaBox. Sie pumpt eine mit Sauerstoff angereicherte Flüssigkeit durch die Hauptschlagader des Auges und hält so die empfindliche Netzhaut am Leben.
Das Ergebnis ist so faszinierend wie unheimlich: Selbst Stunden nach dem Tod feuerte die Netzhaut noch elektrische Signale, sobald Licht auf sie fiel. Ein Befund, der an einer alten Gewissheit kratzt – dass mit dem Tod auch jede Reaktion auf Licht endet.
So funktioniert die „Augen-Pflegebox“
Der Aufbau ist erstaunlich simpel. Über eine dünne Kanüle in der Augenarterie zirkuliert die ECaBox eine Nährlösung durch das Auge. Sensoren regeln Druck und Durchfluss, ein Fenster an der Seite erlaubt den Blick auf die Blutgefäße.
Für ihre Tests holten sich die Forscher Schweineaugen aus einem nahen Schlachthof. Anatomisch ähneln sie dem menschlichen Auge stark. Innerhalb von zweieinhalb Stunden nach dem Tod lagen sie im Labor auf dem Tisch.
Dann der Vergleich: Ein Teil der Augen kam in die Box, der Rest wurde herkömmlich bei 4 Grad gelagert. Nach 24 Stunden waren die Augen aus der ECaBox deutlich besser erhalten. In rund 90 Prozent der gut angeschlossenen Augen floss die Flüssigkeit sichtbar bis in die feinsten Kapillaren.
Wenn die Netzhaut nach dem Tod „aufwacht“
Der spektakulärste Teil kommt aber erst. Mit einer Methode namens Elektroretinografie maßen die Forscher, ob die Netzhaut auf Lichtblitze reagiert.
Bei 15 von 36 Augen tat sie das – teils bis zu zehn Stunden nach dem Tod, in einem Fall sogar zwölf. Schaltete das Team die Pumpe ab, verschwand das Signal. Lief sie wieder, kehrte es zurück.
Das ist der eigentliche Clou: Es ist der Sauerstoff-Fluss, der die Netzhaut wach hält. Genau das macht die Studie so bemerkenswert.
Ein Detail dämpft die Euphorie: Wurde ein Auge erst mehr als fünf Stunden nach dem Tod angeschlossen, verloren die Gefäße messbar an Stabilität. Zeit ist bei dieser Technik alles.
Die Netzhaut kleidet die Innenwand des Auges aus und wandelt Licht in Nervensignale um. Über den Sehnerv (links) gelangen sie ins Gehirn. (Illustration)
© Imago/Liubov Ponomarchuk
Warum das noch lange keine Sehkraft bedeutet
Das große Ziel hinter der Forschung ist heikel: die Transplantation eines kompletten, funktionierenden Auges. Bei Herz, Lunge oder Niere längst Routine, beim Auge bislang unmöglich.
Der Grund liegt in der Netzhaut. Sie ist extrem anfällig, sobald ihr auch nur kurz der Sauerstoff fehlt. Genau hier setzt die Box an.
2024 gelang in den USA ein erster spektakulärer Schritt: Ein Mann, der einen schweren Stromschlag überlebt hatte, bekam ein Teilgesicht und ein neues linkes Auge transplantiert. Die Netzhaut wurde durchblutet und reagierte sogar auf Licht – sehen konnte der Mann mit dem Auge trotzdem nicht.
Und da liegt der Haken. Selbst eine perfekt versorgte Netzhaut nützt nichts, solange der Sehnerv nicht wieder mit dem Gehirn verbunden ist. Die Wiederherstellung des Sehens hänge genau an dieser Verkabelung, und dieses Problem sei bislang ungelöst, sagt der Augenforscher James Bainbridge vom University College London, der an der Studie nicht beteiligt war.
Auch menschliche Augen im Test
Die Forscher probierten ihr Verfahren auch an zwölf Augen von sechs verstorbenen Spendern aus. Wieder schnitten die Augen in der Box besser ab als die herkömmlich gelagerten.
Einen Haken gibt es aber: Ob auch diese Augen noch auf Licht reagierten, wurde nicht getestet. Sie erreichten das Labor erst sechs bis zehn Stunden nach dem Tod – vermutlich zu spät.
Spender-Augen sind rar. Meist werden sie für Hornhaut-Transplantationen gebraucht. Die Zahl der untersuchten menschlichen Augen ist entsprechend klein.
Was von der Studie zu halten ist
Bei aller Faszination ist Vorsicht angebracht. Die Ergebnisse stehen bisher nur als Preprint auf dem Server bioRxiv, unabhängige Fachleute haben sie also noch nicht geprüft.
Trotzdem ist die Richtung bemerkenswert. Denn selbst wenn die Augentransplantation Zukunftsmusik bleibt, hat die Box schon jetzt einen handfesten Nutzen.
Sie könnte zur Testbühne für neue Therapien gegen Augenkrankheiten werden, etwa gegen die altersbedingte Makuladegeneration. Mäuse, das übliche Versuchstier, besitzen die dafür entscheidende Stelle im Auge nämlich gar nicht. Große Tieraugen aus der Box könnten diese Lücke schließen.
Der Traum vom nachwachsenden Augenlicht ist damit noch nicht wahr. Aber die Grenze zwischen „tot“ und „noch funktionsfähig“ ist bei der Netzhaut offenbar unschärfer, als lange gedacht.
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