Der Berliner Dichter und Prosaautor Richard Anders ist schon eine einzigartige Erscheinung. Als junger Mann in den sechziger Jahren mit dem französischen Surrealistenkreis in Paris bekanntgeworden, begann er selbst in dieser Tradition zu arbeiten und setzte dies bis heute nahezu ungebrochen fort. Trotz inzwischen vielfach gewechselter literarischer Moden zieht er selbst unbeirrt seine Wege. Geschätzt von denen, die ihn kennen, blieb Anders dennoch Zeit seines Lebens von den großen Verlagen unbeachtet. Dafür liegen seine Werke in kleinen und zum Teil wunderschönen bibliophilen Ausgaben vor. Am heutigen Sonnabend wird Richard Anders siebzig Jahre alt. Das Faszinierende seiner Gedichte, erzählerischen Miniaturen und Prosa liegt in ihrer merkwürdigen Sogkraft. In schier endlosen Folgen entwickelt Anders rhythmisch wiederkehrende Bilder, die sich, versucht man ein Ende zu greifen, wie der Faden eines Gewebes zurückziehen, bis keine einzige Schlinge mehr vom Ganzen übrigbleibt und nur noch ein Anfang in der Hand liegt. Glaubt man als Leser bereits den Fuß im nächsten Satz zu haben, stoppt plötzlich - wie in den Spiegelkabinetten der Jahrmärkte - eine zuvor nicht wahrgenommene gläserne Wand. Schlägt sich der Gedanke zum vermeintlichen Ausgang seiner skurrilen Geschichten durch, erweist jener sich aufgrund geschickter Spielregeln als nicht vorhanden. Tatsächlich kommt er unvermutet hinter einem von der Seite ins Bild geschobenen Paravent zum Vorschein. "Zuerst schreibe ich ziel- und planlos ohne vorgegebenes Thema. Ich überlasse mich dem Diktat des Rimbaudschen Anderen : écriture automatique." Doch "ist mir aufgegeben, in spielerischem Umgang mit meinem störrisch unsinnigen Text zu dem vorzudringen, was ich mir zu sagen habe Erst indem das Bild ins paradoxe Bildlose abstürzt, wird es evident, also zum Denkbild".So kommt es, daß seine Texte gleichzeitig offenbaren und verschwinden. Schmetterlingsgleich öffnen und schließen sie ihre Flügel: Zeiten, Orte, Personen, Geschlechter, Bezugspunkte wirbeln in einem schier unentwirrbaren Traum ineinander. Der Autor wird zum Schöpfer eines eigenen, verkehrten Universums, dessen Schwerkraft von entgegengesetztem Ende her wirkt, dessen Horizonte wie Treibeis kippen und sich überlagern und wo die Personage die Plätze wie die Körperteile wechselt. Eine harmlos erscheinende Landschaft mit einem Wirkungsgefälle, das mit jedem Wort einen Stein ins Rutschen bringt - und zuletzt die Gedanken jedes seiner Leser mit sich reißt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de