Salzburg - Kurz vor der Pause gibt es eine veritable Handke’sche Publikumsbeschimpfung: Die weiblichen Verkörperungen des Montezuma schwärmen aus und traktieren die Zuschauer mit dem Satz „Wie hungrige Schweine wühlt ihr nach Gold.“ Sollten die Besucher, die zur Eröffnung der Salzburger Sommerfestspiele mit Wolfgang Rihms Oper „Die Eroberung von Mexico“ in die Felsenreitschule gekommen waren, sich darob angesprochen gefühlt haben, so ließen sie es den Regisseur und Salzburg-Debütanten Peter Konwitschny beim höflichen Schlussapplaus nicht entgelten.
Indes gibt es künstlerische Gründe, die einige Unzufriedenheit mit der Arbeit des skandalumwitterten Bühnenschrecks Konwitschny hätten provozieren müssen. Zunächst: Rihms 1992 uraufgeführtes Erfolgsstück – er nennt es nicht „Oper“, sondern „Musiktheater“ – stützt sich zwar zentral auf den gleichnamigen Prosatext von Antoine Artaud, aber von Mexico und der Eroberung des Aztekenreichs durch den spanischen Conquistador Cortez ist in der Felsenreitschule eigentlich nichts zu sehen. Zu sehen ist vielmehr ein gigantischer Autofriedhof (Bühne: Johannes Leiacker).
Vergewaltigung auf dem Ikea-Sofa
Dort fiebert eine biedere Maid ihrem Date entgegen. Nach einer Verlegenheitsouvertüre fackelt „er“ nicht lange, sondern schreitet rüstig zur Vergewaltigung auf dem weißen Ikea-Sofa. Dass „er“ Cortez und „sie“ der Aztekenherrscher Montezuma ist, weiß der Zuschauer aus dem Programmheft, andernfalls könnte er auch die Eröffnung einer Strindberg’schen Beziehungshölle für möglich halten.
Als Frau – genauer: als Sopran – hatte freilich bereits Rihm die Montezuma-Partie entworfen. Der Grund: Unter Verwendung eines weiteren Artaud-Textes („Das Seraphim-Theater“), aus dem die Gedankenformel „Neutral – Weiblich – Männlich“ als Leitmotiv in die Oper einwanderte, bürstet Rihm den Kulturenkonflikt konsequent auf das Geschlechterverhältnis, auf den Gender-Aspekt um. Die Frau ist es demnach, die vom Mann erobert, kolonisiert, im realen und übertragenen Sinn vergewaltigt wird. Wobei der Komponist beide Identitäten in jeweils drei Sänger- bzw. Sprecher(innen) auseinanderfaltet.
Schon im Libretto schwierig
Das funktioniert freilich schon im Libretto nicht besonders gut: Das Aztekenreich war historisch gesehen nicht „weiblich“ codiert, sondern in seinem Blutrausch und seiner repressiven Gewalt durchaus „männlich“. Auch um den Preis, dass Text und Handlung nicht immer zueinanderpassen, zieht Konwitschny dem Stück eine auf allgemeine Verständlichkeit zielende narrative Struktur ein – eben die Geschichte einer an Missverständnissen, Herrschaftsansprüchen, offener Gewalt, Sprachlosigkeit und Autismus scheiternden Paarbeziehung. Der Kulturenkonflikt gerät zur Tragödie einer Einsamkeit zu zweit.
Garniert wird diese Deutung mit den wohlfeilen Figuren aktueller Zivilisationskritik – von der Umwelt- und Ressourcenzerstörung über das gierige Voyeursunwesen und die Banalitäten einer Konsumkultur bis hin zu den kommunikativen Verheerungen einer von IT und Virtualisierung beherrschten Lebenswelt. Die Geburt des Smartphones aus dem Geist (und der Tat) der Vergewaltigung (Montezumas durch Cortez) – das hat schon wieder was und legt eine Quelle frei, die hier sonst nicht sprudelt: die eines ironiegetränkten Humors.
Dirigent mit großer Umsicht
Überhaupt relativieren sich manche Einwände angesichts einer Szene, die – Konwitschny ist und bleibt halt ein Meister des Handwerks – in Bewegungsspiel und Konfiguration genau durchgearbeitet ist, in diesem Sinne kaum einen flachen Augenblick kennt und immer wieder zu starken Bildern samt surrealen Entgrenzungen findet. Und manchmal passt Rihms Musik zum Video wie ein dafür geschriebener Soundtrack.
Zum Erfolg führt die erste Salzburger Premiere aber vor allem die musikalische Seite. Ingo Metzmacher, der Uraufführungsdirigent von 1992, leitet mit großer Umsicht und Coolness das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien, dabei die suggestiv in der Felsenreitschule verteilten und so einen totalen Raumklang erzeugenden Schallquellen souverän koordinierend. Den unendlichen Farbenreichtum von Rihms Klangkunst entfaltet er mit höchster Sensibilität und Differenzierungskraft. Wahrhaft superb ist die Leistung der zentralen Solisten Angela Denoke (Montezuma) und Bo Skovhus (Cortez), die sich ihrer extrem fordernden Partien mit einer Stimmpracht und gestischen Eindringlichkeit sondergleichen annehmen.
Schlichtweg berückend
Ihr quasi-barockes A-cappella-Schlussduett wird zur Sternstunde vokaler Gestaltungskunst. Nicht zu vergessen sind darüber die jeweiligen Alter Egos – Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz als prustende, stöhnende, hechelnde und keuchende Cortez-Sprecher sowie Susanne Andersson und Marie-Ange Todorovitch als Montezuma-Sängerinnen. Zumal Anderssons Sphären-Koloraturklänge berücken schlichtweg.
Dies alles fand enthusiastischen Beifall, der nur noch durch den für den Komponisten getoppt wurde. Insgesamt ein interessanter, unkonventioneller, auch von programmatischem Wagemut zeugender Festspielauftakt, dem leider, wie es aussieht, jedenfalls im Opernbereich mit „Figaro“ und „Fidelio“ ein dafür umso mainstreamfrommerer Volltakt folgt.
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