Der 33-Jährige weiß ja nur zu gut, dass es ein langer Weg war, überhaupt berufen zu werden, nach ersten zarten Banden vor sieben Jahren, einigen Irritationen und der scheinbar schon verstrichenen Chance, doch noch von Bundestrainer Joachim Löw eingeladen zu werden. Was würde ihm also der nun in Aussicht stehende Einsatz im letzten Testspiel des Jahres am kommenden Dienstag gegen England in Wembley bedeuten? „Ein Traum würde sich schon erfüllen“, sagte Weidenfeller, „aber der I-Punkt ist eigentlich schon damit gesetzt, dass ich jetzt dazugehöre und – das ist für mich entscheidend – die Wertschätzung zu erfahren vom Trainerstab und der Öffentlichkeit.“ Das war schon gewagt, aber nicht zu viel.
Am Freitag in Mailand gegen Italien wird die klare Nummer eins, Manuel Neuer vom FC Bayern, im Tor stehen. Für die Partie in London am Dienstag darf sich Weidenfeller aber große Hoffnungen machen, den Vorzug vor René Adler vom Hamburger SV zu erhalten. Torwarttrainer Andreas Köpke ließ das anklingen, wenngleich er im Ungefähren blieb. Nach dem Spiel gegen Italien werde man alles Weitere sehen, sagte er.
„Chance zu experimentieren“
Zugleich begründete Köpke die Berufung Weidenfellers aber mit dem Kalender, der nach den beiden Härtetests gegen Italien und England nur noch ein Treffen der Nationalmannschaft bei der Partie im März gegen Chile vorsieht, ehe die WM vor der Tür steht. „Jetzt ist die letzte Chance zu experimentieren“, sagte Köpke.
Dass die Berufung Weidenfellers jedoch weit mehr als ein kurzes Experiment ist, darf man getrost annehmen. Löw und Köpke sind zu der Überzeugung gelangt, dass ihnen ein erfahrener Torwart bei dem komplizierten Turnier der vielen Unwägbarkeiten in Brasilien weitaus mehr helfen könnte als ein junger Kollege wie Ron-Robert Zieler (Hannover 96) oder die U21-Torhüter Bernd Leno (Bayer Leverkusen) und Marc-André ter Stegen (Borussia Mönchengladbach). Diese haben beim DFB und teils auch im Verein zuletzt nicht immer die glücklichste Figur abgegeben.
„Offen für alles“
Köpke sieht wie Löw den Dortmunder Torwart als gefestigter und belastbarer an, zudem loben beide, dass dieser seinen Stil umgestellt habe. „Roman spielt schon ganz lange Zeit auf sehr hohem Niveau, auch in der Champions League“, betonte Köpke. Die jungen Torhüter sollten aber nicht „das Fußballspielen einstellen, nur weil sie vielleicht nicht bei der WM dabei sein werden“. Die Tendenz, dass es für Leno, ter Stegen und Zieler nichts mit Brasilien werden wird, zeichnet sich recht deutlich ab.
Es gibt sogar Andeutungen, dass Weidenfeller nicht nur die Reise nach Brasilien einplanen kann, sondern sogar damit rechnen darf, diese als Nummer zwei anzutreten. Die Praxis aus der Champions League, in der Weidenfeller vielen Profis begegnet, die auch bei der WM sein werden, ist für Löw und Köpke ein wesentliches Argument gewesen, ihn nun doch im reifen Alter einzuladen. Adler kann diese Bewährungsproben auf höchstem Niveau nicht vorweisen und ist auch den allgemeinen Schwankungen seiner Mannschaft unterworfen. Zudem ließe sich pro Weidenfeller aus Sicht von Löw und Köpke argumentieren, dass das Spiel der Dortmunder dem der Nationalelf ähnlicher ist als das des HSV. Mehrere vertraute Kollegen der Borussia im Kreise der DFB-Elf wären im Zweifelsfalle ebenfalls eher eine Hilfe für Weidenfeller.
Man habe den Torwart in den Vorgesprächen gefragt, erzählte Köpke noch, „ob er auch bereit wäre, sich als zweiter oder dritter Torwart in den Dienst der Mannschaft zu stellen“. Als zweiter oder dritter Torwart? Weidenfeller lächelte wieder, aber nicht zu viel. Er sagte: „Ich möchte alles auf mich zukommen lassen. Ich bin offen für alles.“ Und dass er sich beim Trainerstab für das Vertrauen bedanke.
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