Rostock

Ausstellung erinnert an legendäre DDR-Zeitschrift „Sibylle“

Vor sechzig Jahren wurde die "Ost-Vogue" gegründet.

Ingeborg Ruthe
10 Min
1966: Günther Rössler

1966: Günther Rössler

© Reproduktionen Werner Mahler

Wenige Wochen später erstickten die Truppen des Warschauer Paktes den Prager Frühling. Das war – jedenfalls auf den ersten Blick – kein Inhalt für die seit 1956 erscheinende, zunächst vom Modeinstitut Berlin, später vom Verlag für die Frau verlegte und dauervergriffene „Ost-Vogue“ in einer reglementierten Auflage von 200.000 Exemplaren.

1966 Günther Rössler

1966 Günther Rössler

© Reproduktionen Werner Mahler

Die Sibylle war keine reine Frauen- oder Modezeitschrift. Vielmehr war der redaktionelle Anspruch immer auch, aktuelle gesellschaftlich-kulturelle Themen einzubringen: gut geschriebene Texte, tolle Bilder.

Sammlung der Hefte und Bild-Strecken der Fotografen

Dafür schauten die Macher gerade auch auf Frauen in den benachbarten Ländern, etwa in Prag und Bratislava. Nun, die Flagge der Tschechoslowakei war: Blau-Weiss-Rot, wie auf Rösslers Titelbild 1968. Zufall? Oder subtil subversiv.


Ausstellung „Sibylle“ und Buch

1966: Günther Rössler

1966: Günther Rössler

© Reproduktionen Werner Mahler

Die Ausstellung „Sibylle“ in der  Kunsthalle Rostock, Hamburger Str. 40, wird  am Sonnabend (17.12.) um  18 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 17. April zu sehen,  Di–So 11–18 Uhr. www.kunsthallerostock.de

Der Katalog zur  Schau erscheint auch als Buch mit Hardcover:
Ute Mahler und Kunsthalle Rostock  (Hg.): Sibylle 1956– 1996. Hartmann Projects, 336 S., 570 Abb., 39,80 Euro.


Das Motiv ziert jetzt das zentrale Plakat der großen Rostocker Schau „Sibylle“. Anlass ist die Gründung der Zeitschrift vor 60 Jahren. Und im Blickpunkt stehen, neben einem chronologisch inszenierten Abriss der Hefte von der Nr. Eins bis zur finalen Ausgabe 1995, vor allem exemplarische kunstvolle Bild-Strecken von 13 Fotografen, die mit ihrem Stil, die Mannequins im Alltag auftreten zu lassen, Maßstäbe setzten.

Modells durften keine Hungerhaken sein

Diese Fotografen, das wird im oberen Ausstellungssaal der Kunsthalle Rostock überdeutlich, hatten sich Modelle gesucht, die schön, klug, natürlich und unbefangen waren. Diese Wesen, die essen durften, wie sie wollten, keine Hungerhaken sein mussten, paradierten (siehe nächste Seite) vor einer Gasometer-Ruine, saßen auf Café-Stühlen, standen an Bus-Stationen, am Ostseestrand zauste der Wind ihre Haare.

1977: Michael Weidt

1977: Michael Weidt

© Michael Weidt

Das waren keine Alltagsfrauen bei der Schicht-Arbeit oder mit Einkaufsnetzen. Es umgab sie ein Schleier von Geheimnis, von Extravaganz. Fast so, wie berühmte Straßen- und Mode-Fotografen im Westen damals Style und Leben zu einen suchten.

„Zu französisch“ oder „sexistisch“?

Schelte „von oben“ gab es dafür auch: Wenn die Kleidchen „zu französisch“, die Röcke zu „sexistisch“ kurz waren oder ein ganzes Heft der Blue-Jeans-Mode huldigte. Solche Kapitalismus-Annäherung wurde eingestampft.

Als 1977 Maxie Wanders Buch „Guten Morgen, du Schöne“ erschien, in dem 19 Frauen von ihrer Lust auf Leben erzählen, war das wie eine Parallel-Aktion zu den Sibylle-Seiten, wie Ersatzöffentlichkeit: Frauen konnten sein, wie sie waren, mussten nicht funktionieren. Der Titel Sibylle war weniger Eitelkeit als Bekenntnis.

