Reporter-Slam: Einen Abend berichten Journalisten über ihren Alltag

Wissenschaftler haben mit dem Science Slam vorgelegt, nun folgen Journalisten.

BLZ
4 Min

Berlin - Sie hatten mit 350 Gästen gerechnet. Doch dann kamen 500. Die Veranstalter reagierten schnell. Sie räumten Stühle aus dem Saal, so gab es mehr Plätze zum Stehen. Es wurde eng, aber niemand musste draußenbleiben. „Wir waren überwältigt vom großen Interesse“, sagt Jochen Markett. „Der Abend hat alle unsere Erwartungen gesprengt.“

Reporter Slam heißt die Veranstaltungsreihe, die Jochen Markett organisiert. Der freie Journalist und Satiriker aus Berlin, der auch die Internetseite Realsatire betreibt, startete sein Projekt vor mehr als einem Jahr.

Die Idee: Sechs Reporter treten auf der Bühne gegeneinander an. Jeder hat zehn Minuten Zeit, auf unterhaltsame Art von seiner Recherche zu erzählen. „Es geht um Unterhaltung und Satire“, sagt Markett. Er leitet Seminare und Weiterbildungen für Journalisten, er kennt viele Kollegen. „Manche Journalisten haben Talent, sie entdecken auf der Bühne eine ganz neue Form der Darstellung.“ Manchmal ruft Markett auch in Redaktionen an, wenn ihm ein Autorenstück gefallen hat.

Nach neun Veranstaltungen, darunter auch in anderen deutschen Städten wie Köln und Leipzig, fand das Jahresfinale der Städte-Sieger am vergangenen Sonnabend im Heimathafen Neukölln statt. 500 Gäste kamen.

Die Zuschauer stimmen ab

Ein Journalist der Zeit hat dort von seinen Recherchen über die Kennenlern-App Tinder erzählt; wie sich Menschen auf der Suche nach Liebe und Sex mit Hunden und Katzen porträtieren. Die Autorin Ronja von Wurmb-Seidel berichtete in einer Performance von ihrer aufregenden Reportagereise nach Afghanistan. Sie traf dort einen Mann als Gesprächspartner, der zu dick war, um entführt zu werden, und abends zu betrunken, um noch reden zu können. Und dann fuchtelte er auch noch mit einer Pistole herum.

Die Zuschauer stimmten ab, ihr Applaus wurde gemessen: Ronja von Wurmb-Seidel war die Siegerin des Abends und ist jetzt Deutschlands lustigste Reporterin. Im ausverkauften Heimathafen jubelten die Zuschauer.

Doch woher rührt denn mit einem Mal dieses große Interesse an journalistischer Arbeit? Warum lassen sich Menschen einen Abend lang von Journalisten unterhalten? In einer Zeit, in der Reporter und Redakteure mit Begriffen wie Lügen-Presse und Fake News konfrontiert werden; viele Nutzer die Arbeit von Journalisten argwöhnischer und kritischer betrachten. Jochen Markett sagt, die Zuschauer hätten heutzutage mehr Lust auf Unterhaltung und Satire. Fernsehsendungen wie die Heute-Show und Die Anstalt seien beliebter denn je. „Satire ist der neue Journalismus“, sagt Jochen Markett. Ein gewaltiger Satz. Gleichzeitig, so Markett, suchten Journalisten heute intensiveren Kontakt zum Publikum, sie wollen ihre Arbeit erklären.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Doch es geht auch anders. Ganz ohne Satire kommt die Veranstaltungsreihe Journalism on stage aus, die im vergangenen Oktober im Kreuzberger Club SO 36 gestartet ist. Nächsten Dienstag wird sie dort zum zweiten Mal stattfinden. Vier Journalisten treten auf. „Sie erzählen die Geschichte hinter ihrer Geschichte“, sagt Gregor Büning von der Agentur für Wissenschaftskommunikation Policult.

Büning, 44, hat sich auf Veranstaltungen spezialisiert, in denen Menschen über ihre Jobs erzählen. Vor acht Jahren etablierte er in Berlin die Reihe Science Slam. Über 60 Veranstaltungen gab es seither. Wissenschaftler stellen in kurzen Vorträgen ihre Arbeit vor. Sie erzählen, woran sie forschen, worum es in ihrer Doktorarbeit geht.

Das Besondere ihrer Präsentation ist, dass die jungen Forscher ohne Fachvokabular auskommen. Denn sie sitzen eben nicht vor Kollegen bei einem Kongress. „Die Wissenschaftler sind im Labor Profis und auf der Bühne Laien“, sagt Büning. Auch beim Science Slam wird der Sieger per Applausabstimmung gekürt. Wer bei der Redeschlacht der Wissenschaftler gewinnen will, muss Leidenschaft zeigen und einen Hang zur Selbstdarstellung haben. Anders als auf einer Konferenz wird beim Science Slam an einem Abend über viele Wissenschaftsthemen geredet.

Ein Blick hinter die Kulissen

Bei seiner Reihe Journalism on stage geht es Gregor Büning darum, einen Querschnitt durch alle Medienformate und Sparten abzubilden. „Inhaltlich bunt“ soll der Abend sein, sagt Büning. Journalisten von Zeitungen sind ebenso vertreten wie Podcast-Betreiber und Filmemacher.

Feste Auswahlkriterien gibt es nicht. „Wir laden ein, wer uns gefällt“, sagt Büning. „Und hoffen, dass es auch dem Publikum gefällt.“ Es gehe darum, einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen, etwa wenn eine Videojournalistin über ihre Reportage in Syrien erzählt, wie sie die Reise finanziert und organisiert hat. Die Zuschauer dürfen Fragen stellen. Im besten Fall, so Büning, wecke so ein Abend beim Publikum ein Interesse für neue Themen und neue Medien. „Das ist kein leichtes Format, doch das Interesse wird immer größer.“

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