Viele Polizisten glauben, dass das Training in den maroden Schießständen sie krank gemacht hat. Einige Beamte sind sogar an Krebs erkrankt. Doch eine Studie, die einen möglichen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und den Schadstoffbelastungen untersuchen soll, kommt bisher nicht zustande. Es finden sich nicht genügend Teilnehmer – wegen der strengen Auswahlkriterien. „Das ist bitter. Wir haben viel Hoffnung mit der Studie verknüpft“, sagte Polizeisprecher Winfrid Wenzel am Montag der Berliner Zeitung.
Schätzungsweise 1580 aktive und pensionierte Polizisten waren über Jahre hohen Schadstoffbelastungen ausgesetzt. Vor allem Schießtrainer und intensiv trainierende Polizisten klagen seit mehreren Jahren über teils massive Gesundheitsbeschwerden.
Wegen maroder Lüftungsanlagen, die die giftigen Pulverdämpfe nicht richtig absaugten beziehungsweise wegen der Kontaminierung mit Schwermetallen und krebserregenden Mineralfasern ist ein Großteil der Trainingsstätten geschlossen.
Zeitweise war sogar das regelmäßige Schießtraining gefährdet, eine Voraussetzung, die überhaupt zum Tragen einer Schusswaffe berechtigt.
Im März wurden überall in den Polizeidienststellen Flyer der Charité ausgehängt
Damit die Erkrankten Anspruch auf Schmerzensgeld haben, bedarf es eines Nachweises, dass die Gesundheitsprobleme auch tatsächlich durch das Schießtraining verursacht wurden. Dafür gab die Innenverwaltung noch unter dem damaligen CDU-Senator Frank Henkel bei der Charité eine Studie in Auftrag. Polizei und Innenverwaltung betonen dabei die Unabhängigkeit der Charité.
Im März wurden dann überall in den Polizeidienststellen entsprechende Flyer der Charité ausgehängt. Insgesamt 300 Personen sollen in der Klinik untersucht werden – in drei Kontrollgruppen zu je 100 Personen.
Die erste Kontrollgruppe soll aus Polizisten bestehen, die mindestens drei Mal pro Woche und mindestens 40 Wochen pro Jahr Training haben. Für diese am meisten gefährdete Gruppe kommen insgesamt 270 Angehörige der Spezialkräfte und Schießtrainer infrage. Zur zweiten Gruppe gehören Beamte mit seltenem Schießtraining und zur dritten Beamte, die nie schießen.
Um Umwelteinflüsse auszuschließen dürfen Raucher und Ex-Raucher nicht teilnehmen. Pensionäre werden ebenfalls nicht berücksichtigt. Allerdings leiden vor allem in der Gruppe der bereits aus dem Polizeidienst Ausgeschiedenen viele an Beschwerden, die vom Einatmen giftiger Pulverdämpfe herrühren könnten.
Für die Kontrollgruppen 1 und 3 fanden sich nicht genügend Freiwillige
„Um die Wissenschaftlichkeit der Studie zu gewährleisten, müssen die Teilnehmer aus den geeigneten Bewerbern per Zufall ausgewählt werden“, heißt es bei der Charité. Deshalb wird jeder dritte Bewerber mittels eines computergesteuerten Zufallsverfahrens nicht für die Studie zugelassen. Ein größerer Teil potenziell Betroffener will überhaupt nicht an der Studie teilnehmen.
Für die Kontrollgruppen 1 und 3 fanden sich nicht genügend Freiwillige, weshalb die Polizei in ihrem Intranet vor einigen Tagen ein weiteres Mal für die Teilnahme an der Studie warb.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) unterstellt der Polizeiführung und der Innenverwaltung, es nicht ernst zu meinen mit der Aufarbeitung der Affäre. „Diese Arie um die geplante Studie reiht sich nahtlos in den Umgang mit der Schießstandproblematik ein“, sagte GdP-Sprecher Benjamin Jendro. „Der Auftrag an die Charité war von Anfang an ein scheinheiliger Versuch, die Gemüter zu beruhigen und Aufklärungswille vorzugaukeln. Es war klar, dass eine Studie mit diesen Kriterien in Berlin nicht umsetzbar ist und sie auch nicht die Antworten bringen kann, die den Betroffenen versprochen wurden.“
Mehrere erkrankte Beamte stellten Strafanzeige wegen Körperverletzung. Weil lange nichts passierte, übergaben im Juni mehr als 20 Beamte der Staatsanwaltschaft in Moabit einen Ordner mit protokollierten Aussagen Betroffener und erstatteten 13 weitere Anzeigen.
Ihr Vorwurf: Vorgesetzte hätten von den Gefahren gewusst, aber nichts dagegen unternommen. Juristen sprechen von Körperverletzung durch Unterlassen.
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