Schon am Montagabend war eine Freilassung auf Kaution für die drei russischen Besatzungsmitglieder angeordnet worden. Die Schiffsärztin Jekaterina Saspa erhielt als erste den frohen Bescheid, dann Pressesprecher Andrej Allachwerdow und der Fotograf Denis Sinjakow. Am Dienstag waren dann ausschließlich ausländische Aktivisten an der Reihe. Diplomaten sollten garantieren, dass die Beschuldigten zur Not auch im jeweiligen St. Petersburger Konsulat untergebracht werden könnten – schließlich haben sie ja kein Visum.
Greenpeace hatte schon lange gefordert, die Aktivisten gegen Kaution freizulassen. Aber in Murmansk hatten Gerichte ausnahmslos dagegen entschieden. In der Hafenstadt im hohen Norden waren die 30 Besatzungsmitglieder Mitte September zunächst in Haft gekommen, nachdem Grenztruppen ihr Schiff „Arctic Sunrise“ neben der Gazprom-Ölbohrplattform Priraslomnaja aufgebracht hatten. Damals freilich hatte der Vorwurf noch auf Piraterie gelautet – ein so absurder Vorwurf, dass sich sogar Präsident Putin davon distanzierte.
Verdacht auf Rowdytum
Nun, da die Gefangenen von Murmansk nach St. Petersburg verlegt worden sind und es um eine Verlängerung der Untersuchungshaft geht, war von dem ursprünglichen Verdacht plötzlich keine Rede mehr, nur noch von Rowdytum. Auf dieses Vergehen stehen maximal sieben Jahre Haft, es kann aber auch mit Geldstrafen geahndet werden. Wie Rowdytum – also eine Störung der öffentlichen Ordnung – auf das Eismeer und seine internationalen Gewässer anwendbar ist, das ist freilich noch unklar.
„Vermutlich sucht das Ermittlungskomitee jetzt fieberhaft nach einem gesichtswahrenden Ausweg“, mutmaßt Iwan Blokow, der Vizechef von Greenpeace Russland. Anders als die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungsbehörde der Kaution nämlich nicht zugestimmt. Blokow kann aber nicht sagen, wann die ersten Aktivisten wirklich freikommen. Dafür muss erst die Kaution von je zwei Millionen Rubel (45.000 Euro) überwiesen werden, und das wiederum setzt voraus, dass die Behörden überhaupt ein Eingangskonto benennen. Bis am Dienstagnachmittag sei das leider nicht geschehen, sagt Blokow am Telefon.
Erst am Freitag hatten die Aktivisten Besuch erhalten, vom Vorsitzenden des Menschenrechtsrates beim Russischen Präsidenten. Die Haftbedingungen seien offenbar besser als in Murmansk, schrieb Michail Alexandrowitsch Fedotow in seinem Blog. Die Gefangenen klagten bloß über fehlende englische Bücher und zu harte Matratzen. Doch litten sie stark unter dem Gefühl der Ungerechtigkeit. Es sei ihnen nicht einmal erklärt worden, ob der alte Vorwurf der Piraterie denn nun fallen gelassen sei oder nicht. Der Menschenrechtsrat fordere seit Anbeginn eine Freilassung der Gefangenen.
Rätselhafterweise wurde nur dem Australier Colin Russell die Freilassung verweigert. Sein Fall war als erster angehört worden. Wenn die Entscheidung nicht revidiert wird, bleibt er bis zum 24. Februar in Untersuchungshaft. Diesen Freitag wird der Internationale Seegerichtshof in Hamburg über eine Klage Hollands gegen Russland im Fall der „Arctic Sunrise“ entscheiden, die unter niederländischer Flagge fährt.
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