Gerade hatte ich geschrieben, ein Gastronom, der seiner Leidenschaft folge und mit eigenem Risiko sein Restaurant eröffne, sei in Berlin eine romantische Vorstellung; längst würden Investoren und Berater die Gastrobranche beherrschen. Ich freue mich, so kurz darauf schreiben zu können: Ich habe mich geirrt!
Vor ein paar Tagen bin ich in einem grandiosen neuen Restaurant essen gewesen, das dazu noch eine One-Man-Show ist, weil sein Betreiber Woraphon „Gaan“ Kitkoson gleichzeitig Koch, Service und oft auch Spüler ist. Er will den Berlinern zeigen, dass eine authentische, ambitionierte Thai-Küche anders schmeckt als die immer gleichen Currys und lieblosen Pad Thais, die man hier in unzähligen Schnellküchen bekommt.
Restaurant Khao Taan: sehr komplexe Heimatküche
Gaan lebt seit zehn Jahren in Berlin, als Kind verbrachte er in Bangkok Stunden bei seiner Großmutter Taan in der Küche, sein Restaurant hat er nach ihr benannt: Khao Taan.
Weil aus Gaan etwas werden sollte, studierte er Jura, später arbeitete er für ein Hotelunternehmen. Die Büroarbeit machte ihn jedoch nicht glücklich, immer wieder zog es ihn in die Küchen. In Berlin probierte er sich zuerst auf dem Street-food-Markt Bite Club aus und in der Markthalle Neun. Dann ging er als Praktikant zum Sternekoch David Thompson, in dessen Restaurant Nahm in Bangkok lernte er die alten Rezepte seiner komplexen Heimatküche. Sie kennt unzählige regionale Besonderheiten und Zutaten und ist von Persien, Indien, China, Portugal und Frankreich beeinflusst.
Im Khao Taan gibt es ein festes Abendmenü für 35 Euro, der Gast hat in jeder Kategorie die Wahl zwischen zwei Optionen. Gaan berät gern und erklärt viel. Anders als bei uns werden die fünf Gerichte und die Suppe nicht nacheinander, sondern gleichzeitig serviert. Der aromatische Reis – eine Mischung aus weißem und braunem Jasminreis sowie dem vitaminreichen und härteren roten Reis – wird stets nachgefüllt.
Restaurant Khao Taan: Relish aus jungem grünem Chili und saftigen Tomaten
Meine Suppe mit Pilz- und Garneleneinlage ist eine nicht cremige, sondern klare, säuerliche Kokossuppe mit viel Garnelenaroma und leicht scharfen, ingwerartigen Noten. Ich löffle sie, wie ich es gelernt habe, zur Reinigung immer mal wieder zwischendurch. Einiges ist ordentlich scharf, etwa das Relish aus jungem grünem Chili und saftigen Tomaten, zu dem man Reis und rohe Gurken, Zuckerschoten, Bohnen und Fenchelkraut isst, um die Schärfe abzumildern. Es schmeckt so herrlich, dass ich trotz schniefender Nase nicht davon lassen kann.
Gaan bringt frische Ananas mit einer Paste auf Palmzucker, das stoppt das Brennen kurzzeitig. Milder ist der Salat aus gegrillter Aubergine, wobei dem Koch das Kunststück gelingt, die Aubergine ohne Fett seidig-weich und aromatisch hinzubekommen. Limette, rote Zwiebel, Pfefferminze und Koriander bringen die Frische, ein pochiertes Ei das cremige Element.
Gegessen wird in Thailand übrigens hauptsächlich mit dem Löffel. Die Gabel kommt selten zum Einsatz, zum Beispiel, um das weichgekochte Rindfleisch im Massaman-Curry, einem jahrhundertealten Rezept aus dem muslimisch geprägten Süden Thailands, zu zerteilen. Gaan kocht es, wie er es im Bangkoker Sterne-Restaurant gelernt hat. Aus der eher milden Currypaste stechen die einzelnen Aromen hervor: Kaffirlimettenblätter, Chili, Zitronengras, Kardamom, Koriander und Kümmel. Dazu passt die Scheurebe hervorragend, die er aus seiner kleinen, aber gut zusammengestellten Auswahl an Naturweinen empfohlen hat.Im Khao Taan zu essen, ist ein Erlebnis, die Gerichte sind exquisit, die Kräuter und Gewürze wie Galgant, Zimt- und Pfefferblätter exotisch. Manches schicke ihm seine Mutter aus Thailand, erzählt Gaan, weil er es hier nirgends finden kann.
Ein Laden wie das Khao Taan ist in Berlin eine Seltenheit, die man unbedingt erleben muss.
Khao Taan, Gryphiusstraße 10, Friedrichshain. Di–Sa 18–23 Uhr, Tel. 58617400.
Das Menü kostet 35 Euro pro Person.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de