Mit etwa 30 Prozent stärkste Kraft im Osten, 20 Prozent im Bund – die AfD absolviert mit stolzgeschwellter Brust einen Parteitag der Selbstgewissheit, ab Freitag Teil zwei mit Programmdebatte. Die Gemetzel der Identitätsfindung sind vorbei: Die Völkischen haben sich durchgesetzt, die Leinen ins rechtskonservative Lager sind weitgehend gekappt. Halb frohlockend, halb drohend sagte die Deutsch-Alternativen-Co-Führerin Alice Weidel in ihrer Eröffnungsrede: „Was wir heute in Ostdeutschland sehen, ist erst der Anfang.“ Sie kostete das „An uns kommt keiner mehr vorbei“-Gefühl genussvoll aus.
Der AfD-Umfragenhöhenflug so kurz vor Landtags- und Europawahlen hat überwiegend tölpelhafte Reaktionen derjenigen ausgelöst, deren Aufgabe es wäre, ihn zu bremsen. Man grübelt, was erschreckender ist: die Spitzfindigkeiten der Unionsdebatte um Brandmauern, die Heuchelei der Grünen, die wie alle anderen auf lokaler Ebene mit AfDlern koexistieren oder die Hochnäsigkeit der SPD, genauer: des Kanzlers, der es für ausreichend hält, fest daran zu glauben, das AfD-Problem werde sich schon irgendwie verdünnisieren. Rat- und Hilflosigkeit allenthalben. Im beunruhigten Volk wächst der Eindruck: Die haben auch nach den AfD-Wahlsiegen in Sonneberg und Raguhn-Jeßnitz den Schuss nicht gehört – nicht hören wollen.
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Die Rhetorik der AfD-Delegierten nimmt im Rausch der Umfragezahlen keine Rücksicht mehr auf bürgerliche Empfindsamkeiten. Extremer Nationalismus und deutsch-völkischer Tran fließen in eine Mischung, deren Bestandteile schon den Nationalsozialisten zum Erfolg verhalfen: Es tritt die „Partei der Arbeitnehmer, die Partei der Steuerzahler“, also der „kleinen Leute“, an gegen die „rasante, unaufhaltsame Besiedlung Europas, insbesondere Deutschlands, durch Menschen aus anderen Kulturen und Weltteilen“. So steht es im AfD-Programm.
Zum Spitzenkandidaten für die Europawahl wählten die AfD-Delegierten Maximilian Krah, einen Anwalt aus Räckelwitz, Kreis Kamenz. „Hier kräht der Krah“, heißt im Netz seine Serie kurzer Ansprachen. Einige Kostproben zu seinem Lieblingsthema Migration – er sagt lieber „Ersetzungsmigration“ oder „Umvolkung“, wie schon 2019 ein Gutachten des Verfassungsschutzes vermerkte: Ein Land mit anderer Bevölkerungsstruktur „funktioniert nicht so wie dasjenige, das wir kennen“; es werde notwendig sein, „jeden Tag die Regeln des Zusammenlebens neu auszuhandeln – vermutlich mit Messern“.
„Umvolkung“ – den Begriff haben die AfD-Völkischen direkt der Sprache des Dritten Reiches entnommen. Er steht für Rechtsextremismus in Reinkultur und mit klarer Traditionslinie. Vor allem der AfD-Flügel in Sachsen benutzt ihn gern, um vor einem angeblich von der deutschen Regierung und der EU vorangetriebenen Bevölkerungsaustausch zu warnen. In einem Video kann man hören wie AFD-Co-Vorsitzender Tino Chrupalla beipflichtet, wenn Migration mit einem Genozid gleichgesetzt wird, bei dem die Deutschen durch ein Mischvolk ersetzt würden. Chrupalla behauptete später, er habe widersprochen – doch die Videoaufnahmen sind deutlich.
Und Alexander Gauland, heute Ehrenvorsitzender der Bundespartei, sagte 2018, gerichtet an die damalige Bundesregierung, diese wolle „den Bevölkerungsaustausch unumkehrbar machen. Wir sollen als Volk und als Nation allmählich absterben“ und „für Einwanderer arbeiten, damit die in Ruhe Kinder in die Welt setzen und den Bevölkerungsaustausch vollenden können“. Es ist nicht bekannt, dass Aufsteiger Maximilian Krah dem widersprochen hätte.
Wir sind ein Mischvolk
Die Fakten liegen andersherum: „Wir Deutsche“ sind seit Jahrhunderten das „Mischvolk“ schlechthin. Und das imaginierte „deutsche Wir“ beschloss schon vor Jahrzehnten aus freien Stücken millionenfach-individuell, weniger Kinder zu bekommen als notwendig wären, um genau den jetzt erreichten Mischzustand zu erhalten. Der „Volkstod“ naht also mit mathematischer Gewissheit auf anderem Wege als der Einwanderung.
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Andererseits: Solcherlei Argumentieren lässt keinen Umvolkungs-Hassprediger vom Glauben abfallen. Es hilft auch nicht gegen die Sehnsucht der AfD-Wähler, die es „denen da oben“ zeigen wollen und glauben, sie könnten einen eingebildeten Beelzebub mit dem echten Teufel austreiben.
Es hilft nichts anderes gegen die Neo-Völkischen als lösungsorientiertes Arbeiten an den real existierenden Problemen. Seit Jahrzehnten wird die Frage, wie die Zuwanderung zu regeln sei, verschleppt. Die viel geliebte Lebenslüge von offenen Türen für alle wird zum Risiko. Ebenso das beharrliche Leugnen von Gefahren, die aus verschleppten Asylverfahren resultieren – seit wann reden wir denn über unsichere öffentliche Räume wie den Görlitzer Park? Das seit Jahren vorherrschende Problemleugnen spült der AfD immer mehr ratlose Bürger zu. Dem Artikel 16a des Grundgesetzes, „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ muss wieder der Respekt gelten, den er verdient, anstatt ihn als Begründung für Migration jeder Art ad absurdum zu führen.
Sicherlich: Die Welt hat heißere Probleme, vor allem den Klimawandel. Trotzdem wird sich das Land um der Sicherung seiner demokratischen Verhältnisse willen nicht länger vor der Neuordnung der Migration drücken können. Sonst kräht der Krah bald hoch oben auf dem Mist.
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