Schuhe in Venedig

Man möchte vor Glück seufzen

Schuhe wie exotische Vögel, die türkisfarben schillern, mit Schlangenköpfen oder Satelliten am Hacken - ein Besuch in den Werkstätten von drei Frauen, die in Venedig kunstvolle Schuhe anfertigen.

Inge Ahrens
5 Min
Gabriele Gmeiner ist eine der letzten Schuhmacherinnen von Venedig.

Gabriele Gmeiner ist eine der letzten Schuhmacherinnen von Venedig.

© Inge Ahrens Lizenz

Daniela Ghezzo stellt meinen Fuß auf ein Stück Papier und zeichnet mit einem Bleistift drum herum. Das Maßband legt sie um jede Erhebung. Daniela ist Venezianerin und Schuhmacherin ihrer Stadt. Eine der besten. Sie hat das Atelier und die Werkstatt von Rolando Segalin übernommen. Der starb 2014 und war Venedigs Schuhmacherlegende. Daniela Ghezzos Schuhe haben die Eleganz alter Bilder. Sie sind aus Seide, aus schmeichelndem Kalbsleder, aus Schlange vielleicht. Man möchte hineinschlüpfen, vor Glück seufzen und die Serenissima erobern.

Venedig ist ein hartes Pflaster. Treppauf treppab treibt es die Touristenströme über Brücken, an Kanalufern entlang durch schmale Gassen in die immer etwas verwirrende Architektur stiller oder trubeliger Stadtteile. Jüngere und ältere Mädchen in Schläppchen und Stilettos machen da bald schlapp, Shopping hin oder her. Gutes Schuhwerk bessert die Laune.

Wer seine Füße liebt, genug gespart hat und eine ordentliche Portion Geduld mitbringt, wird fündig und kann sich in einer von drei Schuhmacher-Werkstätten bei drei sehr unterschiedlichen, geschickten Frauen sein persönliches Paar anpassen lassen. Venedigs handgemachte Schuhe stammen nämlich ausschließlich aus der Hand von Frauen. „Die letzten hartnäckigen Mädchen blieben“, verrät Gabriele Gmeiner. Sie blieben bei Rolando Segalin. Auch die Vorarlbergerin in Venedig hat bei ihm gearbeitet. „Er war mein Lehrmeister“, erinnert sie sich. „Er nahm mir die Scheu davor, ich selbst zu sein.“

Segalin umgab sich gern mit Frauen. Er hatte lebenslange Mitarbeiter, und nur einer war ein Mann. Der letzte Schuhmacher von Venedig war ein Künstler, wie man an einigen seiner Schuhe bei Daniela Ghezzo und an dem hölzernen Fußmodell sehen kann, das bei Gabriele Gmeiner an der Wand hängt. Ihre Werkstatt befindet sich an einem stillen Platz nicht weit von Rialto. Zu Gabriele muss man wollen, so wie die Wiener Kundin, die gerade in ihren passgenauen neuen Schuhen schwelgt.

Probeschuh per Post

„Hach, ist das schön“, zwitschert sie vor Vergnügen. „Nur meinen Mann kriege ich nicht hierher. Immer dieses Anprobieren, stöhnt er.“ Die begeisterte Dame lässt sich bei jedem Venedig-Besuch ein neues Paar anpassen, weich wie ein Handschuh, aus samtigem Kalbsleder.

Darauf muss man als Kunde allerdings warten wollen. Anmeldung erwünscht. Gabriele Gmeiner nimmt vormittags Maß, wenn die Füße vom Laufen noch nicht angeschwollen sind. Kundin oder Kunde machen eine Anzahlung. Dann wird ein hölzerner Leisten gefertigt. Der Probeschuh vom Leder zweiter Wahl wird per Post zugestellt. Idealer ist es, die Kundin kommt noch mal vorbei. „Es gibt immer was zu verbessern“, weiß Gabriele Gmeiner.

Für den Maßschuh im ausgewählten Leder braucht sie bis zu 80 Arbeitsstunden. So können schon mal zehn Monate vergehen, bis nach dem Feintuning alles perfekt ist. „Schuhe sind schließlich kein Souvenir, sondern ein Nischenprodukt“, sagt Gmeiner, die an einer berühmten Londoner Schule für Schuhmacher lernte und wirklich alles selbst macht. Für Frauen und für Männer. Männerschuhe seien weniger modisch, eher ein Statussymbol wie eine tolle Uhr oder ein schnelles Auto. Unter 2 200 Euro ist bei ihr kein Paar zu haben. Stammkunden sind ihr treu.

So wie die Wiener Dame, die glücklich davoneilt, nicht, ohne einen neuen Termin für das nächste Paar und ihren nächsten Besuch zu vereinbaren.

Satelliten am Hacken

Bleibt noch die dritte im Bunde: Giovanna Zanella im Sestiere Castello. Giovanna in der Lederschürze sitzt gut gelaunt an ihrer Werkbank und hämmert gerade auf einen Schuh ein. Ihr Ladenatelier gleicht einer Boutique. Ihre Schuhe sehen aus wie exotische Vögel. Rote Wildledersandaletten mit flirrenden Kunststoffhaaren. Türkis schillernde Pumps und zyklamfarbene mit riesigen Wimpern. Giovannas Schlangenschuhe haben originale Köpfe, andere zieren Satelliten am Hacken. Nicht immer gleicht bei einem Paar ein Schuh dem andern. Menschen mit Sendungsbewusstsein und Mut zur Provokation bekommen nach etwa vier Monaten für mindestens 650 Euro den Schuh ihrer Wahl.

Auch Giovanna, die auf der Laguneninsel Sant’Erasmo geboren wurde, hat ihr Handwerk bei Rolando Segalin gelernt. Die Verehrung für den Meister eint die drei Schuhmacherinnen. Das ist aber auch schon das Einzige. Ihre Schuhe sind so verschieden wie ihre Preise.

Bei Daniela Ghezzo müssen Frauen mindestens 1 200 Euro auf den Tisch legen, Männer weitaus mehr. Ihre Kunden sind die neuen Reichen, die greifen schon mal zu Fischhaut oder Elefantenleder. Daniela liebt es klassisch. „Nein, bloß keine Pailletten- oder Clownsschuhe“, schwört sie.

Anreise: Direktflug mit Air Berlin oder Easyjet von Tegel oder Schönefeld. Der Flug dauert rund eine Stunde und 45 Minuten.

Hoteltipp: Pensione La Calcina, EZ und DZ ab 80 Euro je nach Buchungsart, Dorsoduro 780, Zattere, I-30123 Venedig,

Tel. 0039-041-520 64 66,

www.lacalcina.com

Schuhe: Giovanna Zanella,

Castello, S. Lio – Calle Carminati 5641, Tel. 0039-041-523 55 00

www.giovannazanella.it

Atelier Segalin di Daniela Ghezzo, San Marco 4365,

Tel. 0039-041-522 21 15www.danielaghezzo.it

Gabriele Gmeiner, San Polo 951/ 951A, Campiello del Sol,

Tel. 0039-33 88 96 21 89

www.gabrielegmeiner.com

Pied à Terre, Rialto/San Polo 60, Tel. 0039-34 85 64 65 48

www.piedaterre-venice.com

Lesetipp: Ein wunderbares, taufrisches Buch für shoppende Frauen in Venedig kommt von Isabella Campagnol und Elisabeth Rainer: „My Pretty Venice. A Girl’s Guide to True Venice“. In englischer Sprache. Bisher nur im Internet zu

bestellen. 15,30 Euro, Gremese, Rom 2015.

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