Regisseur Andreas Prochaskas

Die Erfüllung eines Bubentraums

Der Alpen-Western des österreichischen Regisseurs Andreas Prochaskas „Das finstre Tal“ ist der Favorit beim Deutschen Filmpreis. Im Interview spricht er über seine filmische Sozialisierung mit Karl-May-Filmen, entlegene Bergtäler und das schwierige Geschenk der Freiheit.

BLZ
5 Min
Der österreichische Regisseur Andreas Prochaska.

Der österreichische Regisseur Andreas Prochaska.

© picture-alliance/ dpa Lizenz

Eines Tages kommt ein Fremder in ein entlegenes Alpendorf. So beginnt der Western „Das finstere Tal“ von dem österreichischen Regisseur Andreas Prochaska. Misstrauen schlägt dem Amerikaner entgegen – es gilt, ein finsteres Geheimnis zu bewahren. Am Ende stellt sich heraus, dass der Fremde längst weiß, was hier oben geschieht, und dass er gekommen ist, um Rache zu nehmen. Mit Hilfe seiner Winchester befreit er beim Showdown im Schnee die Dörfler von der Herrschaft des Tyrannen und seiner Söhne. „Das finstere Tal“ ist für sagenhafte neun Lolas nominiert und Prochaska sagte am Telefon, dass ihn diese Favoritenrolle stresse.

Herr Prochaska, Sie werden dieses Jahr 50. Wenn man nach Ihrem Alter geht, müssten Sie mit „Bonanza“ und „Winnetou“-Filmen aufgewachsen sein. Kommt daher die Begeisterung für das Genre Western?

Ja, definitiv. Mit „Das finstere Tal“ habe ich mir schon so einen Bubentraum erfüllt. Ich bin in Bad Ischl aufgewachsen, und dort im Lehar-Kino war einer der ersten Filme, den ich gesehen habe, „Der Schatz im Silbersee“. Der Western hat mich also sozusagen filmisch sozialisiert.

Es gibt vor allem eine bedeutende europäische Spielart des amerikanischen Western, den Italo-Western, der das Genre eher persifliert. „Das Finstere Tal“ ist dagegen ein klassischer Western.

Was die Erzählweise angeht, stimmt das. Ausschlaggebend für mich, diesen Film zu machen, war die Verortung. Also die klassischen Western-Motive in die Alpen zu übertragen, wie es in dem Buch vom Thomas Willmann geschieht. Das war für mich äußerst reizvoll, vor allem auch die sprachliche Ebene. Dass man einen englischen Muttersprachler wie Sam Riley hat, der Deutsch mit englischem Akzent spricht. Und dass man in den Alpen auf Tiroler trifft, die auch in ihrer Sprache sprechen. Das ist ein großer Unterschied zu den Italo-Western. Die wurden in den Dolomiten oder irgendwo in Spanien gedreht und haben behauptet, das sei Amerika.

Mit dem Dialekt wollten Sie den Film also auch in dieser Landschaft verorten, die in dem Film so eine wichtige Rolle spielt?

Absolut. Ich hatte zuvor einen Horrorfilm gedreht, dessen zweiter Teil in Tirol spielt. Ich habe damals einen entlegenen Bauernhof gesucht und versucht, mir vorzustellen, was das für Leute sind, die sich in entlegenen Bergtälern ansiedeln. Und wie das gewesen sein muss, wenn vor 100 Jahren ein Fremder in so ein Dorf gekommen ist. Und da habe ich das Bedürfnis entwickelt, einen lokalen Western zu erzählen. Dann habe ich den Roman von Thomas Willmann entdeckt und genau die Geschichte gefunden, nach der ich gesucht hatte. Für mich hat die Lektüre des Buchs auch die Erkenntnis gebracht, dass der Western vor der Haustür liegt. Ich habe versucht, die Landschaft wie einen eigenen Charakter zu behandeln. Ich hatte eine Vorstellung, wie diese Rolle ausschauen sollte, und habe dann in Südtirol die Motive gefunden, die ich mir gewünscht habe.

Gibt es dort wirklich noch solche Dörfer wie in Ihrem Film ?

Eigentlich nicht. Aber es gibt diese Höfe, da mussten wir nur reingehen und die Stromleitungen abdecken, und sie sahen aus wie vor 100 Jahren. Das habe ich in dieser Form nur im Schnalstal in Südtirol vorgefunden. Das Dorf, das man im Film sieht, ist ein großer Bauernhof, den wir erweitert haben mit zwei, drei Hütten.

Und gibt es noch diese isolierten Dorfgemeinschaften?

Nein, aber ich habe nach dem Film immer wieder E-Mails bekommen von Leuten, die mir geschrieben haben, dass sie das noch von den Erzählungen ihrer Großeltern kennen, diese Art von Isoliertheit. So lange ist das also noch nicht her.

Am Ende des Films, wenn der Tyrann und seine Söhne tot sind, stellt sich bei vielen Dorfbewohnern kein Gefühl der Befreiung ein. Wollten Sie damit eine Aussage treffen?

Das soll keine Botschaft sein, aber es war auf jeden Fall ein Element im Buch, das mich sehr fasziniert hat. Und das wollte ich unbedingt in den Film hineinnehmen. Also diesen Schlüsselsatz, dass die Freiheit ein Geschenk ist, das sich nicht jeder gern machen lässt. Das ist eine Aussage, die eine hohe Aktualität hat. Man braucht ja nur in die Nachrichten zu schauen. Irgendwo wird ein Diktator entmachtet, und das, was hinterlassen wird, was danach kommt, ist meistens nicht das, was man sich erhofft hat.

Sie haben früher als Cutter von Michael Haneke gearbeitet. Hat er Sie beeinflusst?

Wenn man lange mit jemandem zusammenarbeitet, bleibt sicher etwas. Es ist eine Form von Genauigkeit und Hartnäckigkeit, die mich beeinflusst hat.

Wollen Sie ein neues Subgenre begründen, den Austria-Western?

Wenn ich noch einmal etwas Western-Ähnliches machen würde, dann würde das in einer postapokalyptischen Welt spielen. Aber das ist im Moment noch im Ideenstadium.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema