+++
Orlando ist ein verträumter Heißsporn. Ein versponnener Einzelgänger und lebenshungriger Menschenfreund. Ja, so konträr muss man es sagen. Die hundert Farben der bunten Glasfenster seines Schlosses, in denen sich die Sonnenstrahlen prismatisch brechen, bevor sie auf ihn fallen, reichen kaum aus, um die Lebenswendungen des jungen Edelmannes mit Hang zur Schriftstellerei zu beschreiben.
Virginia Woolf brauchte 1928, als sie zusammen mit ihrer Geliebten Vita Sackville-West auf einer Frankreichreise diese fantastische Romanbiografie erfand, gut 240 bilderüberflutende Seiten. Vita ist das Vorbild für den wilden, zarten in allen Dingen so versierten wie ungeschickten Orlando, der im 16. Jahrhundert zur Welt kommt, der Virgin Queen Elisabeth gefällt, wegen seiner androgynen Schönheit Ruhm erntet, von einer russischen Prinzessin sitzengelassen wird, aus Wut nach Konstantinopel zieht, dort in den Wirren einer Revolution in Tiefschlaf fällt und 100 Jahre später als Frau wieder aufwacht, als die sie nun die nächsten dreihundert Jahre so irritiert wie belustigt lernen muss, was es heißt, eine Frau zu sein.
Nimmt man den Roman heute zur Hand, spürt man auf jeder Seite die lustvolle Befreiung, auch den Spaß, den Virginia Woolf sich selbst mit dem ironisch eleganten Ton der Biografin, die sich immer auch mit ins Spiel bringt, verschafft hat. Vor allem aber mit der überschwänglichen Figur des Orlando, die sich jeder eindeutigen Charakterisierung entzieht und die Grenzen höfischer, sexueller, literarischer Konventionen immer schon durchkreuzt. Immer ist er eigenwillig, suchend, renitent und geht doch ganz auf in jeder Epoche: in der wilden elisabethanischen, der klaren georgianischen oder der prüden viktorianischen.
Genau dieser ruhelos an sich selbst und der Welt arbeitende Bewusstseinsstrom ist der Motor der märchenhaften dahinfliegenden Erzählung, die in einer Phrase einen Augenblick mit einem ganzen Jahrhundert zusammenzieht und vom Ententeich in Sussex bis Kap Horn blickt.
Dass die Meistertüftlerin des Live-Film-Theaters Katie Mitchell sich diesen feministischen Woolf-Klassiker nun zur Vorlage für die Schaubühne genommen hat, ist kaum verwunderlich. Denn nicht nur die brillant schillernde Erzähltechnik Woolfs, ihre ironischen Zweifel an dem mal zu kitschigen, mal zu trockenen Text, dient wunderbar der technischen, alle Kunstprozesse auseinanderfaltenden Herangehensweise Mitchells, die auch hier die Bühne wieder zu einem komplexen theatralischen Filmset macht. Tonstudio und Leinwand hängen am Bühnenhimmel, Schienen für die Kameras sind am Boden montiert und Kostüm- und Werkstattnischen ducken sich hinter und neben einer dreiteiligen Landhauskulisse, in der sieben Schauspieler und an die zwanzig Helfer um die wunderbare Jenny König herum die Szenenschnipsel für den Film nachstellen.
Leider nur bleibt das Bühnengeschehen diesmal weitgehend dunkel und eher bedeutungslos hinter den Leinwandbildern zurück. Wobei auch diese Filmbilder nur blass illustrieren, was die Erzählerin Cathlen Gawlich im Tonstudio verliest. Wenig von der widersprüchlich fließenden Kraft der Woolfschen Erzähltechnik bekommt hier Form, noch weniger Orlandos fantastische Persönlichkeit, die in ihrer geradezu parodistischen Entgenderung und Queerness aktueller und brisanter kaum sein könnte. Genau hier, meinte man, könnte die poetisch-kritische Bilder-Entstehungskunst Mitchells besonders wirken und den starren Gendermustern die fließende Vielfalts-Persönlichkeit Orlandos entgegen werfen.
Tatsächlich aber bleiben die Bilder flach und unbefreit, schafft keine der isolierten Spielebenen echten Mehrwert, was dieser Abend allerdings mit der wenig später folgenden Schaubühnen-Neuproduktion „Jugend ohne Gott“ teilt, die Thomas Ostermeier bereits in Salzburg herausbrachte.
Auch Ostermeier versucht unter Einsatz von Live-Film-Technik, die innere Erzählung des Lehrers in Ödön von Horváths Roman, dem in Zeiten des aufkommenden Faschismus seine Schüler in Gefühlskälte abdriften, in die äußere Handlung zu klappen. Vor dichtem Wald werden die Figuren auf offener Bühne umgezogen, wechselt Dokumentarisches mit dem fiktiven Kriminalgeschehen, doch all dies analytische Besteck, das Verführung und Verfremdung zugleich bedienen will und doch nur kunstgewerblich, didaktisch am Text klebt, entwickelt kaum inhaltliche Kraft. Immerhin verschaffen etliche Kürzungen und weniger Frontalsprechen der Berliner Version mehr Konzentration. Oberlehrertheater bleibt es doch.
Orlando 11.–13. 9., 20 Uhr;
Jugend ohne Gott 9.–12. 9., 20 Uhr,
Schaubühne am Lehniner Platz
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de