Zur S-Bahn gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Erst die gute: Der drohende Fahrzeugmangel lässt sich abwenden. Anders als befürchtet müssen die alten Züge nicht schon in wenigen Jahren auf den Schrott. Stattdessen können sie maximal bis 2023 im Einsatz bleiben – bis alle neuen Züge fertig sind. Das sei „technisch möglich und wirtschaftlich tragfähig“, hieß es in einem Expertenbericht, der am Dienstag vorgestellt wurde. Doch nun die schlechte Nachricht: Ebenfalls am Dienstag wurde überraschend bekannt, dass die neuen Züge höhere Zuschüsse des Landes erfordern. In Zukunft wird der S-Bahn-Betrieb für die Steuerzahler viel teurer.
Für die Fahrgäste stand viel auf dem Spiel. Ihnen drohte ein Rückfall in Krisenzeiten – mit Ausfällen, Zugkürzungen und Streckenstilllegungen. Eigentlich sollten 300 ältere Wagen Ende 2017 ausgemustert werden, fast ein Viertel der Flotte. Die neuen Züge, die sie auf dem Ring und im Südosten Berlins ablösen sollen, sind dann noch nicht da. Die Gefahr bestand, dass eine Lücke im Fahrzeugpark den Betrieb jahrelang beeinträchtigt. Laut Senat wird die Serienlieferung der neuen Züge wohl erst 2018 beginnen, sie könnte bis 2022 dauern. Grund für diese Verspätung ist, dass ein Koalitionsstreit um die Ausschreibung des Ringbetriebs und die angeblich drohende Privatisierung der S-Bahn die Bestellung verzögert.
Kein Wunder, dass der Fahrgastverband IGEB angesichts des drohenden Engpasses eine neue Krise heraufziehen sah. Doch jetzt ist absehbar: Die Alt-Züge können weiterfahren. Nicht schön für die Fahrgäste, die sich auf neue Züge gefreut haben. Aber die einzige Alternative wäre gewesen, dass die alten ersatzlos ausgefallen wären.
160 Millionen Euro Mehraufwand
Auf Ingenieure und Werkstattmitarbeiter wartet eine Menge Arbeit. Das steht in dem mehr als 300-seitigen Bericht, den die Expertengruppe unter der Leitung von Andrzej Nuszkiewicz, dem Geschäftsführer des Berliner Instituts für Bahntechnik, erarbeitet hat.
Ein Beispiel: Zahlreiche Teile in den Zügen sind zu erneuern. Doch viele Komponenten werden nicht mehr produziert – oder Hersteller verlangen Unsummen für Neuauflagen. Dieses Problem muss gelöst werden. Zudem müssten alle Züge zur Revision in die Werkstatt und mit dem neuen Bahnfunk ausgestattet werden, hieß es Dienstag.
Die Experten haben errechnet, dass sich der Mehraufwand auf 100 bis 160 Millionen Euro summieren wird. Der höhere Betrag ist für einen Betrieb bis Ende 2023 kalkuliert. Realistischer halten die Fachleute einen Einsatz bis 2020. „Kosten für die Beherrschung weiterer nicht vorhersehbarer technischer Risiken kämen noch hinzu“, warnten sie.
Teure Klimaanlagen
„Die nun benannten Kosten liegen deutlich höher als die 100 Millionen Euro, von denen der Senat bisher gesprochen hat“, kritisierte Stefan Gelbhaar (Grüne). Darin war der Aufwand für die laufende Instandhaltung noch nicht eingerechnet, erwidert der Senat. Zudem sei klar, dass die Steuerzahler die Mehrkosten nicht komplett tragen müssen, sagte Staatssekretär Christian Gaebler (SPD). Sie würden sich in einem überschaubaren Rahmen halten. Denn der Betrieb von alten Zügen sei preiswerter als der Einsatz von neuen Bahnen, das sei bei den Zuschüssen zu berücksichtigen. Die einstige Investition sei abgeschrieben, Kosten für Kauf und Finanzierung fielen nicht mehr an.
Bei den 380 bis 390 neuen Wagen, die für den Ring und den Südosten der Stadt vorgesehen sind, werde das anders sein. Sie werden unterm Strich „deutlich höhere laufende Kosten“ erzeugen, so die Experten. „Ursache hierfür sind die hohen Fahrzeugneupreise, die sich in hohen Abschreibungen und Zinskosten niederschlagen.“
Verkehrsexperten erwarten, dass die Anschaffung der neuen Züge rund 800 Millionen Euro kostet. Die Kapitalkosten könnten sich auf bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr summieren – wohlgemerkt nur für ein Drittel des S-Bahn-Betriebs. Zum Vergleich: Der Betrieb des gesamten Netzes kostet derzeit zirka 600 Millionen Euro, von denen Berlin und Brandenburg 250 Millionen Euro tragen. Zudem treiben die Klimaanlagen der neuen Züge die Stromkosten in die Höhe. In der Summe wird der Betrieb für die Steuerzahler massiv teurer, so die Analyse.
Das Land, das den S-Bahn-Betrieb bezuschusst, wollte sich an Schätzungen der Zusatzkosten nicht beteiligen. Neubauzüge bieten mehr Komfort und seien zuverlässiger, hieß es im Senat. Und darauf komme es vor allem an.
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