Abgebremste DDR-Träume

Sibylle Gerstner, Mutter der Schriftstellerin Daniela Dahn, gründete die Zeitschrift 1956; prägende Redakteurin war Dorothea Melis, letzte Chefredakteurin Susanne Stein. Vergleichsweise glamourös konterkarierte jede Ausgabe die biedere HO- und Konsum-Mode, lieferte internationalen Touch.

1994: André Rival

1994: André Rival

© Reproduktionen Werner Mahler

Aber: Was Frau da sah, gab es nirgendwo zu kaufen, da diese Mode „von Welt“ von den realen Möglichkeiten der sozialistischen Planwirtschaft oft ausgebremst wurde. So mussten die Sibylle-Schnittmusterbögen eben beim Selber-Schneidern helfen.

Alles das sind nun Geschichten und ist (DDR)-Geschichte, die in Rostock erzählt wird. Von einem Stoff, aus dem die Träume waren:

Erinnerungen an „Sibylle“: „Ich finanzierte mit dem Nähen mein Studium.“

In den Sechzigern habe ich Industrie-Schneiderin gelernt, beim VEB-Treffmodelle. Vorher trat ich auf den Fußantrieb der alten Singer-Nähmaschine meiner Mutter – meistens aufgeregt, weil ich mir nur in ihrer Abwesenheit meine engen Röcke noch etwas enger machen konnte.

Nach der Lehre kaufte ich eine elektrische Veritas Zickzack, nähte alles für mich und finanzierte mit dem Nähen für andere mein Studium. Ich suchte nach Anregungen für Material, Silhouetten, Trends. Die „Sibylle“ machte mich unabhängig vom Modeangebot meines Landes – ich kopierte und variierte viele Jahre.

Aus jeansblau eingefärbten Mullwindeln nähte ich einen langen Wickelrock. Für Freundinnen und mich selbst entstand – nach einem Sibylle-Schnittmuster – ein Dutzend Minikleider. Die erregten Aufsehen. Die Schauspielerin Eva-Maria Hagen folgte ihrem ausgebürgerten Liebsten, Wolf Biermann, in den Westen, unter anderem mit drei Kleidern im Koffer, die ich geschneidert hatte.

Dunkelgraue Samtjeans des Autors Ulrich Plenzdorf gingen auf ein Schnittmuster in der „Sibylle“ zurück. Auch mein Hochzeitskleid nähte ich nach einem Schnitt von da, es lag nicht am Kleid, dass die Ehe später geschieden wurde. Meine Beziehung zur Zeitschrift vertiefte sich, als eine von mir genähte weiße Bluse – fein gesmokt – nach einer Idee der Modechefin Dorothea Melis als „Sibylle“-Schnitt veredelt wurde.

Die Veritas Zickzack habe ich dem DDR-Museum geschenkt. Ihr und der „Sibylle“ verdanke ich es, im Osten keine graue Maus gewesen zu sein. Regine Sylvester, Journalistin

1984: Ulrich Wüst

1984: Ulrich Wüst

© Reproduktionen Werner Mahler

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„Man brauchte eine gute Freundin, die besser nähen konnte als man selber.“

Nicht jede kniete beim Anblick einer „Sibylle“ nieder und bekam den glasigen Blick. Für manche gehörte es sich, das Gesicht mit Verachtung zu laden, über die Vergottung des Äußerlichen zu ätzen. Ästhetisierung von Klamotten – war da nicht der Befreiungskampf der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wichtiger?

Nein, die Frau voll innerer Schönheit trug irgendwas mit Chile, Afrika, Nicaragua… „Sibylle“ galt in diesen inzwischen historischen Gutmenschenkreisen als schickimicki-konsumistisch. Zumal das Heft eh nicht zu haben war, viel zu kleine Auflage. Wer es wollte, brauchte Vitamin B. „Sibylle“ war schick, aber anstrengend, gemacht für die distinguierte Frau aus dem DDR-Kulturbetrieb.

Wer das toll Fotografierte selber nähen wollte, brauchte Zeit (schon allein das Beschaffen der Stoffe, Reißverschlüsse, Knöpfe!) und eine gute Freundin, die besser nähen konnte als man selber. Nichts für die werktätige Mutti, die froh war, dass sie die schmutzige Wäsche ihrer Familie der Komplexannahmestelle überlassen konnte.

