Sarah Wiener: „Viele Menschen hier haben kein Geld, um sich bio leisten zu können“

Köchin Sarah Wiener hat sich in der Uckermark eingerichtet. Sie besitzt dort einen Biobauernhof und baute sich ein Haus aus Holz.

BLZ
7 Min

Angermünde - Die Kuhglocke im Hofladen läutet Gemütlichkeit ein, aber dafür ist keine Zeit. Sarah Wieners Termine sind straff getaktet. Das mag auch daran liegen, dass sie an vielen Tagen gar nicht dort ist, wo man die bekannteste Köchin der Republik hauptsächlich erwartet: Auf Gut Kerkow, jenem Biobauernhof bei Angermünde (Uckermark), den sie vor dreieinhalb Jahren mit zwei Partnern gekauft hat und auf dem sie vieles anders – vor allem besser – machen will, als es in der konventionellen Landwirtschaft üblich ist.

Nun eilt sie zum langen Holztisch im Hofcafé, legt ihr Handy hin, verteilt Wasser aus einer Karaffe und beschreibt ihre Rolle auf dem Gut. Nein, sie stehe nicht im Kuhstall und miste aus, und schon gar nicht morgens um sieben. Sie sei auch nicht fürs Schweinefüttern verantwortlich und fahre nicht Trecker. „Natürlich helfe ich mal rechts und links mit“, sagt die 55-Jährige, „aber da bin ich eher die Praktikantin. Das können andere besser.“

Zumal es ja noch so viel mehr Aktivitäten in Wieners Leben gibt: ihr Restaurant im Hamburger Bahnhof in Berlin, ihre Cateringfirma, ihre Stiftung, mit der sie aus Kindern aufgeklärte Esser und Köche machen will, ihre Kochbücher, ihre eigene Bäckerei und ihre Reisen: Gerade erst war sie drei Wochen lang für Kochkurse und große Kochevents gebucht.

„Vielfalt und Individualität sind wichtige Themen für mich“, sagt sie. Das mit der Organisation regelt sie nach einem einfachen Prinzip: „Ich investiere meine Zeit immer dort, wo ich glaube, das braucht’s gerade am notwendigsten.“

„Früher waren Imker ja alte Säcke“

Auf Gut Kerkow im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, wo sie die vergangenen drei Jahre auch gelebt hat, sieht sie sich vor allem als „eine Art Chefideologin“, die im Hintergrund die richtigen Fragen stellt: „Welche Rinderrasse sollte man wie und warum halten? Was ist unsere Vision?“ Sie will eine gute Energie fließen lassen. Die Mitarbeiter, 25 sind es, sollen sich wohlfühlen – aber auch gefordert werden. Viele von ihnen waren schon dort, als das Gut noch einen anderen Besitzer hatte.

Die Stimmung in der Übergangsphase muss schwierig gewesen sein. Sarah Wiener mag eine harte, strenge Seite haben. Sie hat aber auch eine sehr herzliche. Plötzlich platzen zwei blutjunge Imker herein, weil sie ihre Bienenvölker gern auf dem Hof unterbringen würden. Sarah Wiener begrüßt sie – bei aller Zeitnot und obwohl es ein Nein als Antwort auf ihre Frage gibt – überschwänglich und befragt sie nach ihrem Honig. „Früher waren Imker ja alte Säcke“, sagt sie, als die beiden weg sind.

Statt kleinem Bauernhof eine riesige Landwirtschaft

Sie freut sich einfach, dass sich zwei junge Leute für Bienen engagieren. Sie habe selbst sechs bis acht Völker auf dem Gut stehen, und „die sind wirklich ganz allein mein Job“. Sie sei eine Extremimkerin, meint sie mit einem Augenzwinkern. Sie halte die Völker nicht, um Honig zu gewinnen. „Die Bienen dürfen bei mir tun und lassen, was sie wollen. Sie dürfen Freigeister sein, wie ich einer bin. Dürfen ihre Waben selber bauen, auf ihrem eigenen Honig überwintern. Die Biene braucht uns nicht, und ich will sie nicht dominieren – wie wir Menschen es an anderer Stelle oft tun. Es ist mir ein Bedürfnis, etwas möglichst richtig zu machen.“ Wenigstens im Kleinen. Im Großen geht das manchmal nur in der Theorie.

Sarah Wiener ist in Wien bei der Mutter aufgewachsen. Seit sie einmal als Kind eineinhalb Jahre auf einem Bauernhof in der Steiermark war, habe sie davon geträumt, später auf dem Land zu leben. „Ich hatte diese Sehnsucht in mir, in der Natur zu wohnen und mich von meiner eigenen Hände Arbeit zu ernähren. Mich mit dem Land und dem, was da wächst, zu verbinden.“ Natürlich sah alles in ihrer Phantasie ganz anders aus, als es am Ende wurde: kein kleiner Bauernhof, sondern eine 800-Hektar-Landwirtschaft, keine zehn Rinder, die über den Hof laufen, sondern 200, dazu 30 Schweine. Und alles nicht im Allgäu oder in Österreich, sondern in Brandenburg.

