Wenn Marcel Reich-Ranicki als Gast in einer Talksendung sitzt, hat das meist Unterhaltungswert. Er ist das kalkulierbare Kontrastprogramm zu den üblichen Bedenkenträgern im deutschen Fernsehen. Am Montagabend bei Maischberger auf n-tv jedoch präsentierte sich ein ganz anderer Reich-Ranicki: Via Bildschirm zugeschaltet aus Frankfurt, war ein 82-jähriger leiser, niedergeschlagen wirkender Mann zu erleben. Zwar hatte er am Wochenende Geburtstag, erzählte Reich-Ranicki, doch Gründe zum Feiern gebe es keine. "Bedrückt und betrübt" sei er über den heftig umstrittenen Roman "Tod eines Kritikers" von Martin Walser. Darin rechnet der Autor indirekt mit Reich-Ranicki als Literatur-Kritiker ab. Ihn und seine Frau hätte das Buch "tief getroffen", sagte Reich-Ranicki kopfschüttelnd zu Sandra Maischberger. Nur für Momente flackerte seine altbekannte Dickköpfigkeit auf, als er Maischberger ausreden wollte, er habe Walser seit Jahrzehnten nur verrissen. "Das stimmt nicht. Nein. Nein. Das können Sie so nicht sagen. Über die Hälfte dieser Kritiken waren wohlwollend, freundlich, ja enthusiastisch." Noch geduldiger und sanfter als üblich lächelte die Moderatorin, wartete und fragte weiter. Doch der ansonsten streitlustige Rhetoriker ließ sich von ihr nicht aus der Reserve locken. Die Diskussion um den Walser-Roman und die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Walser scheinen den Kritiker augenscheinlich mitzunehmen. Dass er mit seinem Einfluss im Literatur-Betrieb nun Druck auf den Suhrkamp-Verlag ausübe, bezeichnete er als "baren Unsinn". Er habe doch lediglich darauf hingewiesen, dass ein solches Buch nicht in einen Verlag wie Suhrkamp passe. Betont zurückhaltend sagte er: "Ich glaube, dass ein Verlag mit dieser wunderbaren Tradition ein solches Buch nicht verlegen sollte."Erhelllendes brachte die Sendung für den Zuschauer nicht ans Licht, auch Argumentationshilfen in der aktuellen Diskussion lieferte die Talksendung kaum. Und so blieb dem Zuschauer angesichts des betrübten Reich-Ranickis nur eins: Mitleid.
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