Atom-U-Boote müssten abziehen
649 Seiten stark ist das Pamphlet mit dem Titel „Schottlands Zukunft“. Es wurde von Alex Salmonds nationalistischer Regionalregierung erarbeitet und geht tatsächlich Wort für Wort auf Bürgerfragen ein. „Dies ist der umfassendste Entwurf für einen unabhängigen Staat, der jemals veröffentlicht wurde, nicht nur für Schottland, sondern für jede potenziell unabhängige Nation“, verkündete der Ministerpräsident bei der Vorstellung des Weißbuchs in Glasgow stolz. Dem Anlass angemessen, hatte er eine Krawatte in der Nationalfarbe Blau, verziert mit kleinen schottischen Fahnen, umgebunden. Salmond will das Werk als Leitfaden für die Wähler verstanden wissen, der ihnen bei ihrem Entscheidungsfindungsprozess bis zum kommenden Herbst die „wirtschaftlichen, sozialen und demokratischen Argumente für die Unabhängigkeit“ liefert.
Für den Chef der Schottischen Nationalpartei (SNP) besteht kein Zweifel daran, dass der nördliche Teil Großbritanniens unabhängig von London zu einer blühenden eigenständigen Staatsmacht werden kann. Denn in Relation zu seiner Größe und Bevölkerungszahl habe Schottland „die achtgrößte Leistung aller entwickelten Länder auf der ganzen Welt“. Nordseeöl, Industrie und der Ausbau erneuerbarer Energien werden nach Salmonds Plänen in Zukunft den Wohlstand sichern. Und die Queen, die auch die Krone Schottlands trägt, soll selbstverständlich das Staatsoberhaupt der Schotten bleiben.
Weiterhin haben die Bürger nun Schwarz auf Weiß, dass ein unabhängiges Schottland Nato-Mitglied bleibt, schnellstmöglich der EU beitritt und zur atomwaffenfreien Zone wird. Die britischen Atom-U-Boote, die an der nördlichen Küste liegen, müssten im Falle eines erfolgreichen Referendums von London abgezogen werden. Außerdem will Schottland das Pfund Sterling als Währung behalten.
Dies ist freilich nur einer der Punkte, den die Gegenseite erheblich in Frage stellt. Alle großen Parteien in Westminster, Regierung wie Opposition, lehnen die Spaltung des Königreiches ab.
Viele sind noch unentschieden
Eine Mitgliedschaft in Währungs- und Staatenbündnissen setze üblicherweise einen zähen Verhandlungsprozess voraus, argumentierten die in der „Better-Together-Kampagne“ zusammengeschlossenen Unabhängigkeitsgegner am Dienstag: Der Krone treu zu bleiben, das Pfund zu behalten, eine eigene Nato-Streitmacht aufzubauen – das alles sei nicht gottgegeben. Bei der Pressekonferenz vor 200 inländischen und ausländischen Journalisten in Glasgow wurde Salmond gefragt, ob in seinem Weißbuch nicht Worte wie „vielleicht“, „möglicherweise“ und „bestenfalls“ fehlten.
Der frühere britische Finanzminister Alistair Darling, ein Schotte, der für den Erhalt der Union streitet, nannte Salmonds Buch „zum großen Teil Fiktion“. Er erinnerte daran, dass für die Beibehaltung des Pfunds die Zustimmung der Bank of England nötig sei. „Warum sollten sich die Schotten nach ihrer Unabhängigkeit weiter die Fiskal- und Geldpolitik aus London diktieren lassen?“, fragte er. „Sehen Sie sich den Euro an: Viele Länder würden heute lieber davonrennen, statt sich einer Währungsunion anzuschließen.“ Der Plan, so Darling, sei nicht durchdacht. Das britische Finanzministerium hatte erst am Montag Zahlen herausgegeben, die besagen, dass jeder Schotte in einem selbstständigen Staat Steuererhöhungen von tausend Pfund zu erwarten hat.
Bisher wollen nur 38 Prozent der Schotten die Unabhängigkeit; viele Wähler, so eine Umfrage der Sunday Times, sind allerdings noch unentschieden. Die Bürger in England, Wales und Nordirland werden bei der Volksabstimmung am 18. September 2014 übrigens nicht gefragt.
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