Der Hof wird nicht als Besitz gesehen

Der Hof sei völlig marode und verschuldet gewesen, als er zum Verkauf stand. Ausschlaggebend dafür, das Gut trotzdem zu übernehmen, waren die Nähe zu Berlin und dass es hier eine eigene Schlachterei und auch eine Fleischerei gibt. „Man findet in Deutschland nämlich kaum noch einen Hof, auf dem sich der ganze Kreislauf abspielt: Wo die Tiere auf die Welt kommen und sterben. Und dann auch verarbeitet werden.“

Sie kann sich an Worten aufhängen, wenn sie ihr nicht treffend erscheinen. So mag sie den Hof nicht als Besitz ansehen. „Ich empfinde, dass es eine Aufgabe ist, dass wir etwas geliehen bekommen haben für 30, 40 Jahre und schauen sollten, den Boden so zu bewirtschaften, dass er fruchtbarer wird, und dass wir schmackhafte Lebensmittel herstellen, die im richtigen Geist handwerklich gut gemacht sind.“

Ohne Gewinn kann niemand überleben

Sie lässt keinen Zweifel daran, dass die Herausforderung riesengroß ist. „Wenn ich als theoretische Landwirtin – und das bin ich ja – mit der Praxis konfrontiert werde, schlucke ich schon manchmal und hole mir blaue Flecken. Aber ich verstehe inzwischen auch besser, warum es bestimmte Entwicklungen gibt, die ich eigentlich ablehne.“

Das heißt auf einen simplen Nenner gebracht: Wenn man alles hundertprozentig nachhaltig und so gut wie möglich machen will, bleibt kein Gewinn. Ohne Gewinn kann aber niemand überleben. „Dann kommt dazu: Viele Menschen hier in der Uckermark haben kein Geld, um sich bio leisten zu können, oder wissen zu wenig über ökologische Lebensmittel – auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.“

Ist Gut Kerkow eine Art Endstation – oder gibt es schon die nächste Idee? Sie muss lachen. „Ich denke immer: Das ist es jetzt. Sonst würde ich mich nicht so hineinwerfen. Das gilt für den Beruf genauso wie für die Liebe.“ Am Ende sei dann aber doch alles immer viel schwieriger, zeitaufwendiger und teurer als gedacht.

Die Frau strotzt vor Energie 

Und so ist es auch mit dem Haus, das sie gebaut hat. Die vergangenen drei Jahre war Sarah Wiener auf dem Gut zu Hause, nun zog sie in ein nachhaltiges Mondholzhaus in der Nähe. „Ich habe das gemacht, weil es auf dem Hof keine private Ecke gibt. Und weil ein einziges Zimmer in meinem Alter ein bisschen wenig ist.“ Nun ist sie nach wie vor dicht dran – hat aber doch Distanz.

Die Frau strotzt vor Energie und Temperament, hatte aber noch nie einen langfristigen Plan. „Mich treibt mein Instinkt, meine Lust – und vor allem das, was ich für richtig halte.“

Kirschen beim Wachsen zusehen

Sarah Wiener hat sich immer weiterentwickelt. „Viele Köche können einem zeigen, wie man ein Schnitzel brät“, sagt sie, „aber wenige können ernährungspolitisch ihr Wissen mit anderen teilen. Und ich glaube, das ist in meinem Fall wichtiger.“ Ob es um Zusatzstoffe in Lebensmitteln, um zu viel Zucker oder um Fertigprodukte geht: Sie hat eine Meinung, legt sich mit der Nahrungsmittelindustrie an und sagt Sätze, die manch einer nicht hören will: „Pestizide richten einen größeren Schaden an, als wir hinlänglich wissen.“

Dann steht plötzlich dieser Satz im Raum: „Mein Traum ist es, gar nichts mehr zu machen.“ Sie betont noch einmal: „Mein Traum.“ Und dann: „Ich würde am liebsten den ganzen Tag in meinem Garten herumspringen, die Bienen beobachten, den Kirschen beim wachsen zusehen und meine Äpfel einkochen. Dann würden ein paar Freunde am Tisch sitzen und irgendwann auch wieder gehen – damit ich etwas Ruhe für mich hab. Und dann kommt mein Sohn, und ich habe überhaupt keinen Stress in meiner eigenen kleinen, paradiesischen Welt.“

Und was hindert Sie daran, so zu leben? „Ich bin zu jung für die Rente.“

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