Reiche sind langweilig

Wie Geld den Charakter der Stadt verdirbt

Katja Berlin
3 Min

Kommerzielles Interesse stand damals im Schatten kreativer Selbstverwirklichung. Mit ein bisschen Glück konnte man aber auch noch in einer Dreizimmerwohnung mit Fischgrätparkett residieren, wenn man dreimal die Woche kellnern ging. Heute müssen Leute neben ihrem Vollzeitjob noch dreimal die Woche kellnern gehen, um die Fischgrätparkettwohnung behalten zu können. Aber wer weiß, sollte jetzt der Mietendeckel kommen, wird vielleicht alles anders. Schenkt man den Wirtschaftsliberalen Glauben, werden nun die armen Deutsche-Wohnen-Anleger kellnern gehen müssen, um weiterhin wohltätig Wohnraum vermieten zu können.

Im Zuge der ganzen Mietpreisdiskussion wurde jedenfalls immer wieder betont, es gebe kein Recht auf Wohnen in der Innenstadt. Das stimmt. Aber es gibt auch kein Recht auf Liebe oder ein Recht auf ein Glas kühlen Rosé an warmen Sommerabenden, und es ist trotzdem super, wenn man es hat. Denn wie öde sähen Innenstädte aus, in denen nur wohlhabende Menschen leben?

Diversität Berlins macht Stadt für viele so attraktiv 

Reiche sind ja erstaunlicherweise häufig sehr langweilig. Das ist für mich das größte Rätsel, ich jedenfalls wäre eine sehr unterhaltsame Reiche.

In dem Bereich sagt man, glaube ich, exaltiert. Aber wahrscheinlich wird man einfach auch nicht reich, wenn man sein Geld lieber in gesellige Runden als in Immobilienfonds investiert. Gleichzeitig wollen aber auch nicht alle Gutverdienenden nur unter ihresgleichen wohnen, sonst wären lediglich die Mietpreise in Frohnau explodiert und nicht die in Neukölln und Friedrichshain.

Die internationale Attraktivität Berlins geht eben nicht vom Prenzlauer Berg aus. Niemand zieht hierher, weil es in Wilmersdorf so nette Boutiquen gibt, und kein Tourist kommt wegen Pankows hübschen Villen. Sogar wenn man so dermaßen kapitalistisch denkt, dass Friedrich Merz einem anerkennend auf die Schulter haute, ist es im Interesse der Stadt, auch ärmere Leute in der Innenstadt wohnen zu lassen.

Also selbst, wenn es einem egal ist, ob der Supermarktkassierer pendeln muss oder die arbeitslose Mutter in die Uckermark umsiedelt, damit ein Arztsohn ihre Wohnung in Mitte bekommt, gibt es doch ein übergreifendes Interesse an einer sozialen Heterogenität in der Innenstadt.

Berlins Clublandschaft, die Dönerläden und vietnamesischen Imbisse, die Spätis und die Kulturszene sind Teil des Kapitals dieser Stadt. Gerade die Diversität macht Berlin für viele so attraktiv. Wenn wir das zugunsten des kurzfristigen Profits aufgeben, sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen. Ich weiß nicht, ob Geld wirklich den Charakter verdirbt, den Charakter einer Innenstadt meiner Meinung nach aber schon.
 

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