Das Deutsche Haus in Krasnaja Poljana liegt mitten im Betondreieck. Links führt eine Fahrstraße zum Biathlonzentrum Laura den Berg hinauf. Rechts rumpelt über eine Brücke die neu gebaute Eisenbahn, die nur noch wenige Meter bis zur großen Endstation hat. Dort startet dann die lange Gondelbahn, die hoch hinauf ins kaukasische Gebirge und schließlich ebenfalls zum Biathlonzentrum führt. Vom Busbahnhof neben der Eisenbahn schwärmen Tag für Tag viele weiße Busse, vollgestopft mit bunt bejackten Volunteers, an all die Sportstätten des Olympiageländes aus.
Verkehrsgünstig ist die Lage zweifellos: nicht weit zum Athletendorf in den Bergen, nicht weit zur riesigen Mall und den überdimensional großen Hotels. Aber verkehrsgünstig ist hier in Sotschi selten schön, denn Zeit, ihren Bauschrott zu entsorgen, hatten die Konstrukteure der neuen Winterwunderwelt zumeist nicht.
Von außen betrachtet wirkt die Holzhütte im alpenländischen Stil, die den Eingang zum Deutschen Haus markiert, daher beinahe rührend niedlich mit ihren Herzchen an den Fensterläden und den gerafften rot-weiß karierten Vorhängen. Aber das Ambiente ist Felix Loch an diesem Montagmorgen vermutlich völlig egal.
Wichtiger ist für ihn die schnelle Erreichbarkeit des Hauses, das während der Spiele ein Treffpunkt für Athleten, Sponsoren, Politiker, Journalisten und Sportfunktionäre sein soll. Drei Stunden Schlaf sind nämlich nicht gerade viel. Aber in der Nacht des Olympiasiegs mussten sie für Felix Loch genügen. Am nächsten Morgen saß er mit kleinen Augen im Pressekonferenzraum des Deutschen Hauses, das Räume für viele Anlässe bietet.
Das Kufenstüberl zum Beispiel. Dort hatte Loch schon am Abend zuvor als bayerischer Rodler traditionsgemäß mit einem Weizenbier auf seinen Sieg angestoßen. Albert Demtschenko aus Russland und den Südtiroler Armin Zöggeler hatte er auf die Plätze zwei und drei verwiesen. Und so beprostete Loch, 24, dann seine zweite olympische Goldmedaille nach der bei den Spielen in Vancouver 2010. Seine Freundin Lisa hatte mitgefeiert bei bayerischer Stubenmusik. „Bei ihr habe ich dann übernachtet“, erzählte Loch am nächsten Morgen. Was ihn allerdings nach der Dopingkontrolle vor dem Besuch im Deutschen Haus eine weitere halbe Stunde gekostet hatte. Denn nötig war nach dem kurzfristigen Bettenwechsel auch eine kurzfristige Adressänderung für das Adams-Meldesystem der Welt-Antidoping-Agentur (Wada).
Jetzt ist Lisa heimgefahren. Beim Staffel-Wettkampf am Donnerstag wird Felix Loch auf ihre Unterstützung an der Bahn verzichten müssen. Da der Teamwettbewerb zum ersten Mal olympisch ist, verfolgt Loch die Chance, als erster Rodler Doppel-Olympiasieger zu werden.
Bei seinem vierten Lauf durch die Bahn im Sanski-Zentrum am Sonntagabend waren auch IOC-Präsident Thomas Bach, Franz Beckenbauer und Michael Vesper, der Delegationsleiter des deutschen Teams, an der Eisbahn. Viel falsch machen konnten sie nicht bei der Ortswahl. Zu sehr hatte Loch die Saison dominiert. Und so konnte immerhin auch der Viertplatzierte des Wettbewerbs, Andi Langenhan aus Suhl, vom Aufmarsch der Anzugträger profitieren.
15 entscheidende Kilo
„Es war eine große Ehre. Man sieht die Leute ja nicht permanent bei uns an der Bahn“, sagte Langenhan. Er freute sich, dass sie auch ihm gratulierten, „dass auch Anerkennung für den vierten Platz da war“. Am Start hatte der Athlet aus Oberhof dem Favoriten aus Berchtesgaden immerhin ein paar Sekunden abgenommen. „Während ich im Athletischen viel herausholen kann, ist Felix einfach materialtechnisch ein schlauer Fuchs,“ benannte Langenhan den größten Unterschied. „Außerdem ist der Felix 15 Kilo schwerer als ich, was in der Physik des Rennens schon einiges ausmacht.“
In Anbetracht von Felix Lochs ersehntem Erfolg dachte Michael Vesper am Montagmorgen laut über die Ausbeute der deutschen Mannschaft am ersten Olympiawochenende nach. „Natürlich erhoffe ich mir, dass der Felix den Eisbrecher gemacht hat“, sagte er.
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