Frank Bascombe erkennt sich selbst nicht wieder. Hat er tatsächlich gerade seine vietnamesische Masseurin, die er noch nicht lange kennt, am Telefon gefragt, ob sie ihn heiraten wolle?
Tatsächlich, der Frank Bascombe, dem wir in „Valentinstag“ zuhören, wie er das Leben erzählt und in gewohnt lakonischer Weise kommentiert, ist ein etwas anderer als der Bascombe, den auch wir Leserinnen bisher kennen.
Nicht, dass das Schicksal bisher sanft mit ihm umgegangen wäre. Da war der knapp vierzigjährige Ehemann und dreifache Vater, der den Traum vom Schriftsteller dann doch kleiner backen musste und als Sportreporter seine Familie ernährte („The Sports Writer“, 1986). Der ältere Sohn Ralph starb neunjährig, Franks Ehe zerbrach. In seiner zweiten Karriere als Immobilienmakler („Independence Day“, 1995, „The Lay of the Land“ 2006) lief auch nicht alles rund, ihn ereilten Krebs und die Finanzkrise, seine zweite Frau Sally zog sich zurück. Und in alldem war es Franks Talent gewesen, immer jenes Stück ironisch-spöttischen Abstand zu den Dingen zu halten, das ihn, wenn dann schon nicht in den klassischen Glückskonzepten, dann doch in zahllosen, oft absurden Momenten des Lebens Glück finden ließ – und sei es als Abwesenheit von Unglück.
Ein Mr. Jedermann der USA
Um Glück geht es nun, da Frank Bascombe 74 ist und ein „einsames Seniorenleben“ mit Teilzeitjob und Bibliotheksausweis lebt, noch einmal verstärkt. „Glücklich sein – bevor der graue Vorhang fällt. Oder zumindest darüber nachdenken, warum du es nicht bist ... Es bringt was, sich darum zu scheren – mehr Sicherheiten habe ich allerdings auch nicht anzubieten. Aber wer zur Tür hinausgeht und sich nicht darum schert, ob er glücklich ist, der zollt dem Leben weniger als den vollen Tribut. Was doch schließlich unser Daseinsgrund ist. Oder etwa nicht?“
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Vielleicht ist es ja diese Art der für Frank Bascombe typischen Überlegungen, die dafür gesorgt hat, dass er in der literarischen Kritik gern als Mr. Jedermann gesehen wird. Ein Mr. America, dessen Beharren auf Glück ihn ja unmittelbar mit der amerikanischen Verfassung verbindet, in der das Recht auf „pursuit of happiness“ fest verankert ist. Nur dass Frank es nicht als Recht, sondern eher als persönliche Pflicht interpretiert. Soll er es also als Glück sehen, dass ihn jetzt, in seinem 75. Jahr, ein Ereignis so gründlich aus seinem „lauwarmen Leben“ heraushaut, dass ihm Hören und Sehen vergeht?
Frank steht auf dem Flughafen, als seine Tochter Clarissa anruft, um ihm mitzuteilen, dass bei ihrem Bruder Paul, Franks zweitem Sohn, vor drei Wochen ALS – Amyotrophe Lateralsklerose – diagnostiziert wurde, die vermutlich rasant seine Körperfunktionen lähmen und schnell zum Tod führen werde. Geschäftsmäßig informiert Clarissa ihren Vater, dass sie Paul zu sich holen und in der Mayo-Klinik therapieren lassen würde.
