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Bosnien und Herzegowina ist seit Jahren ein geopolitischer Spannungsraum, in dem sich die Interessen westlicher Akteure mit jenen Russlands kreuzen. Während die internationale Aufmerksamkeit meist auf den offen prorussischen Kurs von Milorad Dodik, dem langjährigen Präsidenten der Republika Srpska, gerichtet ist, bleibt ein anderer zentraler Akteur oft im Hintergrund: Dragan Covic, Vorsitzender der nationalistischen Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft Bosnien und Herzegowina (HDZ BiH). Doch gerade die aktuelle Auseinandersetzung um die energiepolitische Zukunft des Landes legt nahe, dass Covic und der weiterhin sehr einflussreiche Dodik weniger Gegenspieler als vielmehr komplementäre Partner eines gemeinsamen politischen Arrangements sind.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel lieferte Ende Dezember der Radio- und Fernsehkanal Herceg-Bosna. Der Sender, der de facto unter dem politischen Einfluss der HDZ BiH steht, stellte sich offen in den Dienst russischer Argumentationslinien zur sogenannten Südlichen Gasinterkonnektion. Ohne jede redaktionelle Distanz oder kritische Kontextualisierung erhielt Igor Kalabuhov, der russische Botschafter in Bosnien und Herzegowina, Raum, um Bosnien und Herzegowina vor einer energiepolitischen Annäherung an den Westen zu warnen.
Kalabuhov forderte die bosnischen Behörden auf, sich „dem Druck aus Washington“ zu widersetzen und weiterhin auf russisches Gas zu setzen – obwohl Russland unter massiven EU-Sanktionen steht und Bosnien derzeit vollständig von einer einzigen Gasleitung abhängig ist, die über Serbien verläuft. Dass ein öffentlich finanzierter Sender diese Aussagen unkommentiert verbreitet, ist kein journalistisches Versehen, sondern Ausdruck politischer Steuerung.
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Energieabhängigkeit als geopolitischer Hebel
Seit den Achtzigerjahren bezieht Bosnien und Herzegowina sein Erdgas ausschließlich aus Russland. Diese strukturelle Abhängigkeit gilt aus westlicher Sicht als sicherheitspolitisches Risiko. Entsprechend treiben die USA seit Jahren den Bau der Südlichen Interkonnektion voran, die Bosnien mit dem kroatischen Gasnetz und dem LNG-Terminal auf der Insel Krk verbinden soll. Das Projekt würde erstmals eine Diversifizierung der Energieversorgung ermöglichen.
Genau an diesem Punkt setzt jedoch der Widerstand der HDZ BiH an. Offiziell werden Zweifel an der Führung des staatlichen Gasunternehmens BH-Gas oder angebliche Einflüsse der Türkei oder des Iran ins Feld geführt. Beobachter in Sarajevo werten diese Argumente jedoch zunehmend als Vorwand, um den Prozess gezielt zu verzögern. Dass diese Verzögerung objektiv russischen Interessen dient, ist kaum zu bestreiten.
Die Südliche Interkonnektion soll Bosnien und Herzegowina mit dem kroatischen Gasnetz und dem LNG-Terminal auf der Insel Krk (hier im Bild) verbinden.
© Simlinger/Imago
Offenes Bekenntnis zur Partnerschaft
Dass Covics Politik kein isoliertes Manöver ist, sondern Teil eines abgestimmten Vorgehens mit Dodik, zeigt auch die offen dokumentierte Zusammenarbeit zwischen ihren Parteien. Am 13. Oktober trafen sich der Vorsitzende der Partei SNSD (Savez nezavisnih socijaldemokrata), Dodik, und der HDZ-BiH-Chef Covic in Banja Luka. Nach dem Treffen bestätigten beide Seiten ausdrücklich die „gute Zusammenarbeit“.
Dodik ging noch weiter und erklärte öffentlich, er rechne fest damit, dass diese Partnerschaft auch nach den allgemeinen Wahlen 2026 fortgesetzt werde. Covic wiederum sprach von Stabilität, europäischem Kurs und dem Schutz der politischen Rechte der Kroaten – Begriffe, die in der bosnischen Realität seit Jahren dazu dienen, tiefgreifende Reformen zu vertagen. Es ist kein Hehl, dass gerade diese beiden Parteien notwendige Gesetzespakete blockieren, um den Prozess der EU-Integration fortzufahren.