Diese Frau blätterte in einer geborgten „Sibylle“ nur zum Träumen – so wie Männer Automagazine mit Ferraris und Porsches anschauen. Ich selber war immer eine Strickliesel, mein Magazin waren die Modischen Maschen, übrigens mit Fotos von Günter Rössler – ja, dem von der „Sibylle“.

Der Vergleich der „Sibylle“ als Vogue des Osten ist übrigens Quatsch: Vogue besteht aus mehr oder weniger verkappten Anzeigen. So konnte „Sibylle“ nicht sein, wollte sie auch nicht. Maritta Adam-Tkalec, Redakteurin

Die „Sibylle“ immer in Griffnähe

Modezeitschriften werden gemeinhin als publizistische Leichtgewichte und hinsichtlich ihres Realgehalts als wenig ergiebig abgetan. Das gilt heute mehr denn je, Photoshop öffnet dem schönen Schein Tür und Tor.

Davon abgesehen, dass Modezeitschriften in früheren Zeiten auch im Westen mehr Gehalt boten, konnte sich die ostdeutsche „Sibylle“ während ihres jahrzehntelangen Bestehens mit einem ansprechenden Profil behaupten, wozu auch die mode-fernen Artikel gehörten. Als jemandem, der kulturgeschichtlich wie fotogeschichtlich arbeitet, lag mir, als ich 1990 aus Westdeutschland nach Berlin kam, sehr daran, die originalen „Sibylle“-Ausgaben in meiner Bibliothek, mithin in Griffnähe zu haben und das so vollständig wie möglich.

Das ist mir, wenn auch nicht lückenlos, gelungen. Was die Modeproduzenten damals kreierten, konnte sich international sehen lassen, wenngleich die vorgestellten Kleidungsstücke zugegebenermaßen nicht für alle DDR-Bürger erreichbar waren.

Von nicht minderer Qualität zeugen die Modefotografien. Gerade sie lassen immer wieder aufmerken, denn für die Bildstrecken arbeiteten die führenden Fotografinnen und Fotografen, und das unter erheblich schwierigeren praktischen Bedingungen, als sie für ihre Kollegen im Westen galten.

1962: Arno Fischer

1962: Arno Fischer

© Reproduktionen Werner Mahler

Neben der Mode selbst erlauben die Aufnahmeorte Einblicke in ostdeutsche Lebensverhältnisse. Insofern haben die „Sibylle“-Hefte einen nicht zu unterschätzenden Quellencharakter, veranschaulichen sie doch das Ideelle wie das Reale. Enno Kaufhold, Fotohistoriker

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Gregor Gysi erinnert sich: Wie aus beschränkten Möglichkeiten großartige Leistungen wurden

Auch wenn es verwunderlich scheint, kann ich zur Sibylle nur eine Aussage nach Hörensagen treffen, was vor Gericht wohl keinen Bestand hätte. Ich habe von Sibylle nur Gutes gehört, obwohl ich sie selbst so gut wie nie zu Gesicht bekommen habe. Wahrscheinlich wurde sie mir vorenthalten, schon weil sie so gut war. Aufgrund der Papierknappheit konnte man Sibylle ja nicht einfach am Kiosk kaufen, auch wenn ich zugeben muss, dass meine Leidenschaft für Modezeitschriften begrenzt ist.

Was nicht heißen soll, dass Mode mich gar nicht interessiert, auch wenn mich manch schriller Entwurf auf den Laufstegen nicht nur an der Tragbarkeit zweifeln lässt. Gerade letzteres soll indes eine der Stärken von Sibylle-Entwürfen gewesen sein.

Wenn man über 20 Jahre nach ihrer Einstellung immer noch und nur Gutes über eine Zeitschrift hört, muss ich mir wohl eingestehen, etwas verpasst zu haben.

Dass Sibylle wie so manches durchaus Entwicklungsfähiges und Bewahrenswertes aus der DDR nach der Wende nicht dauerhaft überlebt hat, ist heute nicht mehr zu ändern, bleibt dennoch ärgerlich. Umso wichtiger ist es, immer mal wieder daran zu erinnern, wie damals aus ungleich beschränkteren Möglichkeiten gerade in Kunst und Kultur großartige Leistungen erbracht worden sind.