„‚Ich werde mich um ihn kümmern‘, hörte ich mich in mein albernes kleines Sprint-Handy sagen. Passagiere eines anderen Fluges stiegen aus. Lächelnde, braungebrannte Leute in geblümter Strandkleidung, Strohhüten und Blumenketten. Sie waren auf Hawaii gewesen und jetzt zurück auf der Oberen Halbinsel, was kost’ die Welt. Mein Herz bummer-wummerte los, meine Knie wechselten von Eis zu Wasser, mein Bauch fing an, unter der Gürtellinie wehzutun. Ich brauchte dringend eine Pinkelpause. ‚Das geht so was von gar nicht‘, sagte Clarissa kalt. ‚Du bist zu alt.‘ ‚Du magst ihn doch nicht mal‘, sagte ich, zu laut. ‚Und er liebt dich. Du tust, als wäre ich hundert. Ich bin nicht zu alt.‘“
Nein, besonders freundlich geht es nicht zu zwischen Frank und seinen erwachsenen Kindern. Paul, 47, der sich für eine Weile noch auf einer Gehhilfe aufrechthalten kann, bevor der Rollstuhl alternativlos wird, arbeitet die Verzweiflung über das nahe Sterben vor allem über grimmige Aggression gegenüber seinem Vater ab, der nun Tag und Nacht in seiner Nähe ist.
„‚Ich bin das Pin-up für würdiges Sterben. Ich könnte Fernsehwerbung machen. Wofür könntest du werben?‘ Für rundherum leidende Väter. Ich sage es nicht. ‚Wahrscheinlich gar nichts.‘ ‚Deppen auf dem Deppenkanal, moderiert von Tommy Depp.‘ Er grinst, mit sich zufrieden.“
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Glücklich in klirrender Kälte
Frank lässt Paul witzeln und wüten und ironisch über „Al’s“ abkotzen, wie er seine Krankheit nennt. Er lässt die Unverschämtheiten zu, in denen Paul seiner rasenden Ohnmacht Luft macht, vielleicht weil er begreift, dass die Wut und das Aufbegehren Teil der Kräfte sind, die es Paul erlauben, sich von der grausamen Krankheit nicht die Würde abkaufen zu lassen. Er spüre, sinnt Frank, dass Paul, „so entschlossen er jetzt auch sein mag, sich nicht von Al’s definieren zu lassen – ich spüre, dass er sich, was den Tod betrifft, vollkommen verzettelt und noch längst nicht genug gelebtes Leben hatte.“
Und so ist es eine Art ultimativer Nähe und Solidarität, aus der heraus Frank ein Wohnmobil mit Namen „Warmer Wind“ mietet, um den kommenden Valentinstag mit Paul in klirrender Kälte und im Angesicht der in Stein gehauenen Präsidentenköpfe des Mount Rushmore zu verbringen; ein Ausflug, der Pauls Sinn für Skurrilität ganz genau entspricht. Aber nicht nur das. Als ob sich in der pompösen Leere dieses nationalen Denkmals genau jene Sinnlosigkeit widerspiegelt, die er mit seinem viel zu frühen Tod nun wird erleiden müssen, macht Paul der Ausflug sinnlos glücklich.
Da wäre es also wieder, das Glück. Frank hatte in den Wochen vor dem Ausflug nachgeholfen, wenn er ab und zu bei Betty, der vietnamesischen Masseurin, vorbeifuhr und ihr irgendwann versehentlich die Ehe anbot. Auch eine alte Freundin rief er an und quatschte Blödsinn. Vor allem aber war er bei den unzähligen Momenten zugegen, in die sich für Paul das Sterben dehnte.
Nein, Frank Bascombe erkennt sich öfter mal nicht wieder. So radikal geliebt hat er möglicherweise noch nie, so sehr dem Leben den vollen Tribut gezollt.
Dass Richard Ford nicht nur der brillante Chronist der amerikanischen Traum- und Albtraumwelt ist, sondern erzählerisch ein Meister des Unsentimentalen, wusste man längst. Dass er sich mit dieser Meisterschaft auch den letzten Dingen zuwenden, das Sterben in einer brutalen Form Schritt für Schritt vermessen würde, darin zeigt sich nun wohl die Radikalität dessen, der es ganz und gar ernst meint damit, dem Leben und dem Schreiben den vollen Tribut zu zollen.
Richard Ford: Valentinstag. Roman. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin 2023. 382 Seiten, 28 Euro
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