Das Olympiastadion haben sie in Sotschi ans Wasser gebaut. Die Besucher sollen in der Ferne die schneebedeckten Bergspitzen vor Augen haben und in der Nähe das Schwarze Meer. Aber von der Strandpromenade trennen es drei unüberwindliche Zäune, dazwischen eine Straße und eine kleine Schlammwüste. Es ist eben noch alles sehr neu.
Das Stadion haben sie Fischt getauft. Das klingt in deutschen Ohren wie ein Imperativ. Macht Jagd auf Meeresbewohner! Aber sie haben sich nur den Namen eines fast drei Kilometer hohen Berges ausgeliehen. Der steht in der Republik Adygeja, die im Süden der Russischen Föderation liegt.
Macht man sich auf den frisch gepflasterten Weg hinter dem Stadion die Küste entlang, dann passiert man eine noble Neubausiedlung, die fast fertig ist. Ein schicker Bungalow aus hellem Klinkerstein, mit großen Fenstern und nettem kleinen Swimmingpool reiht sich an den nächsten und wartet auf seinen Oligarchen.
Auf dem Weg zum Ende des ausgebauten Strandes stehen immer wieder Männer an der Mauer zum Strand. Sie tragen Jeans und Lederjacken oder Trainingsanzüge, aber wenn Loriot ihre Ehefrauen fragen ließe, ob sie sich nicht mal bewegen wollten, würden sie sagen, sie mögen nur stehen, einfach nur stehen, nichts sonst. Und dann auf dem letzten Teil der Strandpromenade, kurz bevor der Weg aufhört, wo große schwarze Rohre lagern, stehen die Männer nicht mehr auf den Pflastersteinen, sondern unten am Wasser. Sie fischen. Jeder hat mindestens zwei Ruten ins Wasser gehängt, die ganz fleißigen gleich vier. Jede Brise weht eine Spur schweren Alkoholduftes durch die Luft.
Das liegt vielleicht daran, dass man sich Mut antrinken muss, um im Schwarzen Meer zu angeln. Das Wasser ist sehr besonders. Einerseits liegt es daran, dass es sich in zwei Schichten teilt, weil aus dem Mittelmeer über den Bosporus ordentlich Salzwasser hereinschwimmt, während gleich drei große Flüsse – Donau, Dnjepr und Don – reichlich Süßwasser einbringen, das oberhalb des schwereren Salzwassers bleibt.
Bedrohtes Schwarzmeer
In den tieferen Schichten können daher höchstens extrem spezialisierte Mikroorganismen überleben. Und weiter oben wird das Überleben anderen Wasserlebewesen auch erst allmählich wieder möglich, weil die Flüsse nicht nur Süßwasser, sondern darin auch sehr viel Blei, Uran und Schwermetall antransportiert haben. Aus diesem Grunde wurde das Schwarze zu einem der bedrohtesten Meere der Erde überhaupt.
Anders als in der Bucht von San Francisco allerdings hängen nirgendwo Schilder, die ausweisen, welche Fische man lieber nicht zum Verzehr fangen sollte, weil sie kontaminiert sein könnten. Also stehen die Angler da unten und können mit etwas Glück Wolfsbarsche, Makrelen, Sardinen, Thunfisch, Flunder oder gar Stör an Land ziehen. Einer von ihnen heißt Ruslan. Er kennt sich gut aus. Er weiß genau, dass weder Angela Merkel noch Joachim Gauck bei der Eröffnungsfeier waren. Noch Barack Obama. Es hat ihn geärgert. Aber er sagt auch: „Ich gehe nicht zu Olympia. Ich bin ja von hier.“
Und Ruslan sagt, dass er im Sicherheitsdienst arbeitet. Sein Schichtdienst klingt fair: Einen Tag aufpassen, drei Tage frei – für 1 000 Dollar im Monat. Was er nicht sagt ist, ob er gerade bei der Arbeit ist oder frei hat.
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