Rückkehr der Zimmerpflanzen

Es wuchert wieder im Haushalt

Wahrscheinlich musste es so kommen nach all dem Minimalismus: Die gute alte Zimmerpflanze gilt wieder als cool. Fensterblatt und Begonie, Einblatt und Geigenfeige wuchern jetzt dort, wo es vorher zu aufgeräumt war.

Beate Scheder
5 Min
Wedelnde Blätter: Monstera deliciosa, das Fensterblatt, ist die It-Pflanze der Stunde.

Wedelnde Blätter: Monstera deliciosa, das Fensterblatt, ist die It-Pflanze der Stunde.

© imago/Redeleit Lizenz

Ausgerechnet Begonien. Gefüllt und blühend kennt man sie aus den Vorgärten von Reihenhäusern. Die mit den dekorativ besprenkelten Blättern standen früher bei meiner Großmutter auf einem braunen Kacheltisch im Wohnzimmer, im farblich passenden Übertopf, adrett arrangiert zwischen Azalee und Einblatt. Nicht nur bei meiner – Begonien waren einmal ein floraler Spießertraum.

Und nun erklärt Ruby Barber, die im Soho House an der Torstraße Blumengebinde und Zimmerpflanzen feilbietet, ausgerechnet das Schiefblatt zu ihrer momentanen Lieblingspflanze. Zwischen zwei Schlucken Ingwertee aus der überteuerten Töpferware, die es in dem neuen Laden namens The Store natürlich auch zu kaufen gibt.

Die 26-jährige Australierin gehört zu einer neuen Generation Floristen, die gerade dabei sind, der Branche Coolness einzuhauchen. Bekanntester Vertreter dieser Spezies ist Mark Colle, der für Raf Simons und Dries van Noten aus Blumen und Grün Installationen für deren Modenschauen bastelt. Kaum eine Zeitung oder Zeitschrift hat noch nicht über ihn berichtet. Ein weiterer ist Satoshi Kawamoto, gefeierter Kreativdirektor und Pflanzen-Künstler hinter der Marke Green Fingers aus Tokio, die in Japan fünf Geschäfte unterhält und erst kürzlich nach New York expandierte.

Doch zurück zu Barber und der Begonie: Seit Jahren schon habe sie welche bei sich herumstehen, erzählt sie. „Es gibt so viele verschiedene Varianten“, sagt ihre Mitarbeiterin Olivia Beattie und schwärmt dann von Texturen und Farben, von getupften Blättern und metallischem Glanz. Für The Store haben die beiden eine ganze Leiter mit unterschiedlichen Begonien-Arten vollgestellt, ein einzelner Topf steht auf einem Marmortisch zwischen handverlesener Kosmetik. Das harmoniert ohne Zweifel wunderbar und verleiht dem etwas sterilen Industrie-Chic des Concept-Stores Lebendigkeit.

Blattträger für den größeren Geldbeutel

Noch viel imposanter als die Begonien sind jedoch die raumhohen Monsteras deliciosas, auch Fensterblatt genannt. Die größte von ihnen, die sich in der Mitte des Ladens an eine Säule schmiegt, ist mehr als 200 Jahre alt und mit einem Preis von rund 2350 Euro eher etwas für den größeren Geldbeutel. Am Fenster stehen 80-jährige Artverwandte, für die man um tausend Euro berappen muss. Kleiner und günstiger gebe es sie aber auch, beeilt sich Ruby Barber zu erklären. Ab 20 Euro schon – und ja, die Monstera sei derzeit sehr beliebt.

Die Monstera deliciosa ist so etwas wie die It-Pflanze der Stunde. Man kennt ihre Form von Henri Matisse, der ein enormes Exemplar in seinem Atelier hielt und dessen charakteristisch langfingrige Blätter auf Gemälden und in Scherenschnitten verewigt hat. Und auch in Werbekampagnen des französischen Modehauses Céline, auf Instagram, Pinterest, Tumblr-Blogs und in Modemagazinen wuchert allüberall das Fensterblatt.

