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Jetzt spricht die „Führungskraft“ der Berliner Zeitung: So verzerrt der Tagesspiegel die Wahrheit

Der Tagesspiegel warf der Berliner Zeitung vor, ein Interview mit Roger Waters verfälscht zu haben. Wie es wirklich war, wollte man nicht wissen.

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Der Lack ist ganz schön angekratzt bei der selbsternannten „Qualitätszeitung der Hauptstadt“ .

Der Lack ist ganz schön angekratzt bei der selbsternannten „Qualitätszeitung der Hauptstadt“ .

© Schöning/imago

Ich kenne Sebastian Leber seit über 15 Jahren. Das fiel mir auf, als ich kürzlich durch unsere Chatnachrichten ging. Die letzte private Nachricht, die ich ihm geschrieben habe, liegt etwa vier Wochen zurück. Sie wird wohl für eine lange Zeit die letzte bleiben. Denn Leber hat diese private Nachricht im Tagesspiegel veröffentlicht. Wer soll Leber je wieder glauben, dass er intime Kommunikation nicht benutzt, um zu versuchen, seine Texte zum Erfolg zu verhelfen? 

Ich bin die anonyme „Führungskraft“, die Leber in seinem jüngsten irreführenden Text über die Berliner Zeitung zitiert.

Die Entwicklung der Berliner Zeitung

Worum geht es? Am 8. März veröffentlichte Leber im Tagesspiegel einen Artikel zu einem Interview der Berliner Zeitung mit Roger Waters. Vor einem Jahr führte unser Chefredakteur ein Gespräch mit dem Gründer von Pink Floyd. Darin ging es um Waters' Positionen zum Krieg in der Ukraine, aber auch um Israel und die BDS-Bewegung. Nun unterscheidet sich die Version, die in unserer Zeitung erschien, von einer Fassung, die Waters unabgesprochen auf seiner Webseite veröffentlicht hat. Leber zog daraus den Schluss, dass die Berliner Zeitung das Interview nachträglich geschönt hätte, um Waters nicht als Antisemiten dastehen zu lassen. Das stimmt nicht, der Tagesspiegel hat sich die Behauptung ausgedacht.

Dieser Text stammt aus der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 30./31. März 2024

Dieser Text stammt aus der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 30./31. März 2024

In der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung finden Sie folgende Themen: Interview mit der DDR-Historikerin Katja Hoyer, Dietrich Brüggemann äußert sich zur verpassten Corona-Aufarbeitung, ein Porträt über das Berliner Start-up Trade Republic, Ólafur Elíasson in Greifswald, neue Crime-Kolumne von der Gerichtsreporterin der Berliner Zeitung, mehr Gastro-Kritiken, mehr Berlin-Seiten, Interview mit einem Immobilienmakler über Wohnungschancen in der Stadt, die große Geopolitik-Analyse der Woche und ein Interview mit dem Krisenforscher William Ury, bei dem sich US-Präsident Joe Biden Ratschläge holt. Außerdem: die wöchentliche Kolumne Brutal Berlin.

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Der Ukraine-Krieg dauerte damals ein Jahr und Waters fiel durch provokante Äußerungen auf: Er verteidigte Russland und gab der Ukraine eine Mitschuld am Konflikt. Tomasz Kurianowicz, dessen Namen Leber leider nicht richtig schreiben kann, konfrontierte Waters im Interview mit den Vorwürfen. Er widerspricht Waters, als der Musiker Opfer und Täter im Ukraine-Krieg verdreht. Auch Waters‘ Sicht auf Israel wird kritisch eingeordnet. Waters wirft Kurianowicz vor, „gehirngewaschen“ zu sein und zeigt sich als der Israelfeind, der er ist.

Das kommt im Text von Leber nicht vor. Dabei ist die Erklärung für die unterschiedlichen Versionen ganz einfach. Waters hat seine eigene Fassung des Interviews veröffentlicht. Vielleicht weiß Leber nicht, dass es üblich ist, bei Interviews zu kürzen. Zum ganzen Verständnis wichtig ist außerdem das Erscheinungsdatum des Interviews. Nach dem brutalen Massaker der Hamas am 7. Oktober hätte die Berliner Zeitung ein anderes Gespräch geführt. Das verzerrt der Tagesspiegel und manipuliert so die Leser. In der Berliner Zeitung wurde lange diskutiert, wie man das Interview publizieren sollte. Die Chefredaktion entschied sich für eine Fassung, die Roger Waters Positionen klar macht, aber ihm keine Chance gibt, das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Die Redaktion schickte Roger Waters, so wie es für deutsche Journalisten Standard ist, nach einem längeren E-Mail-Austausch die finale Version zur Abnahme. Erst danach ging das Interview in den Druck. 

Warum wird ein uraltes Interview skandalisiert?

Wie sinnfrei Lebers Angriff ist, zeigt sich auch daran, dass den Lesern des Interviews in der Berliner Zeitung Waters‘ israelfeindliche Position nicht vorenthalten wurde. Waters sagt darin zum Beispiel, dass er in Moskau, aber nicht in Tel Aviv auftreten würde. Er verteidigt BDS-Positionen.

Warum skandalisiert Sebastian Leber ein mehr als ein Jahr altes Interview? Der Verdacht steht im Raum, dass Leber die Wahrheit nie erfahren wollte. Statt das Gespräch zu suchen, schickte er kurz vor Veröffentlichung seines Textes einen Fragenkatalog per E-Mail. Die These stand da bereits fest: Die Berliner Zeitung habe das Interview geschönt, entschärft und einen Antisemiten geschützt. So liest sich auch Lebers Text. Dabei hätte der Tagesspiegel erwähnen können, dass in derselben Ausgabe der Berliner Zeitung mit Roger Waters zudem ein Interview mit dem Historiker Michael Wolffsohn und der Ukraine-Aktivistin Krista-Marija Läbe erschien. Dort ordnen sie Roger Waters’ Positionen kritisch ein.

Verlernen wir den Dialog nicht

Leber scheint es vor allem um eine Generalabrechnung mit dem Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, und der Redaktion zu gehen. Auffällig ist, dass selbst Tagesspiegel-Leser Lebers Form des Journalismus unangemessen finden. Das zeigen die Kommentare auf der Webseite des Tagesspiegel. „Sehr peinlich“, „Billiger Versuch, Meinungsführerschaft zu erwerben“, „Sie sind sehr einseitig aufgestellt, Herr Leber.“

Aber für Kritik ist der Tagesspiegel-Autor nicht erreichbar. Nach der Veröffentlichung schrieb ich ihm eine emotionale Nachricht und zeigte mich erschüttert über sein Vorgehen. Leber antwortete eingeschnappt und veröffentlichte die private Kommunikation, stattete seinen Text mit einem „Update“ aus, wo er auf den Kontakt mit einer uneinsichtigen „Führungskraft“ hinweist. Die FAZ mischte sich ein und erhielt offenbar von Leber Zugang zum privaten Chat-Verlauf. Ein journalistisches No-Go. Es ist nicht nur schlechter Stil, Privatnachrichten zu veröffentlichen. Es ist auch unkollegial und unprofessionell.

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