Klirrend kalt ist es wieder in Deutschland, nachdem schon der letzte Winter relativ kalt war - verglichen zumindest mit den zahlreichen milden Vorgängern. Ein Forscherteam hat nun eine mögliche Erklärung gefunden. Ein Paradox: Die Erderwärmung durch Treibhausgase könnte in Europa eine Tendenz zu kalten Wintern auslösen. Die Erklärung geht so: Im Osten der Arktis schrumpft das Eis auf dem Meer, Folge der globalen Erwärmung. Dadurch werden dort die unteren Luftschichten aufgeheizt, was wiederum zu einer starken Störung von Luftströmungen führen kann. Ergebnis sei eine mögliche Abkühlung der nördlichen Kontinente, heißt es in einer jüngst im Fachblatt Journal of Geophysical Research veröffentlichten Studie. Hauptautor Vladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sagt: "Diese Störungen könnten die Wahrscheinlichkeit des Auftretens extrem kalter Winter in Europa und Nordasien verdreifachen." Harte Winter wie der letzte oder der von 2005/06 widersprächen nicht dem Bild globaler Erwärmung. "Sie vervollständigen es eher."Tatsächlich zählten auch die letzten Jahre, in denen Europa Frostwinter verzeichnete, zu den wärmsten seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen vor 130 Jahren. Der Grund: Während es in Europa kalt war, lagen die Temperaturen in anderen Regionen ungewöhnlich hoch. Im Winter 2009/2010 war es zum Beispiel im Norden Kanadas, in Grönland und in der Nordpolarregion bis zu vier Grad wärmer als im Durchschnitt. In Nordafrika und in weiten Teilen Südostasiens waren es immerhin noch zwei Grad. Der globale Temperaturtrend zeigte im vergangenen Jahrzehnt nach den meisten Datensätzen, etwa dem der Nasa, weiter nach oben. Eine Ausnahme macht nur das britische Headley-Center; nach dessen Berechnungen blieb das Niveau in etwa gleich. Allerdings: Die Headley-Daten sparen die Arktis aus, die sich in den letzten Jahren besonders stark erwärmt hat.Die Forscher aus Potsdam und von der Uni Kiel untersuchten speziell die Barents-Kara-See nördlich von Norwegen und Russland, wo ausgerechnet im kalten europäischen Winter 2005/06 eine drastische Verkleinerung der Eisdecke beobachtet wurde. Sie ließen einen Hochleistungscomputer Szenarien rechnen, bei denen die Eisdecke in der Ost-Arktis von 100 Prozent schrittweise auf ein Prozent verringert wurde.Es zeigte sich, dass die Meeresoberfläche große Mengen Wärme an die kalte Luft verliert, wenn sie frei von Eis ist. Die Lufttemperatur habe sich in der Simulation stark verändert, Petoukhov zufolge könnte das abrupte Wechsel in der atmosphärischen Zirkulation auslösen. Die Erwärmung der Luft über der Barents-Kara See scheint demnach kalte Winterwinde nach Europa zu bringen."Mächtige Rückkopplung"Petoukhov kommentiert: "Wer denkt, das Schrumpfen der Eisfläche auf einem weit entfernten Meer müsse ihn nicht kümmern, liegt falsch." Im Klimasystem gebe es komplexe Fernbeziehungen, und in der Barents-Kara See liege offenbar eine solche "mächtige Rückkopplung" vor.Andere Erklärungsversuche für die kalten Winter in Europa, etwa eine verringerte Sonnenaktivität oder Veränderungen im Golfstrom, hält Petoukhov für nicht schlüssig. Während des Frostwinters 2005/06 seien auch keine Unregelmäßigkeiten in der "nordatlantischen Oszillation" beobachtet worden, die üblicherweise mit ungewöhnlichen Temperaturen in Europa in Zusammenhang gebracht werden - hier geht es um Schwankungen im Luftdruckunterschied zwischen Islandtief und Azorenhoch. Der jetzt entdeckte Zusammenhang zwischen den Vorgängen in der Barents-Kara See und der Winterkälte hingegen sei "ziemlich stark", so der Potsdamer Wissenschaftler. Aber wie der Winter tatsächlich wird will niemand genau voraussagen.------------------------------Schicht geschmolzenDie Barentssee und die Karasee liegen nördlich von Norwegen und des europäischen Teils Russlands. Der Nordatlantikstrom sorgt dafür, dass viele Häfen an der Barentssee ganzjährig eisfrei sind.Eine drastische Verkleinerung der Eisdecke wurde im kalten europäischen Winter 2005/06 sowohl in der Barentssee als auch in der Karasee beobachtet, das machte die Wissenschaftler nachdenklich.------------------------------Karte: Russland, Skandinavien: Arktischer Ozean, Barentssee, Karasee
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