Eine Realität, die der „Russische Theaterfrühling“, zum ersten Mal in Berlin, mit fünf Stücken in der Schaubühne und im Theater unterm Dach widerzuspiegeln versucht. Es sind wahre Begebenheiten, wie der Hausarrest des weißrussischen Dichters und Präsidentschaftskandidaten Wladimir Nekljajew in „Zwei in deinem Haus“, es sind aber auch avantgardistische Märchen wie „Aschenputtel“ des Moskauer Theaters Praktika oder „Alice und der Staat“ des Meyerhold-Zentrums, ebenfalls aus der russischen Hauptstadt.
Es verwundert nicht, dass es lediglich Ensembles aus Moskau sind, obwohl der „Frühling“ doch zeitgenössisches, ja politisches Theater aus Russland zeigen will. Gerade diese drei sind die außergewöhnlichsten Häuser im Land, da sie den Alltag auf die Bühne tragen und sich – bislang – nicht den Mund verbieten lassen, auch und vor allem wenn es um die Kritik an der politischen Lage geht.
Erbitterter Kampf hinter den Kulissen Moskaus
„Das Bermuda-Dreieck“, nennt Sascha Denissowa vom Meyerhold-Zentrum das Dreigespann der dramatischen Regimekritik. Der russische Staatsapparat setzt einiges daran, die Diskussion über die Zustände im heutigen Russland auf ihren mickrigen Bühnen zu verhindern. Er sieht sich immer mehr als Produzent der Kultur und will die Kontrolle darüber haben, was seine Untergegebenen da von sich geben. Sein Hebel ist die Finanzierung der meisten Häuser. Auch deshalb haben es vor allem Theater in der Provinz schwer, sich mit regimekritischen Stücken zu halten.
Off-Theater wie in Kostroma in der Nähe von Moskau oder in Komsomolsk am Amur im Fernen Osten des Landes, die mit durchaus spannenden avantgardistischen Stücken auffallen, kämpfen immer wieder ums Überleben. In Nowosibirsk, wo der Staat kürzlich die Oper „Tannhäuser“ verbieten ließ, gibt es nun einen neuen Theaterdirektor. Schon glaubt die Regierung, die Regimekritik gebannt zu haben. Was aber, wenn sich eine Bühne gar nicht zähmen lässt, weil sie unabhängig von der Zuwendung des Kulturministeriums ist?
Während es auf der Berliner Schaubühne mit absurden Dialogen und herumfliegenden Tellern lustig zugeht, wird hinter den Kulissen im fernen Moskau gerade ein erbitterter Kampf geführt. Macht und Ohnmacht liegen hier so dicht beieinander wie auch auf der Bühne bei „Zwei in deinem Haus“. Der Mietvertrag für Teatr.doc ist von jetzt auf gleich gekündigt worden, es ist das zweite Mal in sechs Monaten. Den Grund dafür teilen die russischen Behörden Jelena Gremina, der Leiterin der seit 2002 bestehenden Mini-Bühne, der einzigen unabhängigen im Land, nicht mit. So lässt sie ihr Tablet auch in Berlin nicht aus der Hand, es könnte ja wieder die Staatsanwaltschaft geschrieben haben. „Teatr.doc sind die Menschen, die dahinterstehen, sie lassen sich nicht dichtmachen“, sagt Gremina vor der Vorstellung in der Schaubühne. Es klingt kämpferisch, aber auch müde.
„Russland funktioniert wie eine Firma“
Die Zeiten könne sie nicht ändern, doch sie könne wenigstens über diese Zeiten Zeugnis ablegen. Das sei immer ihr Motto gewesen, frei nach Rainer Werner Fassbinder. Zeugnis über den politischen Druck abzulegen, der auf alle Russen ausgeübt werde, könne heute bereits ein Knall sein. „Jetzt entfalten auch Stücke, die weniger kritisch sind als solche, die wir noch vor fünf Jahren spielten, eine größere Sprengkraft, und man versteht nicht warum. Ein Chaos, das gefährlich ist.“
Für ihren Kollegen Iwan Wyrypajew, der seine Moskauer Karriere auch im Teatr.doc startete, heute der künstlerische Leiter im Praktika ist und auch für deutsche Bühnen bereits mehrere Stücke geschrieben hat, scheint die Sache klar: „Russland funktioniert wie eine Firma, mit dem Präsidenten als Chef, mit einer gewissen Unternehmensethik. Also verlangt man – was nach der Logik eines solchen ’Unternehmens’ nachvollziehbar ist –, dass wir uns alle an diese Vorhaben halten. Ich bin dieser Firma aber nicht freiwillig beigetreten.“ Die Unternehmensethik sei damit dahingestellt, die Freiheit des Wortes in einem gewissen Sinne möglich. Wie lange noch? Wyrypajew und Gremina sind still.
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