Beispiel: Jemand erzählt im Freundeskreis, dass er zu Hause Tagliatelle, also italienische Bandnudeln, mit Walnüssen serviert habe. Das wäre sehr gut angekommen. Und ich, statt bewundernd zu nicken, werfe ein, dass man dieses Gericht mit angebratenen Birnenfilets noch vervollkommnen könne. Der Hobbykoch sieht mich ohne Freude an. Hätte ich doch einfach die Klappe gehalten.
Wer gehört wird, kann verärgern
Beurteilungen sind Gratwanderungen. Sie können hellsichtig sein, aber auch Anmaßung, reiner Geschmack, gezielte Verletzung, Gruppendruck. Wer seine Stimme durch öffentliche Medien verstärken kann, wird von vielen gehört. Er sollte sich bewusst sein, dass er auch viele verärgern kann.
Einem überheblichen Kommentar oder einer dummen Überschrift folgen Abo-Kündigungen. Für Zeitungen ist das heutzutage gar nicht gut, die Verlage machen überall Klimmzüge, um neue Leser zu gewinnen. Aber der Kommentator profiliert sich und kann mit Unterstützung von Kollegen rechnen: Es gibt einige, die beim Schreiben Zusammengehörigkeit signalisieren, indem sie sich von fremden Lebenswelten abgrenzen. Die Spötter haben eine Art Klassenbewusstsein. Sie machen Gesetze.
Nehmen wir mal Helene Fischer. Meines Wissens hat die niemandem etwas Böses getan. Ihre Arbeit macht sie besser als viele andere in dem Beruf. Zitate über die Sängerin aus Kampftexten in der seriösen Presse bilden eine eindeutig negative Tendenz ab: „Warum ist dieser Irrsinn so erfolgreich?“ „Abgebrüht natürlich.“ „Role Model für frustrierte Frauen oder fleischgewordene Spießerfantasie notgeiler Säcke.“ „Es wäre eine perfekte Inszenierung, wenn es nicht so eine perfekte Inszenierung wäre.“
Warum sind die alle so maßlos wütend? Was ist schlimm daran, wenn Leute Spaß an leichter Unterhaltung haben? Diese Konzertkritiken schrieben Kollegen, die erkennbar mit der ganzen Richtung nichts am Hut haben. Warum gehen die nicht woanders hin?
Journalisten müssen Worte auf die Goldwaage legen. Der Klang macht die Musik. Wer in einen verächtlichen Kontext „Reihenhaushälfte“, „Rasenmäher“, „Sparbuch“ oder „Kassengestell“ wie Indizien hineinschreibt, wird Leser in ihren Lebenslagen kränken. Das Stigma heißt „Spießer“. Spießer sind irgendwie das Letzte.
Mir fällt ein einziger öffentlicher Achtungserweis ein: Eine Werbung der LBS von 2003 spielt in einer Wagensiedlung. Ein Mädchen erzählt dem Vater, dass Mitschüler eigene Zimmer oder schöne Wohnungen haben. „Sind doch Spießer!“ wehrt der Vater ab. Das Kind fasst zusammen: „Du Horst, Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!“ Na wenn schon!
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