Es besteht keine direkte Verbindung zwischen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Revolten und dem Übergang zum islamisch auftretenden Terrorismus. Das sagt der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy in seinem jüngsten Buch. Er hat das zuvor bereits vielfach kundgetan. Jetzt aber fügt er in diesem Band, der im Titel das Osama bin Laden zugeschriebene Zitat „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ führt, hinzu: die Genialität des IS bestehe darin, dass er den jungen Freiwilligen ein Narrativ zur Verfügung stelle, innerhalb dessen sie sich verwirklichen könnten. Das ist eine starke These mit weitreichenden Folgen.
Denn Roy macht weder eine angeblich gescheiterte Integrationspolitik noch den Salafismus, schon gar nicht die Religion des Islam für den Terror verantwortlich. Er entlässt beide zwar nicht aus der Schuld, aber er meidet die Verlockungen einfacher Kausalzusammenhänge, wie sie etwa der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel bedient, mit dem sich Roy seit Jahren leidenschaftlich streitet, auch in diesem Buch. Anders jedoch als Kepel es will, ist der Terror für Olivier Roy „keine Folge der Radikalisierung des Islam, sondern der Islamisierung der Radikalität.“ Entsprechend sind die Terroristen für ihn gewalttätige Radikale und keine religiösen Fundamentalisten: Dschihadisten werden nicht durch eine (falsche) Lektüre des Koran radikal, „sie sind radikal, weil sei radikal sein wollen“. Und genau für diese reine Radikalität liefere der IS den idealen Bezugsrahmen: Er inszeniere sein Tun als apokalyptisches Szenario, mit dem der terroristische Selbstmord zur messianischen Tat werde. Er habe also ein Sinnangebot, das sich paradoxerweise gerade durch den Tod und das Töten erfülle. Dieses „systematische Streben nach dem eigenen Tod“ ist für Roy das Neue eines Terrors, der durch Zerstörung die Apokalypse beschleunigen will. Das Vorhaben des IS nennt Roy dabei „schlicht wahnsinnig“, gerade das mache es für „größenwahnsinnige junge Leute“ jedoch attraktiv.
Olivier Roy verweist hier auf einige auffallende Merkmale, die die radikalen Terroristen der vergangenen zwanzig Jahre teilen. Es sind bemerkenswert viele Konvertiten unter ihnen, sie verfügen häufig über geringe religiöse Kenntnisse und haben zumeist keinerlei Verbindungen mehr mit dem Herkunftsland ihrer Familien.
Der „Hass auf die Väter“ verbindet sich mit einer „Revolte an sich“, die keinem utopischen Konstrukt dient, auch nicht dem vom IS ausgerufenen Kalifat. Man habe es, so Roy, mit der „No-Future-Gewalt“ einer Jugendbewegung zu tun: Der Krieg ist kein Mittel, sondern Zweck. Dieser werde von einem Homo islamicus getragen, „von sämtlichen nationalen, stammesmäßigen, rassischen oder ethnischen, ja sogar familiären und affektiven Zugehörigkeiten befreiten, wahrhaft entwurzelten Menschen“, die in einer „Gegengesellschaft“ leben.
Wie in seinem vor neun Jahren erschienenen Buch „Heilige Einfalt“ verweist Roy also auf die „politischen Gefahren entwurzelter Religion“ und trennt zwischen Religion und Religiosität. Entsprechend ist für ihn nicht die Frage, was wirklich im Koran steht, sondern, was Muslime darüber sagen, was im Koran steht wichtig. Und die Radikalen schaffen sich so eine „neue sozial und kulturell nicht verankerte Religion aus frei kombinierten Versatzstücken“.
Diese Form entwurzelter Religion ist kein islamspezifisches Phänomen. Roy selbst weist darauf hin, dass es vergleichbare Prozesse etwa im Christentum gibt. Die Frage jedoch, warum es heute gerade der Islam ist, den Radikale attraktiv finden, vermag er nicht zu beantworten. Er müsste hierzu nicht nur soziologisch und politikwissenschaftlich argumentieren, sondern auch theologisch. Angesichts des hohen Preises, dass das angeblich geniale Narrativ des IS bloße Formel bleibt, verzichtet er darauf.
So richtig sein Hinweis ist, dass der Koran kein Terrorlehrbuch abgibt, so vorschnell ist seine Annahme, dass der Islam für die Radikalen ein letztlich austauschbarer Rahmen ihres Tun ist.
Dass die Radikalen durch „die Praxis eines guten gemäßigten Islam“ geheilt werden könnten, hält er demgemäß für absurd. Es sind für ihn Militante, und diese bekämpft man durch Krieg. Zugleich aber plädiert er dafür, den Terroristen zuzuhören, statt sie wie „Barbaren“ und Unbekannte zu behandeln – in der Hoffnung, ihnen damit jede Anziehungskraft für Nachahmer zu nehmen. Daher auch Roys einleuchtendes, generelles Votum gegen eine Vertreibung der Religion aus dem öffentlichen Raum – man überlasse sie so nur den Randfiguren und den Kräften der Radikalisierung. Gerade das aber würde bedeuten, jenen gemäßigten Islam zu stärken, der sich dem Terror widersetzt.
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