Schauspieler August Diehl: „Es gibt kein Wir-Gefühl mehr“

Im Film "Der junge Karl Marx" übernimmt der Berliner die Hauptrolle. - Seite 2

BLZ
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"Marx hatte nichts Zerbrechliches"

Sie kommen selbst aus einer Familie, die abseits vom Konsum leben wollte oder gelebt hat. Landleben in Frankreich, Ihre Eltern haben die Kinder jahrelang selbst unterrichtet. Zehren Sie noch heute von diesen Erfahrungen?

Ich weiß es nicht, aber sicher hat mich das geprägt. Es ist heute eine andere Zeit, es gibt kein Wir-Gefühl mehr. Das Wir-Gefühl  entsteht immer nur nach einem Schock, wie nach den Attentaten in Paris, in Berlin, ich war auch  in Brüssel, als dort das Attentat auf dem Flughafen war. Da rutscht dann für ein paar Tage eine Stadt zusammen, man hat das Gefühl, in einem Boot zu sitzen, aber dass es nur nach solchen Einschnitten entsteht, ist auch traurig.

Haben Sie sich durch die historische Recherche zu Marx auch mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt? Es liegt ja nahe, sich mit den Lebensbedingungen seiner Vorfahren auseinanderzusetzen, wenn man so einen Film macht.  Ihre Kollegin Vicky Krieps,  die Jenny Marx spielt, hat mir von ihrem sozialistischen  Großvater erzählt, der unter der deutschen Besatzung Luxemburgs im KZ war.

Ich habe mich nie mit meinem Stammbaum beschäftigt. Über meine eigene Familie weiß ich eigentlich wenig Bescheid. Das müsste ich irgendwann mal untersuchen. Nein, ich habe mich dann schon eher mit Marx beschäftigt. Darin bestand auch die Arbeit – wegzukommen von sich. Ich bin schon körperlich ein ganz anderer Mensch, ich musste schwerer werden, älter, obwohl er zu der Zeit jünger war als ich jetzt. Ich hatte eine hervorragende Maskenbildnerin, die beste, die ich jemals hatte.

Ich habe Sie auch erst einmal nicht erkannt, nicht nur wegen der physischen Erscheinung, auch wegen des Blicks. Es fehlt die Spur Irrsinn, die Sie in einigen Ihrer Rollen haben.

Ja,  Marx ist auch nicht irre. Im Gegenteil,  er ist sehr vernünftig und ganz klar, er kann eiskalt sein, cholerisch, all das kann er sein, aber niemals wahnsinnig. Niemals labil, außer auf gesundheitlicher Ebene. Er hatte nichts Zerbrechliches, das wollte ich auch verhindern. Wenn er einen Raum betrat, war es,  als käme eine schwere dunkle Wolke herein, so beschreiben es Zeitgenossen. Und er hat jeden um sich herum gleich behandelt, er hat das sehr früh gelebt.  Er hat mit dem Maître nicht anders gesprochen als mit dem Proletarier, das hat viele Leute sehr beeindruckt. Er konnte Leute fertig machen, in Briefen, in Reden, obwohl er angeblich kein so guter Redner war, er hat anscheinend gelispelt.

Sie lispeln nicht.

Nein, ich hatte schon genug mit den drei Sprachen zu tun, wie reden ja abwechselnd englisch, französisch, deutsch, so wie es Karl, Friedrich und Jenny  auch getan haben.

So unterschiedlich Ihre Rollen sind, es gibt doch Verbindungen zwischen Ihren Filmen. In „Wir wollten aufs Meer“, in dem Sie einen Doppelagenten in der DDR spielen, gibt es einen Dialog, in dem einer fragt: „Wie schreibt man Sozialismus“, und der andere antwortet: „Am besten gar nicht“. Der Film erzählt auch eine Männerfreundschaft und das Ende einer Utopie.

Vor allem ist es eine Fluchtgeschichte. Und ich spiele da auch einen sehr bösartigen Charakter, bösartig aus Schwäche. Jemand, der manipulierbar ist. Verführbar. Ich habe den sehr gern gespielt, aber bei diesem Film hatte ich nur eine Woche zur Vorbereitung.

Im Theater kann man Sie in Berlin nur bei Gastspielen erleben, Sie spielen vor allem am Burgtheater in Wien. Hätten Sie nicht gern Ihr Publikum in der Stadt, in der Sie leben?

