Gastro-Kritik

Fisch und Meeresfrüchte so frisch und ungezwungen wie am Strand

Das Seaside in Mitte bietet alles aus dem Meer in lockerer Atmosphäre.

Tina Hüttl
4 Min
Ein Klassiker im Seaside: Moules Frites. Unsere Gastrokritikerin sagt: Die besten, die sie je in Berlin hatte.

Ein Klassiker im Seaside: Moules Frites. Unsere Gastrokritikerin sagt: Die besten, die sie je in Berlin hatte.

© Markus Wächter

Aus meinen Sommerferien kam ich mit jeder Menge guter Vorsätze zurück. Künftig will ich auch im Alltag wieder Bücher lesen. Außerdem werde ich wieder regelmäßig Volleyball spielen und meinen Sommerurlaub nie wieder in Schweden verbringen. Nichts gegen dieses wunderbar menschenarme Land, seine raue Natur und die hundert verschiedenen Sorten Knäckebrot.

Ich sage nur: Für mich und einen Sommerurlaub, wie ich ihn mir vorstelle, taugt es nur bedingt. Es hat keinen Strand, der diesen Namen verdient. Einen, an dem die Sonne den Sand aufheizt, sodass man kaum drauftreten kann. Mittags träumte ich von einem kleinen Strandlokal, das nach Meer und Tintenfisch über Holzkohle duftet.

Maritimer Look

Als ich bei meiner Rückkehr hörte, dass es in Berlin ein neues Restaurant namens Seaside gibt, zog es mich sofort hin. Berlin liegt nicht am Meer, die Ecke Mohren-/Friedrichstraße geht nicht gerade als Strandpromenade durch. Aber das Seaside verströmt mit seinem maritimen Look tatsächlich Urlaubsflair.

Denn die Betreiber Krisztian Soha, seine Frau und sein Cousin wollten einen Ort schaffen, wie sie ihn aus ihren Urlauben in Frankreich, Spanien oder Kalifornien kennen. Einen, an dem man simpel zubereiteten Fisch und Meeresfrüchte bekommt – so frisch und ungezwungen, als säße man am Strand.

Vorspeisen, Salate, Suppen gibt es im Seaside für  6–15 Euro, „Seaside Classics“ für 12–32, und bei Fisch & Co. aus der Vitrine  liegen 100 g zwischen 3,50–13,50 Euro.

Vorspeisen, Salate, Suppen gibt es im Seaside für  6–15 Euro, „Seaside Classics“ für 12–32, und bei Fisch & Co. aus der Vitrine  liegen 100 g zwischen 3,50–13,50 Euro.

© Markus Wächter / Waechter

Was einfach klingt, ist in Berlin verdammt schwer. Entscheidend ist vor allem eine gute Beziehung zu den Lieferanten. Dazu muss man wissen, dass es unter Restaurants eine inoffizielle Hackordnung gibt, wer zuerst und mit den besten Waren beliefert wird. In Spanien bekommt man beispielsweise den frischesten Fisch nicht am Meer, sondern in einigen Restaurants der Hauptstadt Madrid, die sich dauerhaft die besten Stücke gesichert haben.

Das Seaside arbeitet mit drei Lieferanten zusammen, damit es seine Theke jeden Tag neu mit Oktopus, Schollen, Calamari, Garnelen, Lachs und sonstigem Fang auffüllen kann. Der Gast sucht sich sein Stück selbst aus, bevor es auf dem Grill landet. Das ist eine hübsche Idee. Daneben gibt es eine Karte mit ein paar Klassikern und Beilagen.

Ein gutes Fischlokal in Berlin ist möglich

Ich beginne mit Moules Frites. Die Muscheln lassen mich fast glauben, das Seaside würde, ähnlich wie Madrid, bevorzugt beliefert. Bei Muscheln ist Frische entscheidend. Diese riechen wunderbar nach Algen und Meer und sind die besten, die ich in Berlin je gegessen habe. Geschmacklich kräftig, das Muskelfleisch leicht löslich und weich, und der simple Weißwein-Sud mit Sellerie, Karotten und Zwiebeln hat so viel Muschelgeschmack aufgenommen, dass ich ihn am Ende als Suppe auslöffele.

Auch der Pulpo-Salat, den mein Partner bestellt hat, überzeugt mich, dass ein gutes Fischlokal in Berlin möglich ist. Er erinnert an das galizische Nationalgericht Pulpo a la Gallega: warme Scheibchen von Oktopus und gekochten Kartoffeln, die mit Paprikapulver, Olivenöl und Zitrone gewürzt werden. Hier wurde das Rezept um eine würzige Tomatensoße aus schwarzen und grünen Oliven und Dörrtomaten erweitert.

Kommen aus der Kälte: Riesengarnelen schaffen es nur tiefgekühlt frisch nach Berlin. Im Seaside gibt es sie gegrillt an Salat. 

Kommen aus der Kälte: Riesengarnelen schaffen es nur tiefgekühlt frisch nach Berlin. Im Seaside gibt es sie gegrillt an Salat. 

© Markus Wächter

Spätestens am Pfund gegrillter Riesengarnelen zeigt sich jedoch, dass die Idee „Berlin liegt am Meer“ leider doch noch ein Traum ist. Nur zwei Tage dauert es, bevor das Eiweiß Garnelen zu zersetzen beginnt, weshalb wir mit Tiefkühlware vorliebnehmen müssen. Guten Garnelen, die frisch eingefroren werden, schadet das geschmacklich nur wenig.

Diese hier sind für 32 Euro aber fast schon ärgerlich, wobei den Grillmeister keine Schuld trifft. Das Fleisch ist nicht trocken, man schmeckt Röstaromen, ansonsten aber nichts. Normalerweise braucht man dazu nur ein wenig Meersalz und Limette. Hier hilft nicht einmal der Zitronen-Dill-Mayo-Dip, der zudem recht durchschnittlich ist.

Berlin ist dem Meer mit dem Seaside aber ein Stück näher gerückt. Ein richtiger Strandurlaub nächstes Jahr steht für mich allerdings dennoch fest.

SEASIDE: Mohrenstraße 17, 10117 Berlin, Tel.  20 91 73 54,
geöffnet tgl. 11–23 Uhr.

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