Ohne in Lottas Maul zu greifen, schaffte es Tomma irgendwie, die Wurst auf den Boden zu schütteln. Es steckte eine Rasierklinge darin. „Bei allem Entsetzen war ich mir ziemlich sicher, dass ich so schnell war, dass Lotta noch nichts geschluckt hatte.“ Tomma band sie sogar noch zusammen mit ihrem anderen Hund an einem Baum fest und sammelte vier weitere präparierte Wurstköder in unmittelbarer Nähe ein. Naturschutzgebiet im Biesenhorster Sand, hier führt Tomma fast täglich ihre Hunde aus. Dann gingen sie los, für den Fall, dass Lotta doch medizinische Hilfe brauchen sollte. Die Blutung stoppte aber bald.
Zwei Tage lang fraß die Mudi-Mischlingshündin aus Ungarn nicht und erbrach sich oft, dann ging es ihr wieder besser. Tomma meldete die Funde nicht bei der Polizei. Seit über zwölf Jahren hält die Karlshorsterin Hunde in Berlin und bezeichnet sich selbst als einigermaßen abgeklärt: „Ich glaube, dass die Täter einfach nicht zu finden sind und sich die Polizei auch nicht wirklich für solche Fälle interessiert.“
Brutal Berlin: Ein SUV ist eine Waffe auf Rädern
Vor einigen Jahren stieß sie im Volkspark Friedrichshain auf ein Stück Fleisch, auf das eine rote Substanz gestreut war. Sie rief die Polizei, die versprach vorbeizukommen, erschien aber nicht, und so entsorgte Tomma das Fleisch schließlich in der Mülltonne.
Den Rasierklingenfund postete sie diesmal auf Facebook in einer Karlshorster Gruppe. Von dort gelangte er in die App Dogorama, in der Hundehalter sich deutschlandweit austauschen und Gefahren für Hunde melden.
„Wo Hunde gehalten werden, gibt es auch Hundehasser“, sagt Jan Wittmann von Dogorama, „überall in Deutschland, aber in Berlin gab es in letzter Zeit schon besonders viele Meldungen.“
Rattengiftköder, Schneckengift oder mit Speck ummantelte Schrauben
Giftköder gegen Hunde sind kein neues Phänomen, sie scheinen eine bizarre Normalisierung der Grausamkeit zu sein. Jede Woche werden in Berlin versteckte Rattengiftköder, Fleisch mit Rasierklingen, mit Speck ummantelte Schrauben oder unter Leckerlies gemischtes Schneckengift gefunden. Zuletzt meldeten Hundehalter täglich weißes Pulver auf dem Boden. Viele befürchten, dass es sich hierbei um Alpha Chloralose handelt, das als Wirkstoff gegen Ratten recht neu auf dem Markt ist und bei Hunden und Katzen durch die Beeinträchtigung des Nervensystems zu Krämpfen, Koma und Tod führen kann.
Wie andere Rattengifte und Schädlingsbekämpfungsmittel ist Alpha Chloralose frei verkäuflich. Die offiziell in Deutschland zugelassenen und vertriebenen Mittel sind, um Verwechslungen auszuschließen, in grellen Farben eingefärbt und zum Teil mit Bitterstoffen versetzt. In den Weiten des Internets sind sie aber auch in unverarbeiteter weißer Pulverform erhältlich.
Verstreut wirklich jemand großflächig gefährliche Substanzen in der Stadt? Möchte jemand mit harmlosen Pulvern Angst verbreiten? Oder handelt es sich schlicht um Malheure mit zufällig verschütteten Substanzen, um deren Beseitigung von Straße, Bürgersteig oder Rasen sich – typisch Berlin – die Verursacher nicht scheren?
Hund müssten schon tot oder mindestens verletzt sein
Die Polizei trägt zu einer besseren Einschätzung der Lage nicht bei. Sie nimmt zwar immer wieder Proben von Substanzen, lässt diese aber kriminaltechnisch nicht auswerten. Eine Untersuchung erfolgt üblicherweise nur dann, wenn es Hinweise auf den oder die Täter gibt, was fast nie der Fall ist.
Selbst nach einer offiziellen Warnung durch das Veterinäramt vom 27. Februar 2022 vor einer kristallinen Substanz im Schlesischen Busch war bis zum Redaktionsschluss von der Polizei nur zu erfahren, dass ein Ergebnis nach Einsendung zur kriminaltechnischen Untersuchung noch nicht vorliege.
Der Tatbestand der schweren Gefährdung durch Freisetzen von Giften nach §330a StGB wird durch die Gefährdung von Hunden nicht erfüllt. Dafür müsste „die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung eines anderen Menschen oder die Gefahr einer Gesundheitsschädigung einer großen Zahl von Menschen verursacht“ worden sein.Und diese Gefahr wird laut Polizei durch die Staatsanwaltschaft bei Pulver auf Straßen und Wegen verneint und nur auf Spielplätzen bejaht.
