Reds

Alexander Osang
4 Min

Walter Ulbricht starb während der Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Sommer 1973. 29 Jahre später schlief Fritz Walter für immer ein. Diesmal waren Fußball-Weltmeisterschaften. Ulbricht war ein Funktionär, Walter ein Fußballer. Für die meisten Menschen besteht zwischen beiden Ereignissen kein Zusammenhang. Für mich schon.1973 stellte ich mich zwischen die Leute, die auf eine Leuchtschrift am Alexanderplatz starrten. Dort las ich, dass Walter Ulbricht tot ist. Eine Frau berührte mich an der Schulter, als wolle sie mir Trost spenden. Aber ich brauchte keinen Trost. Ich war ein Kind. Ich hatte auf meinem Festivaltuch viele Unterschriften gesammelt, es war heiß, und es wurde viel geküsst in Berlin. Walter Ulbricht aber war alt. Er hatte einen ulkigen Bart und war auf den DDR-Briefmarken abgebildet. Ich fühlte nichts. Ich stand dort noch einen Augenblick, dann beobachtete ich wieder Liebespaare aus aller Welt.Später, als ich bei der Armee war, starb Leonid Breschnew. Aus diesem Grund wurde in der Weißenseer Nachtbar "Harmonie" um 24 Uhr die Diskothek abgeschaltet. Ich befand mich auf Sonderausgang ohne Zivilerlaubnis. Ich war aus den Wäldern um Waldsieversdorf nach Berlin-Weißensee gereist, ich trug widerrechtlich eine dunkelblaue Wrangler-Cordlatzhose, weil man in der Ausgangsuniform der Nationalen Volksarmee nicht zu "Earth, Wind & Fire" tanzen konnte und auch nicht zu "Ideal". Aber das wusste mein Oberfähnrich nicht, der mir nie eine Zivilerlaubnis gab. Ich hatte gerade genug Wermut getrunken, um zu tanzen, da hörte die Musik auf. Wir können gern noch sitzen bleiben, hieß es. Leonid Breschnew war tot. Leonid Breschnew hatte Augenbrauen wie Peter Frankenfeld, er sah aus, als sei er von Hollywoodcastern als böser Russe ausgesucht worden. Sie spielten jetzt Klassik in der "Harmonie", die Diskokugel stand still. Ich musste in viereinhalb Stunden wieder auf dem Bahnhof Ostkreuz stehen. In Ausgangsuniform. Ich war nicht traurig, ich war wütend auf Breschnew.Als Juri Andropow starb, überredeten wir unseren Russischlehrer Herrn Schmutzler dazu, uns gemeinsam den Trauerzug im Fernsehen anzuschauen. Dadurch fiel Russisch aus, ich habe Andropow nichts vorzuwerfen. Wenige Jahre später starb der nächste Generalsekretär der KPdSU, ich war gerade wieder bei der Armee. Diesmal als Reservist. Ein Vorgesetzter holte mich zu sich und befahl mir: "Genosse Gefreiter, teilen Sie Ihrer Gruppe mit, dass der Genosse Tschernenko verstorben ist. " Er sah mich dabei ernst an. Ich sah ihn ernst an und dann ging ich zu den anderen Studenten meiner Reservistengruppe und sagte: "Ich soll euch sagen, dass Tschernenko tot ist. " Dabei wackelte ich mit den Armen. Wer war ich? Der Soldat für die schlechten Nachrichten? Der schwarze Gefreite?Ich kann das nicht.Letzte Woche starb Fritz Walter. Fritz Walter war Kapitän der deutschen Mannschaft, die 1954 Weltmeister wurde, später war er Ehrenspielführer.Der Sprecher des Deutschen Fußball-bundes erklärte im Medienzentrum von Seogwipo, dass die Nationalelf gegen Amerika mit Trauerflor spielen würde. Anschließend bat er uns Journalisten, zu einer Schweigeminute für Fritz Walter aufzustehen. Das DFB-Medienzentrum ist in der "Hall of Fame" des koreanischen Baseballs untergebracht. Neben mir erhoben sich deutsche Kollegen in kurzen Hosen und Sandalen. Draußen stapelte jemand neue Flaschen in die Kühlschränke der Sponsoren Coca-Cola und Bitburger. Ich dachte verzweifelt an Schwarz-weiß-Bilder aus meinem Sprengel-Album. Aber ich fühlte nichts. Ich fürchtete nur, dass mein Handy klingelt. Es ist ein kleines japanisches Handy. Es funktioniert nach so komplizierten Regeln, dass mich fast niemand anruft. Ich mochte es zum erstenmal. Wir schwiegen in der Ruhmeshalle koreanischer Baseballer für Fritz Walter, den Helden von Bern. Ich dachte daran, wie die koreanischen Sportreporter ihren Zuschauern später den Trauerflor der Deutschen erklären würden. Flitz, Flitz Waltel. Ein Fremder. Letztlich fühlten sie wie ich, die Roten. Ich war ein Koreaner am Grab von Fritz Walter.Ich wette, das Wort Ehrenspielführer gibt es im Koreanischen gar nicht.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema