Schalke 04

Die Selbstzerstörung

Kein Startplatz für Europa und womöglich noch hinter Dortmund landen? Das geht nicht! Schalkes Manager Horst Heldt bestraft drei Spieler.

Daniel Theweleit
4 Min
Bitteschön: Kevin-Prince Boateng scheint nicht mehr zu Schalke zu passen.

Bitteschön: Kevin-Prince Boateng scheint nicht mehr zu Schalke zu passen.

© DPA/Bernd Thissen Lizenz

Die Gesichter waren blass nach dem Abpfiff, die Köpfe gesenkt, und die Schultern hingen auf halbmast. So schlichen die Spieler zu ihren Fans, die zuvor alles versucht hatten, ihr Team irgendwie dazu zu bringen, zu arbeiten, zu laufen, einfach mal nur ihren Job zu machen. Vergeblich. Nun waren die Fans sauer, es waren Bilder des inneren Zerfalls von Schalke 04.

Und dieser Prozess nahm kurz danach in den Gängen der Arena noch an Fahrt auf. „Es ist maßlos, was wir uns erlaubt haben“, fauchte Manager Horst Heldt nach dem leblosen 0:2 beim 1. FC Köln, und Kapitän Benedikt Höwedes erklärte: „Das war einer Schalker Mannschaft nicht würdig. Die taktische Disziplin war gleich null, die Leidenschaft war gleich null. Es ist mir ein Rätsel, dass die Fans noch so hinter uns stehen. Das haben wir in dieser Phase gar nicht verdient.“

Auf harte Worte folgen Taten

Das waren harte Worte, die Heldt aber noch einmal in den Schatten stellte, als er sagte: „Wir werden in den nächsten 14 Tagen genau beobachten, im Training und im Spiel, wer mitzieht. Und unabhängig von der Vertragslaufzeit, wenn uns einer nicht mehr passt, dann spielt er halt nicht mehr für Schalke 04.“ Am ersten Beobachtungstag wurden Sidney Sam und Kevin-Prince Boateng, der sich nach dem Spiel mit einem Fan angelegt haben soll, freigestellt, Marco Höger bis einschließlich Sonnabend suspendiert. „Das Vertrauensverhältnis bei Kevin-Prince Boateng und Sam war nicht mehr gegeben, bei Höger hegen wir Zweifel über die Loyalität gegenüber dem Verein“, erklärte Heldt am Montag.

Angesichts der Bedrohungen sind diese Entscheidungen konsequent. Der Klub braucht dringend Punkte, um die Europa League zu erreichen, zudem droht ein Schreckensszenario: Dortmund könnte Schalke noch in der Tabelle überholen. Die Situation ist kaum lösbar. Das Virus der Lethargie, der Lustlosigkeit ist hoch ansteckend, aber niemand weiß, wo die Infektionsherde liegen.

Nach dem Spiel wirkte sogar Höwedes, an dessen Zuverlässigkeit niemand zweifeln würde, energielos und verdrossen. Auch er war Opfer einer seltsamen Dynamik der Selbstzerstörung geworden. Der Schalker Fußball sieht zurzeit so aus, als hätten die Spieler überhaupt keine Lust mehr, miteinander zu kicken. „Ich stelle mich Woche für Woche hin als Kapitän, aber so langsam mache ich mich auch unglaubwürdig, weil ich euch mit Erklärungen gegenüberstehe, die mir auch langsam ausgehen“, sagte Höwedes. Ähnlich ratlos wirkte Trainer Roberto Di Matteo. „Es ist schwer, so etwas kurz nach dem Spiel zu analysieren“, sagte er.

Vermutung: Schalke braucht eine andere Mentalität

Im Moment deutet manches darauf hin, dass der Italiener so scheitern wird wie seine Vorgänger. Unter Huub Stevens waren die Schalker in sich zusammengefallen. Damals, im Herbst 2013, hieß es, der Kader sei charakterlich schwierig, und damit sei der Holländer nicht klargekommen. Es folgte Jens Keller, dessen laxe Pädagogik lange funktionierte, der das Team aber fußballerisch nicht weiterentwickelte. Am Ende verlor auch er den Rückhalt. Nun ist es Di Matteo, dem die Antworten fehlen. „Ich trage die Verantwortung für die Aufstellung und die Resultate“, sagte er. Wenn so unterschiedliche Trainer so ähnlich verzweifeln, liegt die Vermutung nahe, dass Schalke eine andere Mentalität braucht.

Wie genau solch ein Prozess aussehen könnte, lässt sich schwer beurteilen, vielleicht kennen nicht mal Heldt und Di Matteo den Weg. Klar ist nur, dass die Planungen extrem kompliziert sind, denn die sportliche Perspektive ist nebulös. Der Klub wirbt um Sami Khedira, gute Argumente jenseits eines großen Gehaltes kann Heldt aber nicht bieten. Und Höwedes, der Schalke in diesem Sommer für 17,5 Millionen Euro verlassen darf, macht sich auch Gedanken, ob er nicht anderswo erfolgreicher spielen kann. Andere hingegen, die Heldt und Di Matteo wohl gerne loswerden wollen, haben so gut dotierte Verträge, dass sie bei einem Klubwechsel mit Gehaltseinbußen leben müssten.

Während Gladbach, Leverkusen, Wolfsburg und Dortmund mit einem klaren Plan auf die Zukunft zusteuern, befindet sich Schalke auf dem Weg ins Mittelmaß. „Das war der Tiefpunkt“, sagte Heldt. Es könnte aber noch tiefer gehen.

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