Sascha Lewandowski vom 1. FC Union Berlin

„Mannschaft muss cleverer und wettkampfstärker werden“

Wie nah sind sich Sascha Lewandowski und der 1. FC Union Berlin nach sechs Wochen Zusammenarbeit bereits gekommen? Und warum hat sich der erstklassig begehrte Trainer eigentlich für einen Zweitligisten entschieden? Ein verspätetes Kennenlernen in der Stadionloge.

Paul Linke
5 Min
Union-Coach Sascha Lewandowski.

Union-Coach Sascha Lewandowski.

© Bongarts/Getty Images Lizenz

Endlich mal ein Termin in Köpenick, Stadion An der Alten Försterei, die neue Haupttribüne, ein gläserner Aufzug, dritter Stock raus, Balletage nennen sie das hier, weiter den Gang entlang, Bilder aus guten und schlechten Zeiten an der Wand, dann rechts in Loge vier, in der sich an Spieltagen die lokale Bauwirtschaft trifft, ein Holztisch, zehn bequeme Stühle, Kaffee, Kekse, der Blick geht auf den Rasen, auf leere Ränge, dann kommt auch schon Sascha Lewandowski, drei Minuten zu spät und entschuldigt sich sofort, aber nicht für die Verspätung: „Ich habe geschwitzt beim Training.“ Der Händedruck ist fest und trocken.

Seit sechs Wochen ist Lewandowski, 44, nun schon Trainer des 1. FC Union Berlin, seit fünf Spielen, zwei Siegen, drei Niederlagen, aber erst am Dienstagabend gab es die Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen. Und weil Union zuvor alle Bitten um Einzeltermine freundlich abgelehnt hatte, war dieses Kennenlernen eine Gruppenerfahrung: ein Trainer, ein Pressesprecher, sieben Reporter. Und die zunächst interessanteste aller Fragen lautete: Warum geht jemand, der mit Bayer Leverkusen bereits in der Champions League gespielt hat, der im vergangenen Sommer Angebote aus der Ersten Bundesliga vorliegen hatte, konkrete, weniger konkrete, warum geht so jemand also freiwillig zu einem Zweitligisten?

Hohe Erwartungen an die Spielkultur

Es gab Gründe, warum Lewandowski nicht erstklassig bleiben konnte, wollte. Er kann sie alle im Vertrauen, dass sie hier nicht genannt werden, aufzählen. Und für diejenigen, die es genauer wissen wollen, wo Lewandowski überall im Gespräch war, empfiehlt er eine Internetrecherche. Was man dort findet, das stimmt schon. Jedenfalls ist er vor dieser Saison auf dem Trainerkarussell sitzen geblieben und hat ein paar Runden gedreht, bevor Union Norbert Düwel entließ und einen suchte, der die Klubpläne wieder etwas voranbringt. Dazu sagt Lewandowski: „Der Verein sollte Ambitionen haben, etwas Großes vor Augen, etwas das wahrscheinlich ist und nicht unmöglich. Sonst wäre ich nicht hier.“

Gemeint ist natürlich der Aufstieg, das ist die auch öffentlich geäußerte Ambition in Köpenick, die Vision, die irgendwann einmal zur Obsession werden könnte, sollte es nicht klappen in diesem (eher nicht), im nächsten (vielleicht) oder spätestens im übernächsten Jahr (aber dann) – so lange läuft Lewandowskis Vertrag. Er weiß also, was die Klubführung von ihm erwartet. Er sagt: „Ich kann die Ziele und Werte des Vereins verinnerlichen. Ich kann mich von der Sache emotionalisieren lassen.“

Der Trainer hat seine eigenen Erwartungen, und die haben vor allem mit der Spielkultur zu tun. Lewandowski will offensiven Fußball sehen, er will eine Mannschaft trainieren, die selbst nach Lösungen sucht und nicht abwartet, was der Gegner macht. Dieser Anspruch ist eher neu bei Union. Und wenn Lewandowski sagt, dass es länger dauert, aus einer reagierenden Mannschaft eine agierende zu machen, dann will er auf keinen Fall den Eindruck aufkommen lassen, als wäre alles falsch gewesen vorher, als wäre das eine Kritik an Düwel und dessen Kaderzusammenstellung. „Kollegialität ist ein großes Wort unter Kollegen“, sagt Lewandowski. „Ich habe eben meine eigene Idee.“ Und hat er mit Düwel mal in Ruhe über alles gesprochen? „Es war nicht nötig, ihm auf die Nerven zu gehen.“

„Bei den Punkten herrscht Stillstand“

Lewandowskis Ansatz funktioniert schon. „Wir haben uns spielerisch entwickelt. Wir hatten in allen fünf Spielen mehr Torchancen als der Gegner“, sagt er. Und das sei wichtiger als viel Ballbesitz. Nur: „Bei den Punkten herrscht Stillstand.“ Doch die Konsequenz kann jetzt nicht sein: „Dass wir versuchen, schlechter Fußball zu spielen, um wieder zu gewinnen.“

Lewandowskis Pointen sind lustig und präzise wie ein öffnender Pass. Das sagen auch Kollegen, die ihn in Bochum oder Leverkusen erlebt haben. Und seine Offenheit macht das Kennenlernen zu einem angenehmen Logentermin.

Offen spricht Lewandowski etwa über den Umgewöhnungsprozess, die Notwendigkeit, sein Fachwissen, seine Erfahrung an die Realität anzupassen. Er sagt: „Mir war schon klar, dass der Fußball in der Zweiten Liga anders ist als der in der Ersten.“ Lewandowski musste erst schauen, was er von früher übernehmen und was jetzt zum Erfolg führen kann, musste auch lernen, dass er die Mannschaft nicht „überfrachten und überfordern“ darf. Dazu hat er sich immer Rückmeldungen von den Spielern geholt.

Am Ende der sechswöchigen Umgewöhnung und des über einstündigen Kennenlernens steht für Sascha Lewandowski fest: „Der Weg ist ein Tick positiver als negativer.“ Aber es gibt natürlich noch einiges zu tun, denn: „Die Mannschaft muss cleverer und wettkampfstärker werden.“

So und jetzt muss der Trainer los zum Fantreffen. Er müsste eigentlich nicht, aber hat wahrscheinlich noch geduscht vorher.

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