Schaubühne

Angélica Liddell eröffnet Festival für internationale neue Dramatik

"Toter Hund in chemischer Reinigung" beim F.I.N.D.

Doris Meierhenrich
4 Min
 Angélica Liddell arbeitet zum ersten Mal mit dem Schaubühnen-Ensemble zusammen

 Angélica Liddell arbeitet zum ersten Mal mit dem Schaubühnen-Ensemble zusammen

© Gianmarco Bresadola

Ideen sprühende Projektbeschreibungen − damit hat sich die Ostermeier'sche Schaubühne nie aufgehalten. In diesem Jahr müssen zwei Wörter reichen, um das Programm des 17. Festivals für Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. zu beschreiben: „Demokratie und Tragödie“. Zack!

Bücherwände tun sich auf

Jeder weiß, dass sich hinter diesen zwei Worten allerdings ganze Bücherwände theorie-ästhetischer Widersprüche, Assoziationen, Positionen auftun. Geschickt gesetzt also, könnte man meinen.Aber, was will nun das Festival? Die gegenwärtige Demokratie als Tragödie begreifen, also die politische Kraft des Theaters neu behaupten? Wäre eigentlich das Schaubühnenprogramm seit je.


Festival für internationale neue Dramatik

Demokratie und Tragödie ist das Motto des diesjährigen F.I.N.D., das noch bis zum 9.April stattfindet.

Zur Eröffnung wurde die Deutschsprachige Erstaufführung von „Toter Hund in der chemischen Reinigung“ von Angélica Liddell gezeigt.

Regie und Ausstattung: Angélica Liddell, Mitarbeit Regie: Gumersindo Puche, Sounddesign: Antonio Navarro

Es spielen: Damir Avdic, Iris Becher, Ulrich Hoppe, Renato Schuch, Lukas Turtur, Veronika Bachfischer, Susana AbdulMajid

Weitere Vorstellungen: 1. April: 17Uhr; 11., 12.4.: 19.30 Uhr; 8., 9., 10. Mai: 19.30 Uhr in der Schaubühne am Lehniner Platz.

Karten, Informationen zum F.I.N.D.-Programm unter Tel.: 890023 oder: www.schaubuehne.de 


Oder doch eher beider Krisen sezieren, manche würden sagen: die pathologischen Reste der vom Markt geschluckten Demokratie sowie der im selben Verdauungstrakt dahinscheidenden Tragödie? Wo soll noch „Tragödie“ stecken, wenn jeder sein eigenes Schicksal als digitales Multifunktionsgerät in Händen hält?

Ist das Ironie?

Wir werden es in den rund dreizehn internationalen Gastspielen, die bis zum 9. April am Lehniner Platz gezeigt werden, erforschen können. Den Eröffnungsabend mit dem schönen Titel „Toter Hund in der chemischen Reinigung: die Starken“ der katalanischen Performancekünstlerin Angélica Liddell, verlässt man allerdings erst einmal mit tragikomischen Gefühlen. Nennen wir es einfach so. Denn tatsächlich weiß man im Laufe des knappen Dreistünders nicht immer, was an stilironischer Komik wirklich kalkuliert ist, was sich aus den pathetischen Übertreibungsgesten und den diffuser werdenden Wortkaskaden unfreiwillig komisch verselbständigt.

Böse kann man diesem widerspenstigen, groß denkenden Abend trotzdem nicht sein, für den die Performerin erstmals einen eigenen Text mit Ensemblemitgliedern der Schaubühne inszenierte. Denn auch wenn mindestens die letzte Stunde komplett in Kitsch abdriftet, bleibt die erste Hälfte geistreich, reißt Liddell mit ihrer literarisch-performativen Collage-Technik Denkräume auf, die die grauen Zellen in Bewegung bringen.

Wüstes Patchwork

Was passiert nun in dem wüsten, überstilisierten, kulturhistorisch überladenen Szenen-Patchwork? Es ist ein Text, den Liddell 1999 begann und in weiten Teilen während des US-amerikanischen Irak-Feldzugs nach den New Yorker Anschlägen weiterschrieb. Das weltpolitische Klima jener Zeit bestimmt so auch die allegorisch verkneteten Figuren. Man ist im Nachkriegsstatus „der Sicherheit“ angekommen, weshalb eine chemische Reinigung sprechender Aktionsraum ist.

Zeitlich schwebt alles zwischen der Zukunft und dem vorrevolutionären 18. Jahrhundert Frankreichs, als sich der Maler Jean-Honoré Fragonard noch der höfischen Lust widmete, während die Philosophen Rousseau und Diderot die Aufklärung einer freien, gleichen Gesellschaft in die Welt setzten. Wie damals schlagen auch im Zukunftsstück nun die Widersprüche wieder an, konkurrieren Vernunft und Affekt in der Frage nach einer menschlichen Gesellschaftsform.

Ein Hund spielt mit

Wiedergänger der Zeit treten auf, nun als Farce: als Rousseau-Maske schlängelt sich der Möchtegern-Denker Combeferre aus Victor Hugos „Die Elenden“ ein. Und der Schauspieler Damir Avdic mimt einen philosophierenden Hund, der wiederum den zynischen Hochstapler „Rameaus Neffe“ vertritt, eine Figur, mit der Diderot der Barockgesellschaft den Spiegel vorhielt.

Tatsächlich gehören diese fletschenden Hunde-Auftritte nun zum Besten des Abends, eben weil sie in die gereinigte Sicherheitswelt der neuen Rousseau-Gesellschaft das Nichtgeschliffene, Tragische zurück bringen. Zwischen dem Fragonard-Gemälde der „Schaukel“, einer üppigen Blumenwand und einem Rasenviereck, das von den neuen Rousseauisten immer brav umlaufen wird, hält uns dieser wütende Schauspieler-Hund als „Beauftragter gegen die Kultur“ seinerseits den Fratzenspiegel vor. Leider bleibt es nicht bei dieser Schärfe, versandet das Stück in Zitaten-Zierart und Wortschwall. 

Blick ins Programm

Interessant dürfte es in der kommenden Woche werden, wenn die Belgierin Anne-Cecile Vadalem von einem seltsamen Todesfall auf der Insel „Tristesse“ erzählt, nach dem sich plötzlich die rechtsradikale Stimmung der Dorfgemeinschaft zutage offenbart. Das kolumbianische Mapa Teatro wird in seine rasante Installations-Performance „Incontados“ fünfzig Jahre politisch-ökonomische Gewaltgeschichte ballen und Romeo Castellucci analysiert auf den Spuren Alexis de Tocquevilles was die „Democracy in America“ schmiert.  

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