Reporter ohne Grenzen „Fotos für die Pressefreiheit“

Das Grauen sehen im endlosen Strom der Bilder

Die Schönheit des Schrecklichen. Sie begegnet uns häufig, auch wenn wir Bilder aus Kriegen, von verwüsteten Landschaften, von Hunger und Heroismus sehen. Davon zeugt auch die neueste Ausgabe der jährlich erscheinenden „Fotos für die Pressefreiheit“ der Organisation Reporter ohne Grenzen.

Barbara Weitzel
3 Min

Er sehe sich als „eine Art Mondmensch“, sagt der dänische Fotograf Joakim Eskildsen über sich. Er sehe sich als jemand, der gar nicht so viel wisse, der aber offen sei, ständig etwas dazuzulernen. Mit diesem Wissen um sein Nichtwissen ist Eskildsen durch Kuba gereist. Die Bilder, die er mitgebracht hat, zeigen, wie anders Kuba aussieht, wenn man nicht nur losfährt, um seine Vorurteile bestätigt zu finden. Wie die Menschen in den Vororten leben. Wie unglaublich das Licht dort ist. Wie gemäldegleich schön Fotos sein können, die Armut und Einsamkeit zeigen.

Die Schönheit des Schrecklichen. Sie begegnet uns häufig, auch wenn wir Bilder aus Kriegen, von verwüsteten Landschaften, von Hunger und Heroismus sehen. Auch wenn wir uns das ungern eingestehen. Ein tolles Foto, so echt, und dieser Himmel! Gedanken, die beim Blättern in der neuesten Ausgabe der jährlich erscheinenden „Fotos für die Pressefreiheit“ der Organisation Reporter ohne Grenzen auf- und abtauchen.

Auch die Musikerin Solomja Melnik auf dem Weg zum Unabhängigkeitskonzert auf dem Maidan, fotografiert von Maxim Dondyuk, ist ein atemberaubend schönes Foto, eingebettet jedoch in Schlachtfelder und verwundete Soldaten. Es sind Bilder, wie sie in diesem Jahr der Krisen 2014 zu Tausenden auf uns einprasselten. Ob der Krieg in der Ukraine, im Gaza-Streifen, der Kampf gegen Ebola in Liberia, das Leid in den Flüchtlingslagern im Tschad, der Terror des IS im Irak – die Fotos der preisgekrönten Fotografen, die der Band versammelt, erinnern daran, was wir alles gesehen haben – oder übersehen im endlosen Strom der Bilder.

„Wer sehen will, der sieht“

Sie, und die Stimmen und Texte derer, die sie gemacht haben, fordern heraus, noch einmal hinzuschauen und nachzudenken. Über die Faszination des Grauens und den Hunger nach Bildern. „Alles brannte, ich hatte Angst. Es kann jeden treffen“, schreibt der israelische Fotoreporter Abir Sultan. Warum er blieb, dort, an der Grenze zu den Palästinensergebieten? „Der redaktionelle Druck war sehr groß, andauernd mussten wir neue Bilder schicken. Alle wollten sehen, was bei uns passierte.“ Aber – sehen wir wirklich? Schauen wir hin?

„Wer sehen will, der sieht“, sagte der Reporter Moritz Gatmann bei der Vorstellung des Buches in Berlin. Wer sehen will, sucht auch nach dem, was nicht auf den Bildern ist. Sieht die Menschen hinter den Nachrichten. Die Ränder der Schlachtfelder. Das Leben in den Krisenherden, wenn der Schlachtenlärm verstummt. Und die Fotografen und Reporter, ihre inneren Konflikte und ihre Angst, die Kraft, die sie aufwenden müssen für die tägliche Bilderration, nach der wir lechzen. Das Buch mahnt deshalb nicht nur die Freiheit der Presse an, wo es sie nicht gibt. Sondern auch, sie zu ehren, indem wir uns als die Mondmenschen erkennen, die wir sind.

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