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Blockade statt Reform
Besonders deutlich wird das Zusammenspiel beider Parteien im institutionellen Kontext. SNSD und HDZ BiH waren bis Anfang dieses Jahres Teil der staatlichen Regierungskoalition. Diese zerbrach, nachdem der dritte Partner – die sogenannte Troika – die Zusammenarbeit beendete. Anlass waren mehrere offen verfassungswidrige Gesetze, die Dodiks SNSD im Parlament der Republika Srpska durchgesetzt hatte.
Während sich die Troika anschließend um eine neue parlamentarische Mehrheit mit der serbischen Opposition bemühte, blieb die HDZ BiH auffällig passiv. Mehr noch: Covic erklärte im Juli öffentlich, es gebe derzeit keine Möglichkeit für politische Veränderungen auf gesamtstaatlicher Ebene. Diese Aussage wurde in Sarajevo weniger als nüchterne Analyse denn als politisches Signal verstanden – nämlich, dass die bestehende Blockadestruktur aufrechterhalten werden soll.
Zwei Rollen, ein Ergebnis
Das Muster ist klar: Dodik agiert konfrontativ, stellt die staatlichen Institutionen offen infrage und bindet die Republika Srpska rhetorisch wie praktisch an Moskau. Covic hingegen wirkt moderater, nutzt jedoch institutionelle Vetos, verfassungsrechtliche Hebel und mediale Kontrolle, um denselben Effekt zu erzielen. Der eine arbeitet laut, der andere leise – doch beide tragen zur gleichen politischen Lähmung bei.
Diese Arbeitsteilung ist nicht neu. Bereits 2017 unterstützte Russland offen das sogenannte Kroatische-Frage-Narrativ, das der HDZ BiH und politischen Kreisen in Zagreb entgegenkommt. Seitdem verlaufen politische Linien zwischen Zagreb und Belgrad, Mostar und Banja Luka auffallend parallel, während Sarajevo zunehmend als angeblich „unzuverlässiger“ oder gar „antieuropäischer“ Akteur dargestellt wird.
Gewiefter Strippenzieher: Milorad Dodik
© Radivoje Pavicic/dpa
Ein Prüfstein für den Westen
Die Debatte um die Südliche Gasinterkonnektion ist damit weit mehr als ein energiepolitischer Streit. Sie ist ein Prüfstein für den westlichen Einfluss auf dem Balkan. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Russland versucht, Bosnien zu destabilisieren – das ist seit Jahren evident. Entscheidend ist vielmehr, wie Washington und Brüssel mit jenen Akteuren umgehen, die diese Strategie von innen heraus ermöglichen.
Sollte sich der Eindruck weiter verfestigen, dass Covic und die HDZ BiH systematisch im Sinne russischer Interessen handeln, stellt sich zwangsläufig die Frage nach politischen Konsequenzen. Die USA haben mit gezielten Sanktionen bereits andere Akteure ins Visier genommen. Ob Covic künftig ebenfalls als sicherheitspolitisches Risiko wahrgenommen wird, dürfte nicht zuletzt vom weiteren Verlauf der Energiefrage abhängen.
Hinter technokratischen Argumenten und ethnopolitischer Rhetorik verbirgt sich ein grundlegender geopolitischer Konflikt. Covic präsentiert sich als moderater Machtpolitiker, wirkt jedoch zunehmend als stiller Verbündeter eines Systems, das Reformen verhindert und russischem Einfluss Raum verschafft. Gemeinsam mit Dodik bildet er das Rückgrat einer Blockadepolitik, die den bosnischen Staat schwächt und seine europäische Perspektive untergräbt.
Für Deutschland und die Europäische Union, die Stabilität auf dem Westbalkan längst als eigene Sicherheitsfrage begreifen, ist das eine unbequeme, aber notwendige Erkenntnis.
Erdin Kadunić ist Deutsch-Bosnier und Diplom-Politologe. Er studierte an der Freien Universität Berlin und lebte anschließend acht Jahre lang in Bosnien, wo er unter anderem als Pressereferent an der deutschen Botschaft in Sarajevo tätig war. Heute lebt er in Düsseldorf und arbeitet als Dolmetscher und Übersetzer für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch.
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