Berlin - Dorota Schäfer freut sich, wenn die meisten sich ärgern. Wenn dunkle Wolken aufziehen, die Regen bringen wie jeden Tag im Monat Mai. Wenigstens kommt es einem so vor. „Dann spielt das Wetter mit“, sagt sie. Denn Regen bringt Kundschaft. „Schirmfachgeschäft“ steht in braunen Buchstaben auf dem Schild über dem Laden in der Transvaalstraße in Wedding. Und darunter heißt es: Eigene Reparatur-Werkstatt. Die Schrift hat eine altmodische Anmutung, so als wisse sie, dass der Laden nicht recht in die Zeit passt.
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Die Schirmwerkstatt ist eine von nur zweien, die es in Berlin noch gibt. Die Einrichtung stammt aus der Anfangszeit des Unternehmens, das bald sein 55-jähriges Jubiläum feiert. Seit fünf Jahren arbeitet Dorota Schäfer hier, vor zwei Jahren hat sie das Geschäft übernommen. Blonde Locken hat sie, und sie spricht mit Leidenschaft von ihren Schirmen. Von Stockschirmen, die gebogene Griffe wie Spazierstöcke haben, von Schirmen aus Bambus, aus Ahorn, aus Kastanie. Hirschhorn gibt es auch. „Aber das muss man bestellen.“
Es gibt Langschirme, die in keine Tasche passen, es gibt Stützschirme mit einen Knauf wie ein Gehstock. „Für Damen, die nicht zugeben möchten, dass sie so was brauchen“, sagt Dorota Schäfer. Und was machen sie, wenn es anfängt zu regnen? Dorota Schäfer lächelt und holt einen Schirm hervor, bei dem man den Stock vorher herausziehen kann, wenn man ihn braucht. Es gibt halbautomatische Schirme, die sich per Knopfdruck aufspannen lassen. Ein dumpfer Knall . Und vollautomatische, die sich per Knopfdruck auch schließen.
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Die Herrenschirme finden sich bei ihr an der rechten Wand. Ein bisschen düster sieht es dort aus, blau und schwarz. Als Muster sind allenfalls Streifen oder Karos erlaubt. „Noble Schirme“, sagt Dorota Schäfer. „Ich kann mir einen netten Arzt mit so einem Schirm in der Hand vorstellen.“ Die Damenschirme aber sind farbenprächtig. Bedeckt von Rosen, Stiefmütterchen, Schmetterlingen. Und grafischen Mustern, die wirken, als habe da jemand aus den Erscheinungen während eines LSD-Trips geschöpft. Optimismus gegen trübe Tage eben. Und die Qualität! Speichen aus Stahl, aus Fieberglas, Bezüge aus Schirmseide.
Golfschirme werden die breiten Schirme genannt, 130 Zentimeter Durchmesser. „Die hat Herr Wowereit schon bestellt.“ Persönlich? Nun, es war seine Sekretärin die anrief, und dann kam ein Wagen, in dem fuhren dann 20 Stück davon, in Schwarz. „Ein Staatsbesuch“, vermutet Dorota Wagner.
150 Euro kostet der teuerste Schirm
150 Euro kostet ihr teuerster Schirm, ein zierliches Modell mit lederbezogenem Griff, schwarze Spitze spannt sich über den orangefarbenen Schirm. Die Günstigsten gibt es für 36 Euro. Das sind kleine Taschenschirme, hierzulande besser bekannt als Knirpse. Die kommen aber heute aus Österreich. 2005 hat die Firma Doppler aus Braunau die einst deutsche Marke Knirps gekauft. Dorota Schäfer bezieht all ihre Ware von Doppler. „Meine Kunden wollen nichts anderes“, sagt sie. Vielleicht liegt das daran, dass es sich vor allem um ältere Herrschaften handelt, die auf das Bewährte setzen. Dafür kommen sie aus ganz Berlin zu ihr. „Manchmal ruft sogar jemand aus Westdeutschland an.“
Jedenfalls sind das keine Schirme, die man eben mal in der U-Bahn vergessen sollte oder in einem Schirmständer. Es sind auch keine Schirme, die man wegwirft, wenn eine Speiche gebrochen ist. Einen solchen Schirm würde man zur Reparatur bringen. Dorota Schäfer weiß nicht, was das Wort Nachhaltigkeit bedeutet, aber sie praktiziert sie. Sie erneuert Kronen, setzt Spitzen auf, nietet Speichen, bezieht Gestelle neu. Das hat sie alles von der alten Frau Metz gelernt, der sie zur Hand ging, bis diese nicht mehr konnte. Davor war Dorota Schäfer Hausfrau und froh, als sie rauskam. Sie hatte das Schild im Laden gesehen: Suche Verkäuferin. Sie wurde viel mehr als das.
„Wenn ich Schirme repariere, werde ich ganz ruhig“
Aus der Werkstatt hinter dem Laden holte sie einen Schirm, dessen Schieber sie erneuert hat. Damit schiebt man die Speichen nach oben. Er hat einen silberfarbenen Griff, ein pastellfarbenes Muster. Es ist ein Schirm aus der Vergangenheit. Tatsächlich passte kein neuer Schieber, doch Dorota Schäfer hat einen angebohrt, passend gemacht. „Wenn ich Schirme repariere, werde ich ganz ruhig“, sagt sie. In den kommenden Tagen wird sie wieder viel Gelegenheit zu dieser Art von Meditation zu haben. Es droht weiter Regen.
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