Die Bilder haben Kopfschmerzpotenzial: Derzeit verbreiten sich auf Social Media Fotos vom neuen Cruise-Giganten „Icon of the Seas“ mit quietschbuntem Interieur. Das größte Kreuzfahrtschiff der Welt war am Wochenende aus dem Hafen der US-Metropole Miami zu seiner ersten Reise ausgelaufen. Mit 20 Decks, 365 Metern Länge und Platz für rund 10.000 Menschen erfüllt es alle Superlative der Branche.
Die Draufsicht offenbart die ganze Gigantomanie in Pink, Grün, Blau; ein farbgewordener Wahnsinn auf dem Wasser: Sechs Rutschen winden sich über die insgesamt 20 Decks, 16 Pools „für jede Stimmung“ gibt es und einen 17 Meter hohen Indoor-Wasserfall. Die Reederei spricht vom „größten Wasserpark auf See“.
Kopfschmerzen bereitet der schwimmende Vergnügungspark mit Kleinstadtausmaßen nicht nur Umweltschützern. „Wenn man wirklich an Nachhaltigkeit und nicht an seinen Gewinn denken würde, würde man kein Kreuzfahrtschiff mit einer Kapazität von fast 10.000 Menschen bauen“, zitiert die New York Times Marcie Keever von der Organisation Friends of the Earth. Und Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, twittert: „Dieses Schiff ist eine Perversion. Wer die Meere hasst, fährt dieses Schiff.“
In jedem Fall lenkt das Schiff der US-amerikanischen Reederei Royal Caribbean International, offiziell getauft von Weltfußballer Lionel Messi, die Aufmerksamkeit wieder auf die Auswirkungen des Kreuzfahrttourismus auf den Planeten.
Laut Umweltbundesamt sind die Schiffe „sehr klimaschädliche Verkehrsmittel für die Urlaubsreise“. Zum einen verursachten sie im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln hohe Treibhausgasemissionen pro Personenkilometer. Zum anderen würden mit ihnen meist auch sehr große Entfernungen zurückgelegt.
Fünfmal größer als die „Titanic“: Weltgrößtes Kreuzfahrtschiff sticht in See
„Kreuzfahrten verursachen besonders hohe Kohlendioxidemissionen. Bei einer 7-tägigen Mittelmeerkreuzfahrt fallen pro Person rund 1,9 Tonnen CO2-Äquivalente an, wobei meistens noch die Flüge zur An- und Abreise hinzugerechnet werden müssen“, heißt es auf der Website von Deutschlands zentraler Umweltbehörde. Damit verursache man allein durch solch eine Kreuzfahrt schon mehr Treibhausgasemissionen als ein durchschnittlicher Deutscher pro Jahr für Auto, Bus und Bahn.
Doch Kritik kommt nicht nur von Umweltverbänden, auch allgemeine Kommentare auf der Plattform X zeigen mindestens Verwirrung angesichts der Dimensionen des Schiffes: „Das moderne Babel ist kein Turm. Es ist ein Schiff.“ – „Bild des Übermaßes. Symbol moderner Maßlosigkeit“ – „Es ist so protzig wie ein Vegas-Casino und vulgär wie die Neureichen“, heißt es da.
Surfside heißt der Bereich an Bord, der für junge Familien gedacht ist.
© Royal Carribean
Doch wie argumentiert die Reederei angesichts der Kritik, die ja schon im Vorfeld laut wurde? Auf der Website zeigen Fact Sheets nicht nur die acht Themenwelten von Central Park über Chill Island bis Royal Promenade, ein Datenblatt handelt auch „schnelle Fakten zum Thema Umwelt“ ab. Darin wird auf das Energiemanagement des Schiffes verwiesen: „Jedes verbrauchte Kilowatt wird auf Energieeffizienz und Emissionsreduzierung geprüft“, heißt es. Und: Mehr als 93 Prozent des Frischwassers an Bord werde über eine Umkehrosmose-/Entsalzungsanlage produziert. Es fährt auch ein eigens für solche Belange engagierter Environmental Officer mit.
„Icon of the Seas“: Durch den LNG-Antrieb umweltfreundlicher?
Immer wieder wird auch darauf hingewiesen, dass die von der Werft Meyer Turku im finnischen Turku gefertigte „Icon of the Seas“ mit Flüssigerdgas (LNG) fährt. Das zwei Milliarden Dollar teure Schiff, das fünfmal größer als die legendäre „Titanic“ ist und oft mit dem gesunkenen Riesen aus 1912 verglichen wird, sei durch den LNG-Antrieb umweltfreundlicher als herkömmliche Schiffsmotoren, so die Reederei. Ein Sprecher sagte Medienberichten zufolge, dass das Schiff 24 Prozent energieeffizienter sei als es von der Internationalen Schifffahrtsorganisation für moderne Schiffe gefordert werde.
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Das schadstoffärmere verflüssigte Erdgas LNG gilt als Übergangslösung hin zu einer klimafreundlicheren Kreuzfahrt. Weil bei der Verarbeitung aber klimaschädliches Methan entweicht, ist die Klimabilanz trotz der geringeren CO2-Emissionen im Vergleich etwa zu Marinediesel mitunter schlechter.
Es sei „ein Schritt in die falsche Richtung“, sagt denn auch Bryan Comer, Direktor des Marine-Programms beim International Council on Clean Transportation (ICCT) gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er schätzt, dass die Verwendung von LNG als Schiffskraftstoff über 120 Prozent mehr „Lebenszyklus-Treibhausgasemissionen“ verursacht als Marine-Gasöl.
Doch an der Attraktivität des Schiffes in einer nach Corona wieder auflebenden Branche ändert all das offenbar wenig: Als die Reservierung für die „Icon of the Seas“ im Oktober 2022 startete, meldete Royal Caribbean den stärksten Buchungstag seiner mehr als 50-jährigen Geschichte. Heimathafen ist Miami, von wo aus das Riesenschiff von nun an ganzjährig zu 7-Tages-Kreuzfahrten in die Karibik ablegt.
Touristenattraktion: Menschen schauen zu, wie das weltgrößte Kreuzfahrtschiff den Hafen von Miami verlässt.
© Marco Bello/AFP
Und da ein neuer Riesenpott offenbar nicht reicht, lässt die Reederei ab diesem Sommer noch die „Utopia of the Seas“ vom Stapel, das sechste Schiff der Oasis-Klasse. Größentechnisch steht es der „Icon of the Seas“ kaum nach. Es ist nur drei Meter kürzer und bietet für 5668 Passagiere Platz.
Ausgelegt ist das Schiff für Party und Spaß. Es soll ebenfalls in Florida zum Einsatz kommen – von Port Canaveral aus, nahe Orlando und unweit des Kennedy Space Centers, wo Weltraumraketen starten, legt es zu drei- und viertägigen Kurzkreuzfahrten ab.
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