Die umständliche Bezeichnung Kulturstaatssekretär entsprach so gar nicht seiner auffälligen Erscheinung. Wo immer André Schmitz im Berliner Kulturleben auftrat, fiel er durch seine elegante Kleidung ebenso auf wie durch seinen vornehmen Witz. Mit jedem Satz und jeder Geste schien er zu signalisieren, dass hier einer nicht nur eine politische Rolle ausfüllte, sondern einer inneren Bestimmung folgte. André Schmitz konnte dies tun, weil er nicht bloß zuarbeitender Staatssekretär war, sondern als de facto Kultursenator mit der Prokura seines obersten Dienstherren Klaus Wowereit ausgestattet war.
Mit dem wegen seiner Steueraffäre am Montagabend bekanntgegebenen Rücktritt findet nicht nur eine beachtliche kulturpolitische Karriere ihr Ende. Schmitz’ jäher Abgang bedeutet auch einen tiefen Einschnitt in die Berliner Kulturpolitik, die in den letzten sieben Jahren maßgeblich durch ihn geprägt worden war.
Gewöhnungsbedürftigen Kulturduo Wowereit/Schmitz
Dabei war sein Amtsantritt im Jahre 2006 von einigem Misstrauen begleitet worden. Dass die Berliner Kulturpolitik fortan aus der Amtsstube des Regierenden Bürgermeisters diktiert werden sollte, vermochten die meisten Beobachter und erst recht die Akteure des Berliner Kulturlebens lediglich als Verlust der politischen Eigenständigkeit zu deuten. Es galt als ausgemacht, dass Wowereit alle Erfolge für sich reklamieren würde und André Schmitz im Bedarfsfall für alle Misserfolge geradezustehen hätte. Wowereits Interesse an der Kultur galt als gering, die Abschaffung des Ressorts konnte eigentlich nur als Rangerniedrigung verstanden werden.
Schnell aber machte André Schmitz allen, denen er als kulturpolitischer Macher oder vermittelnder Gesprächspartner gegenübertrat, deutlich, dass hier ein eigenständiger Kopf mit politischem Durchsetzungsvermögen und ästhetischen Vorstellungen am Werke war.
Letzteres hätte man wissen können. Zwischen 1992 und 1997 war Schmitz Verwaltungsdirektor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gewesen, ehe er als geschäftsführender Direktor und zugleich kommissarischer Intendant an die Deutsche Oper in den Westen der Stadt wechselte. Diese Ost-West-Erfahrung in den Nachwendejahren dürfte ihm auch bei seinen späteren Verhandlungen in und mit der Berliner Kulturszene zugutegekommen sein.
Der im Hintergrund agierende Connaisseur
Beim Streit um die Sanierung der Staatsoper unter den Linden zeigte sich rasch die Arbeitsweise des zunächst gewöhnungsbedürftigen Kulturduos Wowereit/Schmitz. Zwar hatte es in einem Architekturwettbewerb einen eindeutigen Sieger gegeben, der eine moderne Gestaltung des Opernsaales vorsah. Kulturstaatssekretär André Schmitz leitete jedoch eine rasante Wende ein, in der er nicht nur entschieden eine Rekonstruktion des historischen Opernsaals von Richard Paulick favorisierte, sondern auch den konservativen Kulturkaufhausinhaber Peter Dussmann als Großspender für dieses Projekt gewann.
Dass Kulturpolitik eben auch in nicht geringen Teilen behutsame Wirtschaftspolitik bedeutet, dürfte kaum jemand besser als Schmitz wissen, der von den Eigentürmern eines Haarpflegemittel-Konzern adoptiert worden war. Seither war er ein vermögender Mann. In Verhandlungen war Schmitz der stets dezent im Hintergrund agierende Connaisseur, und Wowereit setzte, wenn es sein musste, auch unliebsame Entscheidungen mit seinem bekannt trotzigen Beharrungsvermögen durch.
Gelegentlich kokettierten sie auch mit dieser Rollenverteilung. Zu Beginn einer kulturpolitischen Rede sagte Wowereit einmal mit Blick auf den in der ersten Reihe sitzenden Schmitz, er sei total begeistert von dem, was man ihm da aufgeschrieben habe. Dabei hatte André Schmitz die Rolle des untergebenen Adlatus früh abgestreift, und selbst Kritiker dürften ihm ein erfolgreiches Händchen in vielen Fällen bescheinigen. Seine Personalpolitik kann sich sehen lassen. So holte er Ulrich Khuon ans Deutsche Theater und Barry Kosky an die Komische Oper. Armin Petras indes musste er nach Stuttgart ziehen lassen. Und Shermin Langhoff wäre beinah nach Wien gezogen, ehe sie dann überraschend vom Ballhaus Naunynstraße ans Maxim Gorki Theater wechselte.
Die Berliner Kulturpolitik verliert mit André Schmitz auch einen Mann, der genau weiß, wie wichtig die Kultur für die Fragen der Stadtentwicklung ist. Der durch den bevorstehenden Volksentscheid zum Tempelhofer Feld wieder in Frage gestellte Neubau der Zentral- und Landesbibliothek als bedeutende Einrichtung für eine demokratische Bürgergesellschaft muss nun ohne einen seiner vehementesten Fürsprecher auskommen.
Wie wichtig André Schmitz für Klaus Wowereit war, zeigt allein schon die Tatsache, dass er bis zur politischen Fahrlässigkeit an ihm festgehalten hat. Es zeugt allerdings von einer gewissen Naivität, dass Schmitz nach Bekanntwerden seiner Steueraffäre noch geglaubt hatte, seinen Rücktritt vermeiden zu können. Im Verlauf des Montags aber wurde klar, dass ein Sozialdemokrat als Steuerhinterzieher eine Belastung nicht nur für Wowereit, sondern auch für die im Bund mitregierende SPD werden würde.
Die Berliner Kulturpolitik steht nun unverhofft vor einem Neuanfang. Eine evidente Nachbesetzung dürfte selbst einer wie Wowereit nicht in petto haben.
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