Es ist höchste Zeit, dies endlich anzuerkennen, damit einen Beitrag zur Einheit zu leisten, was die notwendige Kritik an der DDR glaubwürdiger und wirkungsvoller macht. Gregor Gysi, Jurist und Politiker

„Mancher hätte das Doppelte gezahlt, um ein Abonnement zu bekommen.“

Die Sibylle musste man sich leisten können. Nicht, weil sie teuer war, ach. Mancher hätte das Doppelte gezahlt, um überhaupt an ein Abonnement zu kommen. Kostspielig war nicht das Blatt, sondern sein Stil – alltäglich, lässig, zeitlos, individuell; verdammt geschmacksbildend das ganze Journal und sein Kulturteil. Wer ein bisschen Sinn für Mode hatte, verfiel ihm augenblicklich.

Die Fotos hatten Klasse, vermittelten manchmal etwas derart Rauschhaftes, dass sie in Studentenwohnungen an der Wand hingen. So wie diese Models wollten wir uns bewegen, das anziehen, was die anhatten. Nicht das aus den anderen beiden Zeitschriften Saison und Pramo (praktische Mode!), biedere Sachen, die Mutti unter der Kittelschürze trug. Die Richtung war klar, nur dass es sich bei der Sibylle eben nicht um ein Verkaufsportal handelte. Sie stellte Trends des Modeinstituts vor, denen sich die Konfektionsbetriebe ungerührt verweigerten. Manchmal waren Exquisit-Kollektionen dabei, feine, teure Sachen. Von meinem ersten Redakteursgehalt nach dem Studium, netto 490 Mark, erstand ich dort 1978 einen Sommermantel, unvergessen: 490 Mark. Er hielt bis nach dem Mauerfall.

Zum Glück ließen sich viele Modelle nachnähen. Ich hasste Schnittmusterbögen und meine schiefen Nähte, aber alles war besser als nix. Als die Sibylle ein Hochzeitskleid abbildete – Bleistiftrock, Spaghetti-Top, transparentes Chiffon-Oberteil – mit Schnittmuster, war klar: Jetzt mussten die Stoffe beschafft werden. Dann kann ich doch noch heiraten. Birgit Walter, Journalistin

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1980: Ute Mahler

1980: Ute Mahler

© Reproduktionen Werner Mahler

„Ich dachte, Mensch, det sieht jut aus.“

Die Sibylle, die hat Niveau gehabt. Das war was Besonderes, auch für uns Fotografen. Wir waren ja keine Modefotografen, und die Mädchen waren keine professionellen Mannequins. Das waren Laien, gute Typen, man hat sie auf der Straße angesprochen oder an der Hochschule. Die waren so, wie sie waren, das hatte was Sinnliches, das hat mich inspiriert.

Für die Ausstellung hab ich die Bilder noch mal angesehen und war angenehm überrascht von dem, was ich da gemacht habe. Ich dachte, Mensch, det sieht jut aus. Zum Beispiel im September 1977 an der Ostsee bei Ahrenshoop, da hab ich Beata fotografiert, die hat an der Kunsthochschule Weissensee studiert. Das hat so was Echtes, Zeitloses.

Ich hab im Fernsehen vor zwei Tagen eine Dokumentation über Peter Lindbergh gesehen, den Modefotografen: 20 Leute um ihn rum, die Models Bohnenstangen mit leeren Gesichtern. Alles inszeniert, langweilig ohne Ende. Ich mag schon nicht das Wort: Model. Mannequin, das hat einen Atem. Wir waren damals zu dritt oder viert, man hatte eine Verbindung. Die Mädchen waren, wie sie waren, sie haben das gut gemacht. Die Mode hab ich darüber eher vergessen.

Zur Sibylle gekommen bin ich über Arno Fischer, der war mein Lehrer. Ich werde nie vergessen, wie er nach einem Tag Theorie zu mir gesagt hat, so, jetzt geh raus, fotografieren.

Am besten an die Bushaltestelle. An die Bushaltestelle? Ja, sagte er, da sind Menschen, da passiert was. So hab ich gucken gelernt. Michael Weidt, Fotograf

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