Die strafrechtliche Einstufung von Hunden als Sachen führt zu dem Ergebnis, dass ein Giftköder maximal zu einer Sachbeschädigung werden kann. Dafür muss der Hund tot oder verletzt sein. Kommt er unverletzt davon, handelt es sich um eine versuchte Sachbeschädigung. Ausgestreutes Pulver ist auch in diesem Zusammenhang nicht relevant, es muss zumindest auf etwas Fressbares gestreut worden sein, um als Giftköder zu gelten. Zumindest nach dem Tierschutzgesetz ist das Auslegen von Giftködern strafbar und kann mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro geahndet werden.
Giftköderfälle werden von der Polizei nicht separat erfasst. Durch die Anfrage eines Senats-Abgeordneten recherchierte sie aber intern für das Jahr 2021 berlinweit 46 Fälle mit acht betroffenen Hunden und einer Katze (verletzt oder tot). Auch in diesem Jahr sollen laut Meldungen bei Dogorama und anderen Apps bereits mehrere Hunde gestorben sein.
Nur eine Frage der Zeit, bis Kind einen Köder in die Hände bekommt
Die Köder und die schlechte Position von Tieren im Rechtssystem frustrieren viele Hundebesitzer. Sie haben sich online in Gruppen vernetzt und tauschen sich stadtweit oder über die Lage in ihren Kiezen aus. Mindestens drei Hunde sollen in diesem Jahr bereits durch Giftköder gestorben sein. Um Aufmerksamkeit für das Problem zu generieren und den mangelnden Schutz von Hunden anzuprangern, hat Sarah O'Neill aus Neukölln die Gruppe „Keep our Dogs safe“ mitgegründet und im Februar eine Demonstration von der Hasenheide zum Tempelhofer Feld organisiert. In diesem Areal soll einer der gestorbenen Hunde das Gift gefressen haben, möglicherweise sogar im abgezäunten Hundeauslauf auf dem Tempelhofer Feld.
An die einhundert Hundebesitzer demonstrierten mit, viele von ihnen haben schon Giftköder gesehen oder kennen jemanden, dessen Hund mit Gift in Kontakt kam. In einer kurzen Ansprache forderte O'Neill einen besseren Schutz der Hunde durch konkrete Kontrollen, besseren Warnungen und eine andere Einstufung von Hunden im Strafrecht.
O'Neill hat ein Argument, das auch Menschen ohne Hunde erreichen könnte: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch ein Kind einen Köder in die Hände bekommen könnte. Mitorganisatorin Alaska Richter spitzt zu: Erst wenn ein Kind zu Schaden gekommen ist, wird die Giftköderproblematik ernst genommen werden.
Diese Einschätzung teilt Hundehalterin Nicole Voss. Im Sommer 2017 in Weißensee zog sie ihrer Hündin Biggi noch rechtzeitig ein mit dem für Hunde und Kinder gefährlichen Schneckengift „Schneckenkorn“ gespicktes Würstchen aus dem Maul. Ein weiteres fand sie direkt neben dem stark frequentierten Wasserspielplatz in ihrem Innenhof. „Die Polizei hat nicht mal den Köder mitgenommen“, erinnert sie sich, „die Analyse kam nachher von einem Tierarzt."
Nicole geht regelmäßig mit Biggy beim Hundesportverein Berlin Nordost zum Anti-Giftköder-Training, bei dem Hunde lernen sollen, nichts vom Boden zu fressen, weil sie von Frauchen oder Herrchen etwas viel Besseres bekommen. Dennoch ist es für jeden Hund eine in der Praxis schwer zu meisternde Herausforderung, Fressbares liegenzulassen.
Draußen lässt Tomma ihre Hunde nicht eine Sekunde aus den Augen
Einen steilen Anstieg der Vergiftungsfälle sehen Berliner Tierkliniken nicht. „Herkömmliches“ Rattengift wird mit der Gabe von Vitamin K behandelt. 2020 wurde es in der Tierärztlichen Klinik für Kleintiere in Berlin in Marzahn an 58 Tiere ausgegeben, 2021 an 66 Tiere und bis jetzt im Jahr 2022 an 17 Tiere. Die Zahl der in Berlin gehaltenen Hunde dagegen ist gestiegen: von 117.227 Hunden im Jahr 2020 auf 123.915 im Jahr 2021.
Gibt es mehr und aktivere Hundehasser, weil es mehr Hunde in der Stadt gibt?
Tomma mag darüber nicht so viel nachdenken, obwohl auch sie den Eindruck hat, dass die Zwischenfälle mit Giftködern zunehmen. „Vielleicht haben die Leute auch wegen Corona einfach weniger andere sinnvolle Dinge zu tun und lassen Frust ab“, sagt sie und weiß: Es ist ein sinnloser Versuch, sich in einen Menschen hinzuversetzen, der Hunden tückische, womöglich sogar tödliche Fallen stellt. Tomma will sich auch nach dem Kontakt mit dem Köder nicht in Panik versetzen lassen, lässt ihre Hunde aber draußen nicht eine Sekunde aus den Augen.
Das Smartphone als Ablenkungsquelle bleibt bei Hundespaziergängen immer in der Tasche. „Hätte ich gerade aufs Display geschaut“, sagt Tomma, „hätte ich das alles vermutlich gar nicht mitbekommen und Lotta wäre tot.“
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de