Noch angesagter sei gerade nur die Geigenfeige, sagt Ruby Barber. „Die will jeder haben.“ Überall auf der Welt. Die Geigenfeige, deren botanischer Name Ficus lyrata lautet, hat glänzend grüne, lederartige große Blätter, deren Form an Geigen erinnert. Sie wächst schnell in die Höhe, ist familiär eng verbandelt mit dem Ficus elastica, dem gemeinen Gummibaum, und galt einmal als perfekte Büropflanze, weil sie nahezu unverwüstlich zu sein scheint und auch eine Tasse kalten Kaffee anstelle des Gießwassers überlebt.

Das ist es nämlich, was neben der auffälligen Beblätterung Monstera und Ficus so populär machen. Sie seien überraschend anspruchslos in der Pflege, so Ruby Barber. Und wenn ihnen doch etwas fehle, so teilten sie das unmissverständlich mit. Braune Flecken – zu viel Wasser; hängende Blätter – zu wenig. Für aufwendigere Indoor-Gärten bietet Barber – die ihren Laden Mary Lennox genannt hat, nach der Heldin aus dem Kinderbuch „Der geheime Garten“ – auch einen Rundum-Service an. Dann wird alle paar Wochen bei ihren Kunden nach dem werten Befinden der Begrünung geschaut. Die Monstera braucht das eigentlich nicht, sondern vor allem eine Kletterhilfe, damit die schweren Äste nicht unter der Last der Blätter brechen.

Dann wächst und gedeiht sie auch bei Menschen ohne grünen Daumen. Ebenso verhält es sich mit Kakteen und Sukkulenten, die in Sachen Beliebtheit dicht folgen. Schließlich sind sie noch genügsamer und sehen besonders hübsch in Terrarien und an Pflanzvorrichtungen aus, die an Makramee-Strippen hängen, noch so ein Trend.

Wie die Pflanze, so das Herrchen

In Hermann Hesses „Steppenwolf“ (1927) beschrieb der Protagonist Harry Haller die Araukarie auf dem Treppenabsatz seiner Vermieterin als „einen Superlativ von bürgerlicher Reinheit“. Die stachelige Pflanze war für ihn ein Synonym für Anstand, Pflichterfüllung und Ordnung. Und George Orwell spitzte in seinem Roman „Die Wonnen der Aspidistra“ (1936) die robuste Schusterpalme zum Sinnbild des Spießertums zu. Lange her? Eher ein weiterer Hinweis auf den Neo-Konservativismus derer, die von Entschleunigung und Handwerk palavern und im trauten Heim die Renaissance der Welt unserer Großmütter zelebrieren. Für die gibt es Pflanzgefäße, Samen und Gartenwerkzeug natürlich auch von Manufactum.

Das Zeit-Magazin bezeichnete die Wiederbegrünung des Eigenheims kürzlich als „die letzte Episode einer Durchgrünung unseres ganzen Lebens“. Es macht nicht so viel Arbeit wie der Schrebergarten und ist bequemer für Instagram zu arrangieren. Die Symbolik wird gleich mitgeliefert: Die richtigen Zimmerpflanzen verbinden auf ästhetisch ansprechende Art und Weise Aussteigerträume mit einer Sehnsucht nach Idyll und Nachhaltigkeit. Noch dazu passt das perfekt zum Botanik-Print auf der Seidenhose – auch die Mode liebt es derzeit chlorophyll-grün.

Wahrscheinlich musste es so kommen nach all dem Minimalismus, der gerade mal das Kräutertöpfchen in der Küche des Großstädters erlaubte. Auch Orwells Protagonist fügt sich am Ende des Romans seiner kleinbürgerlichen Umwelt und legt sich eine Grünpflanze zu. Begonien sind allerdings sehr viel hübscher als seine Schusterpalme.

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