Doch, schon, aber es ist eine komische Sache mit mir und Wien. Ich habe immer dort Theater gespielt und schon sehr früh. Es hat sich so ergeben, unter verschiedenen Intendanten am Burgtheater, jetzt schon unter der dritten Intendanz.  Ich spiele im Moment zwei Stücke, das „Geisterhaus“ von Isabel Allende in der Inszenierung von Antú Romero Nunes und das andere ist eine Inszenierung von Andrea Breth, ein Stück aus den sechziger Jahren, das heißt: „Diese Geschichte von Ihnen“ von John Hopkins. Das macht großen Spaß.

Mögen Sie Wien?

Ja, inzwischen schon, die Stadt hat sich sehr zum Positiven verändert. Früher war sie sehr hierarchisch geprägt, mit der Herr Professor und so, eine Stadt sehr im eigenen Sud. Jetzt ist Wien kosmopolitischer geworden, offener, toleranter, die Deutschen-Feindlichkeit hat abgenommen. Ich mag Wien auf einmal viel viel lieber als früher. Wien und Berlin ergänzen sich sehr gut, alles, was die eine Stadt hat, hat die andere nicht.

Wie schaffen Sie das Pendeln trotz Familie hier in Berlin?

Ach, das machen wir nun schon so viele Jahre, das geht mal so mal so. Ich reise gern, und ich bin auch gern in einer Stadt, nur um zu arbeiten.

Kommen wir beim Stichwort Arbeit noch mal auf Marx zurück, der schreibt, dass sich der Wert einer  Ware an den Arbeitsstunden bemisst,  die zu ihrer Produktion verwendet wurden. Messen Sie Ihre Arbeit an diesem Maßstab?

Nein, und genau das ist der Grund, weshalb es für mich – und das sage ich nur für mich – ein Widerspruch ist, ein Schauspieler zu sein und gleichzeitig Marxist. Wenn ich Marxist wäre, würde ich kein Schauspieler mehr sein. Ich weiß, dass es viele marxistische Schauspieler gibt, nicht die schlechtesten, aber für mich ist es ein Widerspruch. Marx sagt, von den englischen Ökonomen übernommen wahrscheinlich, dass der Wert eines Dings die Arbeit ist, die in ihm steckt. Und das gilt für fast alles, außer für Kunst. Das hebt sich auf. Man kann ein Musikstück oder eine Malerei nicht nach der Arbeit bemessen, die darin steckt. Das geht auch bei der Schauspielerei nicht. Und das ist letztlich der Grundfehler in der vom Ansatz her wunderbaren Theorie des Kommunismus, die ja im Grunde von Anfang an etwas sehr Menschliches hatte: dass ein Teil des Menschlichen darin komplett vergessen wurde, nämlich die Nicht-Arbeit, das Nichtstun. Ich glaube, der Mensch ist das einzige Wesen auf der Welt, das sich vor allem in einer Sache hervortut – nämlich im Müßiggang. Im Nichtstun. Ich weiß, ich wage mich damit weit, weit vor.

Wenn Sie spielen, tun Sie nichts?

Aus dem Nichtstun des Künstlers entstehen so wertvolle Dinge wie wahrscheinlich nichts anderes. Da sind wir dann bei Dostojewski, wo die Sozialisten am Tisch sitzen und fragen: Ist ein Apfel, von Michelangelo gemalt, mehr wert als ein echter? Und die sagen, na ja, sobald der Hunger eintritt, gibt es nur noch den echten Apfel. Aber anscheinend ist der Mensch eben nicht nur ein Wesen, das über seine körperlichen Bedürfnisse und Nöte definiert werden kann, sondern über etwas, ich wage es mal zu sagen – Metaphysisches. Die Arbeit, die Künstler tun, hat das zur Basis.  Zu diesem Nichtstun gehört auch, Feste zu feiern, sich dafür anzuziehen, obwohl man nicht friert, einander Sachen zu schenken, statt sie zu verkaufen – all das hebt das ganze System von Marx auf und es ist auch gleichzeitig das, was alle Klassen miteinander verbindet. Und deswegen kann ich sein Denken nicht mit meiner Arbeit zusammenkriegen, obwohl ich Marx zutiefst bewundere und viele seiner Aussagen auch heute für richtig halte.

Also sind Sie kein Marxist.

Auch kein Materialist und auch kein Humanist.

Wo findet man die Apfel-Passage von Dostojewski?

Im Roman „Die Dämonen“, das ist eines meiner Lieblingswerke von ihm. Den Roman mag ich noch mehr als „Der Idiot“.  Weitaus mehr eigentlich. Weil er so wunderschön diese neuen Menschen beschreibt, die da kommen werden mit der Revolution – und in Russland ging das alles aus dem Bauerntum hervor, weil es dort kaum Industrie gab, also auch keine industrielle Revolution, zum Bedauern Lenins  – weil da also die Dämonen kommen, die sagen: „Ein Gestern gibt es nicht, nur noch ein Morgen“.

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