Die Ereignisse überschlagen sich. "14 500 Karten waren in Kürze vergriffen. Wir hätten auch 35 000 Karten verkaufen können", sagt Frank Bohmann über das in elf Wochen stattfindende Pokal-Finalturnier. Für eine Bundesligapartie in zehn Tagen kündigt der VfL Gummersbach gegen den SC Magdeburg einen "Zuschauer-Weltrekord mit mindestens 18 600 Besuchern" an. Und Magdeburg selbst berichtet: "Alle frei erhältlichen Tickets für das Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League am kommenden Sonntag gegen Szeged binnen 90 Minuten vergriffen." Bei all den Meldungen geht es, wohlgemerkt, um Handball - nicht um Fußball.Der Fall liegt also klar. "Knapp zwei Wochen nach dem Gewinn der Europameisterschaft ist die Euphorie um die deutschen Handballer ungebremst", folgert die Deutsche Presse-Agentur. Handball, so meinen Beobachter, erlebe einen Boom à la Boris Becker. Der Sport mutiert, wie einst Tennis, zum Sport der Nation. Aufbruch in eine neue Welt?Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball Bundesliga GmbH, ist da skeptisch. Das Pokalturnier sei bereits seit Anfang Januar ausverkauft; also lange vor der EM. "Die Crème de la Crème ist in Hamburg versammelt. Zudem ziehen der HSV, Flensburg und Kiel als Klubs der Region. Und Magdeburg, mit Stefan Kretzschmar, kommt immer an", sagt Bohmann. "Diese Zusammensetzung ist ein Selbstläufer", erklärt auch Bernhard Klebig. Auch Klebig, beim SC Magdeburg für den Ticket-Verkauf verantwortlich, kann sich derzeit nicht beklagen. Heimspiel gegen Minden: ausverkauft; Lemgo, Kiel, Flensburg: ausverkauft. Trotzdem will er von einem nationalmannschaftsbedingten Trend nichts wissen. Denn die hochbegehrten Partien fanden alle schon vor der EM statt. Boom oder nicht Boom?Der Fall ist komplizierter. In der Tat freut sich die Liga über enorme Zuwachsraten. DSF und öffentlich-rechtliches Fernsehen übertragen doppelt so viele Ligaspiele live wie in der vergangenen Saison. Und im Sportsender haben sich die Zuschauerquoten sowohl in der Spitze (1,4 Millionen), als auch im Durchschnitt (400 000) nahezu verdoppelt. "Wir sind deutlich präsenter, aber wir müssen dafür ordentlich strampeln", sagt Bohmann. Die Zusammenarbeit mit den Medien wurde intensiviert, durch Spielerporträts "wurde der Liga ein Gesicht gegeben - man kennt nicht nur Kretzschmar, sondern auch Pascal Hens - und auch die Liga hat sich ein gutes Stück verbessert", so der Liga-Geschäftsführer. Das alles kommt offenbar beim Publikum gut an. Doch es hat nichts mit dem Triumph in Slowenien zu tun. Gleichwohl gibt die EM Rückenwind. "Die spannende Frage ist jetzt, ob wir den Schub nutzen können", so Bohmann. Bisher gibt es jedoch nur mit Heiner Brands Team eine deutschlandweite Identifikation, die Klubs sind lediglich regional verankert. "Wenn Kiel gegen Flensburg ganz Köln guckt, dann haben wir es geschafft", so Bohman. Bis dahin gilt es weiter zu strampeln. Oder wie der Magdeburger Klebig sagt: "Wenn Deutschland auch noch Olympia gewinnt, dann gibt es vielleicht einen Becker-Boom." Auch keine schlechte Vorstellung.Foto: Gesicht der Liga: Europameister Pascal Hens spielt für den HSV.
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