Die Verlängerung des serbischen Gasvertrags mit Russland ist nur ein Teil einer größeren Verschiebung in der europäischen Energielandschaft, wie die Berliner Zeitung berichtete. Im Zentrum dieser Neuordnung steht zunehmend Ungarn, das sich als unverzichtbarer Knotenpunkt zwischen russischen Lieferungen und dem EU-Binnenmarkt positioniert – und dabei gezielt Strukturen schafft, auf die Brüssel kaum Zugriff hat.
Der Betreiber des Offshore-Abschnitts von TurkStream, South Stream Transport, verlegt seinen Firmensitz von den Niederlanden nach Ungarn. Zuvor hatte ein Gericht in Amsterdam Vermögenswerte des Unternehmens auf Antrag eines ukrainischen Energieunternehmens vorläufig eingefroren. Mit dem Umzug wird die Infrastruktur in eine politisch wohlgesonnene Jurisdiktion verlagert – außerhalb der Reichweite westlicher Gerichte.
TurkStream: Serbien nutzt den EU-Ausstieg für neuen Gas-Deal mit Russland
Neuer Preisschock beim Heizen: Gas wird für Berliner Mieter zur Kostenfalle
Infrastruktur als Machtinstrument
Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó begrüßte die Entscheidung ausdrücklich. Die Arbeit des Pipelinebetreibers werde durch Sanktionen nicht eingeschränkt, erklärte er. Der Vorgang zeigt, wie Budapest aktiv Strukturen schafft, die russische Energieinfrastruktur widerstandsfähiger gegen westliche Maßnahmen machen. Die Botschaft an Brüssel: Ungarn bietet Schutz vor Zugriff – und nutzt dies als Faustpfand gegen öffentlich ausgetragenen Druck.
Ungarns Trumpfkarte ist seine Position im europäischen Energiesystem. Das Land verfügt über große Gasspeicher, zentrale Verbindungsleitungen Richtung Balkan und Mitteleuropa und spielt eine Schlüsselrolle im Transitgeschäft. Damit wird Ungarn zur energiepolitischen Drehscheibe zwischen russischen Lieferungen über TurkStream, Nicht-EU-Abnehmern wie Serbien und dem regulierten EU-Binnenmarkt.
Das Joint Venture Serbhungas, 2023 von der ungarischen MVM und der serbischen Srbijagas gegründet, markiert einen weiteren Schritt zur Integration der Energiemärkte. Nahezu 100 Prozent des für Ungarn bestimmten Gases transitieren mittlerweile über Serbien. Budapest expandiert zudem in den serbischen Energiesektor und treibt gemeinsame Stromverbindungsprojekte voran.
Szenarien für 2027: Grauzone statt harter Bruch
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán zählt zu den schärfsten Kritikern eines schnellen Gasausstiegs. Da EU-Energiesanktionen Einstimmigkeit erfordern, verschafft allein die Vetodrohung Budapest Übergangsfristen, Ausnahmeregelungen und politische Verhandlungsmacht. Ungarn muss nicht gewinnen – es reicht, zu verzögern.
Ein vollständiger EU-Ausstieg aus russischem Pipeline-Gas ab November 2027 würde voraussetzen, dass Ungarn, die Slowakei und Österreich sich vollständig an die Vorgaben halten und auf Alternativen umsteigen. Das erscheint aus mehreren Gründen unrealistisch: Die LNG-Infrastruktur in Zentraleuropa ist unzureichend ausgebaut, die Preise für Alternativen wie norwegisches Gas oder Lieferungen aus dem Südgas-Korridor über Aserbaidschan liegen deutlich höher, und die politischen Kosten für Regierungen wären erheblich.
Analysten halten mehrere Umgehungsszenarien für wahrscheinlich. Im sogenannten Serbien-Ungarn-Korridor würde russisches Gas weiterhin über TurkStream fließen, formal aber in Nicht-EU-Staaten wie Serbien, Bosnien oder Nordmazedonien enden. Ungarn würde als technischer Hub fungieren – mit Speichern und Interkonnektoren –, ohne das Gas offiziell zu beziehen. Der Druck auf EU-Preise würde sinken, die Versorgungslage würde sich entspannen, die Verhandlungsmacht Budapests wachsen.
Eine weitere Möglichkeit sind juristische Grauzonen: Gas-Swaps, virtuelle Handelspunkte oder kurzfristige Spotmarktgeschäfte könnten es ermöglichen, dass Serbien russisches Gas kauft und Gas anderer Herkunft weiterverkauft. Bilanziell wäre das sauber, physisch irrelevant – und rechtlich extrem schwer angreifbar. Ähnliche Mechanismen sind bereits von Öl-Blending oder LNG-Umladungen bekannt.
Bei externen Schocks – einem kalten Winter, angespannten LNG-Märkten durch asiatische Nachfrage oder sozialen Unruhen – drohen zudem stille Neuverhandlungen. Technische Notfallmechanismen könnten eine temporäre Rückkehr russischer Volumina ermöglichen, ohne dass dies öffentlich eingestanden würde.
Politische Kosten auslagern, Zwänge aus Brüssel umgehen
Die Konstellation mit Serbien als formalem Endabnehmer russischen Gases außerhalb der EU kommt Budapest entgegen. Die politisch heikle Beziehung zu Russland wird räumlich ausgelagert, während die stabilisierende Wirkung auf Preise und Versorgungslage auch innerhalb der EU spürbar bleibt. Ungarn hält die Verbindung offen, ohne sie offiziell zu nutzen.
Für Belgrad wiederum wird Energie zum geopolitischen Faustpfand. Serbien sichert sich Ungarns Unterstützung angesichts europäischer Sanktionen, während Budapest seinen Zugang zu Ressourcen konsolidiert und die Zwänge aus Brüssel umgeht.
Russisches LNG überschwemmt China: Exporte auf Rekord trotz Sanktionen
Mehr Elektroautos, mehr Wärmepumpen: Deutschland drohen Stromengpässe ab 2031
Für Deutschland und die Europäische Union hat die Entwicklung zwiespältige Folgen. Einerseits wirken die Gasflüsse entlang der südosteuropäischen Peripherie preisdämpfend – ein Effekt, von dem auch der deutsche Großhandelsmarkt profitiert. Andererseits untergräbt die Verlagerung russischer Gaslieferungen in Nicht-EU-Staaten die politische Zielsetzung eines klaren energiepolitischen Bruchs.
Die Abhängigkeit verschwindet nicht, sondern wird institutionell ausgelagert. Für Brüssel erschwert dies die Durchsetzung einer einheitlichen Energie- und Sanktionspolitik erheblich.
Russisches Gas wird Energieexperten zufolge 2027 voraussichtlich nicht verschwinden – es wird weniger sichtbar, teurer, politisch ausgelagert und juristisch fragmentiert sein.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de