Ostsee

Russlands Schattenflotte weicht aus – immer mehr Tanker fahren vor Rügen vorbei

Russlands Schattenflotte fährt immer häufiger nahe der deutschen Ostseeküste entlang. Greenpeace und der Verband Deutscher Reeder warnen vor schweren Folgen.

3 Min
Der Öltanker „Kira K“ in der Ostsee. Greenpeace zählt das Schiff zur russischen Schattenflotte und beobachtet zuletzt eine Verlagerung russischer Öltransporte.

Der Öltanker „Kira K“ in der Ostsee. Greenpeace zählt das Schiff zur russischen Schattenflotte und beobachtet zuletzt eine Verlagerung russischer Öltransporte.

© Philip Dulian/dpa

Russlands sogenannte Schattenflotte verlagert ihre Routen in der Ostsee zunehmend näher an die deutsche Küste. Nach einer Analyse der Umweltorganisation Greenpeace fuhren zwischen Anfang März und Mitte Juni 136 mutmaßliche Tanker der Schattenflotte durch die Ostsee. 42 von ihnen wählten eine längere Route südlich an der schwedischen Insel Bornholm vorbei und anschließend entlang der deutschen Küste vor Rügen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres wurde diese Strecke nach Angaben von Greenpeace von keinem einzigen Tanker genutzt.

Die Umweltschützer sehen darin eine Reaktion auf das verschärfte Vorgehen Schwedens gegen mutmaßliche Schiffe der russischen Schattenflotte. Stockholm hat seit März mehrere Tanker kontrolliert und zwei Schiffe zeitweise festgesetzt.

Greenpeace sieht Verlagerung der Route

Nach Angaben von Greenpeace kommen viele der Tanker aus den russischen Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga. Statt die kürzere Route nördlich von Bornholm zu wählen, fahren sie inzwischen häufiger südlich an der Insel vorbei und passieren anschließend die deutsche Ostseeküste vor Rügen. Rund 30 Tanker seien dabei sogar in die deutsche Zwölf-Meilen-Zone eingefahren, teilte Greenpeace mit.

Die Organisation fordert deshalb ein entschlosseneres Vorgehen der deutschen Behörden. Schweden zeige bereits, wie gegen falsch beflaggte und häufig nicht versicherte Tanker vorgegangen werden könne.

Bundesregierung verweist auf internationales Seerecht

Das Bundesfinanzministerium wollte die Greenpeace-Zahlen auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur nicht bestätigen. Man wisse nicht, welche Schiffe von der Organisation der Schattenflotte zugerechnet würden. Zugleich verwies das Ministerium auf das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Danach gelte grundsätzlich das Recht der friedlichen Durchfahrt – auch innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone. Maßnahmen gegen Schiffe könnten nur erfolgen, wenn die völkerrechtlichen Voraussetzungen erfüllt seien.

Auch die Bundespolizei äußerte sich aus einsatztaktischen Gründen nicht zu möglichen Kontrollen.

Reeder warnen vor schweren Folgen

Unterstützung erhält Greenpeace vom Verband Deutscher Reeder (VDR). Ein Sprecher erklärte gegenüber der Bild-Zeitung, die sogenannte Schattenflotte gefährde Mensch, Umwelt und die Schifffahrt insgesamt. Viele der eingesetzten Schiffe entsprächen nicht den üblichen Sicherheits- und Umweltstandards. Sollte es zu einem Unfall kommen, könnten die Folgen „gravierend“ sein.

Als Schattenflotte werden ältere Tanker bezeichnet, mit denen Russland westliche Sanktionen beim Export von Erdöl umgeht. Nach Angaben von Greenpeace fahren einige dieser Schiffe ohne ausreichenden Versicherungsschutz oder verschleiern ihre Identität durch fragwürdige Flaggenregistrierungen.

Wachsender Druck auf Europas Ostsee-Anrainer

Neben Schweden gehen inzwischen auch andere europäische Staaten verstärkt gegen mutmaßliche Schiffe der russischen Schattenflotte vor. Frankreich und Großbritannien haben zuletzt ebenfalls Tanker kontrolliert.

Mit der Verlagerung der Routen rückt nun auch die deutsche Ostseeküste stärker in den Fokus. Umweltorganisationen warnen, dass ein Unfall eines beladenen Öltankers erhebliche Schäden für die Ostsee verursachen könnte.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema