Was haben Schwellenländer mit einer Fleischwurst gemein? Laut Investorenurgestein Bill Gross so einiges. Der Gründer der US-Fondsgesellschaft Pimco – zugegebenermaßen selten um eine steile Meinungsäußerung verlegen – bezeichnete China erst kürzlich in einem Interview als das „mysteriöse Fleisch“ unter den Wachstumsmärkten. „Niemand weiß so genau was da drin ist, es ist ein bisschen Fleischwurst, und deshalb können wir nur vermuten, welche potenziellen Probleme es in China und in anderen Schwellenmärkten gibt“, so Gross.
Wenn es schon gestandenen Profi-Investoren so ergeht, dann brauchen Privatanleger in diesem Segment erst recht starke Nerven. Das zeigt auch ein Blick auf den MSCI Emerging Markets, einen Aktienindex, der die Wertentwicklung von Schwellenländer-Papieren abbildet: Wer vor drei Jahren in diesen Index investiert hat, hätte damit bislang ein Minus von rund 15 Prozent im Depot verzeichnet. Wer vor einem Jahr eingestiegen ist, liegt zwar nur leicht im Minus, hat aber auch die ersten steilen Kurseinbrüche bereits hinter sich: von 1 050 ging auf unter 900 Punkte, dann wieder rauf auf 1 025 und wieder 100 Punkte runter – das alles innerhalb von nur zwölf Monaten.
Auf Sicherheit fixierte deutsche Sparer können sich für so etwas kaum begeistern: Laut einer Umfrage von J.P. Morgan Asset Management unter Anlegern waren im ersten Quartal nur 2,9 Prozent der Befragten hierzulande in Schwellenländer investiert. Mehr als die Hälfte der Anleger gab an, im Zusammenhang mit Finanzen überhaupt noch nichts von diesem Begriff gehört zu haben.
Langfristig renditeträchtig
Dabei arbeitet sich die Branche der Vermögensverwalter seit Jahren daran ab, das zu ändern. Als Schwellenländer werden gemeinhin Nationen bezeichnet, die formal noch zu den Entwicklungsländern gehören, sich aber eben an der Schwelle zu Industrienation befinden. Ihr Wirtschaftswachstum ist dabei überdurchschnittlich hoch, das Lohnniveau vergleichsweise niedrig, die Staaten investieren in Infrastruktur. Die Finanzbranche nutzt dafür häufig einfach den englischen Begriff „Emerging Markets“ – und biegt zudem alle paar Jahre mit einer neuen Länderkombination um die Ecke, die für Investoren besonders profitabel sein soll. Am bekanntesten ist wohl die Abkürzung BRIC für Brasilien, Russland, Indien und China, bisweilen noch erweitert um ein S für Südafrika. Darüber hinaus gibt es die „Nifty Fifty“, die „Next 11“ und seit neustem die MINT-Staaten Mexiko, Indonesien, Nigeria und die Türkei.
Aus Investorenperspektive spricht auf den ersten Blick durchaus einiges dafür, dass Geld in all diesen Regionen langfristig renditeträchtig angelegt ist: Während das Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttoinlandsprodukt in Industrienationen wie Deutschland oder den USA selbst in guten Jahren zwei bis drei Prozent beträgt, kommt China laut Prognosen auch künftig auf mehr als sieben Prozent, andere Staaten wie Indien oder die Türkei liegen zwischen drei und sechs Prozent. Zudem setzen internationale börsennotierte Unternehmen auf die wachsende Mittelschicht in jenen Ländern, um ihre Umsätze zu steigern. „Steigende Einkommen in wachsenden Städten und die dynamische Entwicklung der Konsumentenschichten erzeugen Nachfrage, die für viele konsumorientierte Unternehmen lukrative Märkte schafft“, heißt es in einem Marktbericht der Fondsgesellschaft Franklin Templeton.
Trotzdem: So mancher Anleger hat geblendet von der Wachstumsstory in der schönen neuen Welt auch schon eine Menge Geld verbrannt. Die Börsen in vielen Schwellenländern haben es schwer damit, sich von den Geschehnissen in den Industrienationen abzukoppeln. Wenn Kapitalanleger nach Rendite gieren und bereit sind, dafür ins Risiko zu gehen, profitieren auch die Emerging Markets.
Doch wenn die Unsicherheit der Investoren aus der „alten Welt“ steigt, ist das Kapital auch schnell wieder weg. Zuletzt machten ihnen die Ankündigung Probleme, dass die USA ihre lockere Geldpolitik allmählich beenden wollen. Allein diese Ankündigung ließ die Renditen von US-Anleihen steigen. Das macht Geldanlagen in den USA für Investoren tendenziell wieder attraktiver – und darum leiden dann die Schwellenländer-Anleihen.
Unübersichtliche politische Lage
Wenn Investoren ihr Geld rasch abziehen, führt das neben starken Kursschwankungen auch immer wieder dazu, dass die Währungen der Regionen stark an Wert verlieren – was ausländischen Anlegern zusätzliche Verluste beschert. Denn jedes Investment in ein Schwellenland ist auch eine Wette auf die Entwicklung von dessen Währung. „Schwächere Währungen und höhere Zinsen wirken sich zunehmend negativ auf das Wachstum der Emerging Markets aus“, sagt Schwellenländer-Fondsmanagerin Claudia Callich vom Anlagehaus M&G Investments.
Dort setze man daher auf Währungen aus Ländern mit geringeren gesamtwirtschaftlichen Schwierigkeiten, wie die indonesische Rupiah, die indische Rupie oder auch den mexikanischen Peso. Manche Fondsmanager sichern das Währungsrisiko in ihren Fonds zusätzlich über Derivategeschäfte ab – doch das kostet extra.
Hinzu kommt, dass die politische Lage in Schwellenmärkten oft unübersichtlich ist, die Auswirkungen von politischen Konflikten auf die Wirtschaft für Außenstehende nur schwer abschätzbar – Russland und die Ukraine sind da nur das jüngste Beispiel.
Wie der Kommentar von Bill Gross zeigt, vermuten einige noch weitere schlummernde Risiken in den neuen Märkten, etwa bedingt durch steigende Schuldenquoten und intransparente Kreditvergabe – vor allem in China. Doch gerade an der Volksrepublik im fernen Osten, scheiden sich die Geister. So meint etwa Portfoliomanager Dale Nicholls von der Anlagegesellschaft Fidelity: „Selbst wenn das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts unter sechs Prozent fallen sollte, ist dies immer noch eine beneidenswerte Wachstumsrate.“
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