Sandra Maischberger hat bei N-TV endlich zu ihrem Format gefunden

Nur fragen

Klaudia Brunst
5 Min

Wenn einem im wahren Leben ein Fremder so nahe kommen würde, wie die Kamera an Sandra Maischbergers Gesprächspartner heranzoomt, man würde sich das verbitten. Auf dem Bildschirm aber funktioniert diese Distanz, in der kaum noch die Stirn und das Kinn des Gastes zu sehen sind. Denn dieser visuell so radikale Zugriff - neugierig, abtastend, intensiv - korrespondiert aufs Trefflichste mit den bildfüllend wachen Augen der Gastgeberin, die keine Minute davon ablässt, die wahren Antworten in der Mimik des Gegenübers zu finden.Überhaupt! Diese Augen! Wie die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch zieht sie mit ihrem fordernden Blick den "Menschen des Tages" in ihren Bann. Wolfgang Gerhardt soll während des Gesprächs wie paralysiert auf den Bernsteinanhänger in ihrem Dekolletee gestarrt und hinterher, als er das Gesprächspult endlich verlassen durfte, ausgerufen haben: "Die Frau hat Profil!" Und dann dieser Ort! "Bonsai-Studio" nennen sie es bei N-TV. Der wohnzimmergroße Raum war einmal ein Verwaltungsbüro. Jetzt drängen sich hier zwei Kameraleute und eine Kabelhilfe um die nichts sagende Studiodekoration und den barhockerhohen Tisch, der die Gäste stets auf Augenhöhe der Kameraobjektive hält. Ausgeprägter JagdinstinktSandra Maischberger mag diese intime Atmosphäre: Hier, wo jeder Schritt zurück ein Schritt zu viel wäre, ist keine Ausflucht möglich. Ingeborg Schäuble, die Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe und "Mensch dieses Tages", hat deshalb schon vorher die "No Go-Areas" festgelegt: Sie will nicht über die CDU und ihren Mann sprechen, sondern über die Dürrekatastrophe in Äthiopien. "O. k.", hat Maischberger eingewilligt, "und im zweiten Teil reden wir über Ihre Biografie." Nun, nach der Pause kreisen die beiden Frauen vorsichtig um das Tabuthema. "Eine Frage zu Helmut Kohl", setzt Sandra Maischberger beiläufig an. "Der Bruder Ihres Mannes, Thomas Schäuble ." Ingeborg Schäuble spannt ihre Muskeln an. Die Studiowand im Rücken, die Kamera an ihrer Seite, die aufmunternd dreinblickende Gastgeberin vor sich, bleibt Frau Schäuble nur eines. Sie fällt aus der Rolle: "Wir hatten ja vereinbart, über dieses Thema nicht zu sprechen .""Ich musste sie das fragen", meint Maischberger hinterher. "Weil sich der Zuschauer das auch fragt. Hat nicht geklappt. Aber so hat sie wenigstens gesagt, dass sie darüber nicht reden will." Eine Trophäe, und sei sie noch so klein, will die erfahrene Journalistin schon nach Hause bringen. Wenn sich nur einlöse, was sie bereits vorher gesehen habe, sei es nicht mehr interessant, meint sie. Dieser Jagdinstinkt erlahmt auch nicht, wenn sie einen Gast wie neulich Peter Maffay zum dritten Mal vor dem Mikrofon hat.Solch ein Déjà-vu ist durchaus wahrscheinlich, denn Sandra Maischberger ist immerhin schon 15 Jahre im TV-Geschäft. Gleich nach dem Abitur entdeckte sie der BR für die Jugendtalkshow "Live aus dem Schlachthof". Zwei Jahre später setzte sich die "Talk im Turm"-Redaktion in den Kopf, neben den "alten Haudegen" Erich Böhme noch eine "junge Naive" zu setzen. Das ging schief. Bei "Premiere" rehabilitierte sie sich an der Seite von Roger Willemsen mit "0137". Als Redakteurin und Anchorfigur von "Spiegel TV Interview" feilte sie schließlich an ihrer unverwechselbaren Bildschirmpräsenz.Schon damals zeigte sich die Kamera ungewöhnlich an ihrer Wirkung auf Menschen interessiert, verfolgte sie und ihren Interviewpartner sehr dicht, gelegentlich sogar kokett, ja nachgerade flirtend. "Na, hören Sie mal!", spielt Maischberger die Empörte. "Der Kameramann und ich haben sechs Monate lang gestritten, was wichtiger ist: Bild oder Inhalt." Aber dann muss sie doch lachen. Denn der, mit dem sie damals gestritten hat, ist heute ihr Lebensgefährte.Gemeinsam gingen sie nach einem Jahr "Spiegel-TV" auf Weltreise. Als Sandra Maischberger nach acht Monaten wiederkam, war der Anschluss verpasst. 1995 fragte der "Stern": "Was macht eigentlich Sandra Maischberger?" Sie war 29 Jahre alt und arbeitete an ihrem Comeback. Die Vox-Talkshow "FreitagNacht" floppte. Auch "Greenpeace-TV" blieb eine Episode. Sandra Maischberger fragte hartnäckig weiter - nun eben für "Amica". Dann kam N-TV. Der Auftrag des Senders lautete, einen deutschen "Larry King" zu etablieren. Aber jeder Vergleich mit dem CNN-Talker hätte natürlich in die Irre geführt. Mit ihrem Produzenten Friedrich Küppersbusch und dem Regisseur Manfred Schneider entwickelte sie kurzerhand eine eigene, simple, aber perfekt auf sie zugeschnittene Dramaturgie. Mit Erfolg. Bisher hatte N-TV ein Problem mit der Blue hour zwischen fünf und sechs. Jetzt steigen die Quoten merklich an, wenn Maischberger um 17.15 Uhr auf Sendung geht.Neugierde als SchutzschildMit ihrem spartanisch strengen Format ist Sandra Maischberger offen genug für die wechselnden Stile im Talkshow-Genre. "Es geht mir immer darum, eine bestimmte Intensität herzustellen. Ob das dann an Hand der Sache oder der Person geht, ist egal. Furchtbar ist nur, wenn es plätschert." Auch die Gäste können ihr nicht ausgehen, denn Sandra Maischberger besteht darauf, dass es "bei jedem Menschen etwas gibt, das mich interessiert". Nur sich selbst würde sie nicht in ihre Sendung einladen. "Meine Biografie gibt nicht genug her", findet sie. Sie habe doch nichts zu erzählen. "Sonst würde ich nicht fragen!" Und wenn man sie interviewt, fragt Sandra Maischberger, wann immer man ihr es gestattet. Vor dem Gespräch und danach. Bis das Aufnahmegerät eingeschaltet ist, und gleich wieder, wenn das Band stillsteht. "Wie wird man eigentlich .? Was halten Sie denn von .? Warum haben Sie bisher nicht .?" Man soll Sandra Maischberger nicht so nahe kommen wie die Kamera den Gesprächspartnern bei N-TV. Dann wehrt sie sich. Mit Neugier. Hält einem diese Aura der Wissbegierde entgegen. Die Fragen sind Vorwärtsverteidigung und sollen den Eindringling ablenken. Die Frau, die sonst immer im Bild ist, hält sich im wahren Leben selbst lieber raus."Das steht nicht zur Debatte. " Sandra Maischberger über Spekulationen, sie könnte zum ZDF-"heute journal" wechseln BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER "Furchtbar ist es, wenn es nur plätschert": Sandra Maischberger forscht auf N-TV nach wahren Antworten.

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