Ja, vielleicht ist das, was die Performer von Showcase Beat le Mot derzeit im Hau1 veranstalten, wirklich echtes Revolutionstheater. Keine historischen Figuren geistern als chiffrierte Wiedergänger über die Bühne, keine interagierenden Performer bringen mit der Frage nach dem Revolutionspotenzial unserer Tage Passanten in Verlegenheit. Nicht einmal ansatzweise wird jene Revolutionsgeschichte zu erzählen versucht, die der Titel des Abends selbst ankündigt: "Paris 1871 - Bonjour Commune". Nein, Revolution sieht man hier nicht, dafür viel "Revolutionäres": "Umdrehungen" im konkretesten Sinn des Wortes, die schnell durch alle Gehirnwindungen zischen.Schon zu Beginn ist das Theater komplett verkehrt: Statt Spiels empfängt die eintretende Zuschauerschar erst einmal Speisung - Brathühnchen und Rotwein. Wer das Neinsagen nicht versteht, der wird, noch bevor das echte Spiel beginnt, schon satt und versöhnt in den Polstersesseln liegen, die diesmal selbst auf der Bühne stehen, während die vier Showcaseler später die Vorderbühne samt Zuschauerraum bespielen. Was heißt bespielen? Nichtbespielen. Denn was sie dann eine gute Stunde lang aus dem Bratendunst und Theaternebel auftun, ist ein höchst intelligentes Spiel der Verweigerung.Mit Guillotinen spielenWie schon ihr erstes Revolutionsstück "1534", das die Showcaseler zu Beginn dieses Jahres als irrlichternden Kampf der Gehirne im Hau2 installierten, ist auch "Bonjour Commune" ein dunkel leuchtendes Konstrukt aus 100 Genres, nur viel offener, abstrakter noch. Es sind Versuchsanordnungen kindlich-anarchischer, wissenschaftlich-sezierender Art, die zunächst so tun, als wollten sie aus Särgen die Pariser Barrikadengeschichte von einst zum Leben erwecken. Doch schnell wandelt sich die Bühne in ein Funken schlagendes Denklabor: Keine Geschichte, nur kleine Spiel-Guillotinen und Bälle werden ein- und ausgepackt aus einem großen Würfel, der so geheimnisvoll im Raum liegt, wie Kokarden schwarzes Quadrat.Es entspinnt sich ein Werkstatt-Zaubertheater aus dem Geist der Installation, des Tanzens, Turnens und Musizierens. Nicht Schauspieler liefern Texte, sondern selbst gebastelte Flugblattgeschosse, eine Akkordeon-Maschine, überblendete Schriftbilder. Und auch sie erzählen nicht einfach, sondern deuten nur an, verdichten. Die Geschichte, die sie anreißen, muss man vorher kennen, um hier mit ihr ins Spiel zu kommen. Wer nicht weiß, was in den 72 Tagen des Frühjahres 1871 in Paris geschah - wie die Stadtverwaltung dort gegen die Belagerung der Deutschen und der eigenen Zentralregierung versuchte, eine gerechtere Gesellschaft zu errichten - der wird es auch hier nicht erfahren. Showcase Beat le Mot theatern nichts nach, sie konstruieren. Irritation ist ihr Mittel der Vergegenwärtigung.Historische Kokarden der Pariser Kommune sind wie riesige Lichtstempel einer versiegelten Zeit auf alle Wände projiziert. Doch niemand wird diese Revolutions-Siegel einfach brechen, um Gegenwärtiges darin zu suchen. Die alten Formen werden nur langsam in Bewegung gesetzt: Die toten Buchstaben beginnen zu tanzen, indem sich die Performer mit weißen Schildern und ihren Körpern zwischen die Projektionsstrahlen und die Wände schieben und so Wörter fokussieren: "Bürger", "Gerechtigkeit", "vollbracht". Vollbracht aber ist in diesem perspektivreichen Baukasten-Theater nichts: Etwas noch Unbekanntes, Formloses, doch heftig Drängendes versucht sich den ganzen Abend über durch viele Verhüllungen ins Leben zu kämpfen - so wie die Performer am Ende in blau-weiß-rote Häute gehüllt wie Embryonen aus ihren Blasen schlüpfen. Ihnen gelingt's. Und uns?-----------------------Paris 1871... 1.-10. Oktober jeweils 19.30 Uhr im Hau1, Tel.: 25900427
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